Beim Kampfmittelräumdienst sind die Auftragsbücher voll wie nie

Von: Carsten Rose
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Friedhelm Kramen spürt mit seinen Arbeitskollegen Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg in Hürtgenwald auf. Foto: Carsten Rose
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Große Flächen sucht die Firma Röhll mit Traktoren und fahrbaren Messgeräten ab. Foto: Carsten Rose
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Es werden nicht nur Munitionsreste gefunden, größtenteils wird Schrott entdeckt. Foto: Carsten Rose
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Auf der Suche ist das Team nach Munitionsresten wie diesen. Foto: Carsten Rose

Kreis Düren. Ein Blick in die Auftragsbücher von Jürgen Plum liefert den Beweis, dass es für ihn im Kreis Düren einen direkten Zusammenhang zwischen niedrigen Zinsen und Waffenmunition, Granaten und Bomben gibt.

Jürgen Plum ist kein Waffenhändler, bei dem sich die Armeen dieser Welt dank des billigen Geldes mit Nachschub versorgen. Nein, Jürgen Plum und seine Firma profitieren davon, dass Unternehmen in neue Werke investieren, Kommunen und Privatpersonen neue Grundstücke erschließen, Windparks entstehen. Denn immer dann, wenn Bauherren in den Boden eingreifen, kann Plum seine Angestellten losschicken: die Kampfmittelräumer – sie sorgen dafür, dass Häuslebauer im Boden nicht auf eine böse Überraschung stoßen.

An der Straße „Im Roßbroich“ in Kleinhau haben in den vergangenen zehn Tagen Männer in grellen Arbeitsjacken etliche Holzpflöcke in den Boden gehauen. Auf einer 2500 Quadratmeter großen Wiese soll bald ein Haus stehen, aber erst dann, wenn der Untergrund befreit ist von Überresten des Zweiten Weltkrieges. Dort, wo sie vermutet werden, wird ein Pflock gesetzt. Und weil Kleinhau in Hürtgenwald liegt, einem Hauptgebiet der damaligen Kriegshandlungen, werden in der Gegend relativ viele Pflöcke benötigt.

„Es gibt keine Stelle im Hürtgenwald, wo wir nichts finden“, sagt Friedhelm Kramen, 63, Truppführer der Männer in greller Kluft. Er ist seit 1984 bei der Firma von Jürgen Plum angestellt und wurde zuvor bei der Bundeswehr zum Feuerwerker ausgebildet. Bevor er mit seinen Kollegen zu einem künftigen Baugebiet rausfährt, studiert er Luftbilder: Auswertungen der Alliierten zeigen, wo während der Kämpfe damals im Hürtgenwald Bomben abgeworfen wurden – also auch, wo vermutliche Blindgänger liegen könnten – oder Flagstellungen standen. „Hürtgenwald ist ein Splittergebiet, die Bilder sind total bunt“, sagt Jürgen Plum.

Das kleine Grundstück „Im Roßbroich“ war so bunt, dass aus den erst kalkulierten zwei Arbeitstagen eben zwei Wochen wurden. In der Zeit haben Kramen und seine Kollegen Überreste von unzähligen Patronenhülsen sowie rund 20 Granaten verschiedener Größen gefunden. Das sei relativ viel, sagt Kramen, aber größtenteils findet der Trupp: Schrott. Die Metallsuchgeräte (für die Oberfläche) und Gradiometer (reichen bis zu fünf Meter tief) unterscheiden nämlich nicht. Sie piepen einfach.

Man muss aber wissen, dass Kramen & Co. keine Bomben entschärfen, falls sie welche finden. Suchen, identifizieren, freilegen, lagern – nur das ist die Arbeit der Firma Röhll aus Düren. Für die Entschärfung verantwortlich ist der Kampfmittelräumdienst des Landes NRW, das die Arbeiten koordiniert und bezahlt, auch bei Privatpersonen. Nur dann nicht, wenn das Grundstück vorher dem Bund gehörte, wie die ehemalige Panzerkaserne in Dürens Süden. Will die Stadt dort irgendwann mal bauen, muss sie als neue Eigentümerin die Räumung bezahlen.

Wie viel Munition im Kreis Düren nach dem Zweiten Weltkrieg entsorgt wurde, ist der Bezirksregierung in Düsseldorf nicht bekannt. Indes wurden in den vergangenen drei Jahren 57 Bomben, die mindestens 125 Kilo wiegen, im Kreis gefunden – überwiegend am Tagebau Inden. Auch sei unklar, wie viel Munition noch im Boden steckt. Schätzungsweise wurden 650 000 Tonnen aller Munitionsarten über NRW abgeworfen. Man sagt, dass etwa 13 Prozent aller Bombenabwürfe Blindgänger waren.

Im Stadtgebiet ist eine Sondierung mit Messgeräten wie auf dem Kleinhauer Grundstück nicht möglich, wenn der Boden geteert ist. Stehen Tiefbauten an, wird anhand des Luftbildes direkt gebohrt: sieben Meter tief, bei einem Durchmesser von sechs Metern, 37 Löcher. „Das ist unsere Hauptarbeit, wir haben meistens Tageseinsätze“, sagt Jürgen Plum, „wir sind mit zwölf, dreizehn Bohrgeräten täglich unterwegs in NRW.“ Für den Kreis Düren stünden jährlich etwa 80 bis 100 Einsätze aller Art in seinen Auftragsbüchern, in ganz NRW seien es bis zu 700.

Plum erinnert sich auch an einen der größten Einsätze. Ab 1976 wurde das Gebiet rund um die Wehebachtalsperre abgesucht, 236 Hektar Fläche. Dauer: drei Jahre.

Andreas Becker, 30, hat am Freitagmorgen nur eine knappe Stunde mit einem Traktor auf einem 9500 Quadratmeter großen Feld an der Paulstraße in Merken seine Bahnen gezogen. Die Fläche ist zu groß, um sie manuell abzusuchen. Ein mit Sonden bestücktes Messgerät am Trecker schickt die Ergebnisse zur Bezirksregierung nach Düsseldorf. „Per GPS werden Störungen und Anomalien im Boden direkt festgehalten“, sagt Becker, der seit 2008 für das Unternehmen tätig ist. Je nachdem, was die Messungen ergeben, wird wieder ein Trupp aufs Feld geschickt, um so manche Überreste zu bergen.

Manche Fundstücke landen in der Geschäftsstelle der Firma von Jürgen Plum in Düren-Hoven: gut erhaltene Patronen- oder Granatenhülsen, Überreste von Pistolen. Noch stehen die Chancen sehr gut, dass die Angestellten von Plum auf verhältnismäßig viele gut erhaltene Funde stoßen – vorausgesetzt, die Zinsen steigen nicht schlagartig.

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