Bei ihrem Hund sind Streicheln und Füttern nicht erlaubt

Von: Anne Wildermann
Letzte Aktualisierung:
14739658.jpg
Susanne Draheim mit ihrer Blindenführhündin Gustel auf dem Weg zum Dürener Stadtcenter. Welchen Bus Frauchen nehmen muss, weiß Gustel nicht. Draheim fragt dann den Busfahrer. Foto: Wildermann

Düren. Susanne Draheim steht an der Theke eines Bäckers in einem Supermarkt in der Dürener Innenstadt. Die 41-Jährige kauft Brot für das Abendessen. Neben ihr steht geduldig ihre sechs Jahre alte Labradorhündin Gustel. Gustel ist ein spezieller Hund: Sie wurde zum Blindenführhund ausgebildet und ersetzt seit viereinhalb Jahren das Sehvermögen, das ihrem Frauchen fehlt. Draheim hat nur noch ein Sehvermögen von zwei bis drei Prozent.

Aufgrund ihrer Behinderung entgeht Draheim einiges – auch, dass die freundlich lächelnde Bäckereiverkäuferin hinter dem Tresen hervorkommt und Gustel eine kleingerupfte Laugenstange mit Käse zuwirft. Die Hündin schnappt gekonnt nach dem Snack und zerkaut ihn. Ein Bekannter macht die sehbehinderte Frau darauf aufmerksam. Vor dem Eingang zum Supermarkt macht Draheim ihrem Ärger Luft. „Die Leute verstehen einfach nicht, dass sich so etwas nicht gehört. Nicht nur, dass Gustel von Fremden gefüttert wird, sie wird auch von ihnen angefasst und mit Schnalzlauten angelockt“, erzählt Draheim aufgeregt.

An Gustels 300 Euro teurem Blindengeschirr ist ein neonorangefarbenes Schild befestigt, auf dem steht: „Nicht streicheln, ich arbeite!“ Diesen Hinweis scheinen Passanten zu übersehen.

Auch ein älterer Mann, der auf seinem Rollator mit Freunden in einem Straßencafé in der Wirtelstraße sitzt und Kaffee trinkt. Während Draheim mit Gustel an dem Mann vorbeigeht, ruft er nach dem Hund. Gustel reagiert allerdings nicht. Dafür ihre Halterin.

Sie dreht sich um, geht zu dem Mann und fragt ihn freundlich, warum er nach dem Hund gerufen habe. Der Mann beantwortet die Frage nicht, sondern lächelt nur. Er versteht Draheim nicht. Auch dann nicht, als sie ihm erklärt, gerade weil Gustel kein gewöhnlicher Hund sei, sei es tabu, nach ihr zu rufen, wenn sie das Geschirr trage. „Der Hund arbeitet. Jedes Rufen kann Gustel ablenken, und das kann dann auch letztlich für mich zum Problem werden“, erklärt Draheim dem Mann. Dieser reagiert weiterhin nur mit einem Lächeln. „Er hat es nicht verstanden“, sagt Draheim, während sie ihren Weg mit Gustel durch die Fußgängerzone fortsetzt.

Diese zwei Situationen sind für Draheim Alltag, die sie mal mehr und mal weniger nerven. Hin und wieder stellt sie die Leute zur Rede. „Ich weiß inzwischen, wer beratungsresistent ist und wer nicht“, sagt sie. Kinder und Jugendliche seien ihrer Ansicht nach aufgeklärter als Erwachsene. Sie erinnert sich an eine Situation im Linienbus. Ein Erwachsener streichelte Gustel, und ein Schulkind belehrte ihn, dass es verboten sei, den Hund während seiner Arbeitszeit zu tätscheln. „In der Schule lernen die Jungen und Mädchen das und beweisen damit mehr Wissen“, betont Draheim. Im Übrigen seien es auch immer dieselben Leute, die Gustel streicheln, locken und füttern.

Zutraulich und verschmust

Nicht nur dass Gustel von Rufen und Streicheleinheiten abgelenkt wird: „Ich höre immer, wie die Leute sagen, dass Gustel traurig und hungrig aussehe. Sie scheint wohl Mitleid zu erregen“, sagt Draheim und fügt an, dass die Hündin durch das Füttern vier Kilo zu viel auf den Rippen habe. Hungrig und traurig wirkt Gustel nicht, dafür sehr zutraulich und verschmust – nicht immer gute Eigenschaften, wenn sie mit ihrem Frauchen unterwegs ist.

Probleme hat Draheim anscheinend nur auf der Straße. Im Kino, Schwimmbad, in Läden und Supermärkten in Düren kann sie Gustel ohne Widerstand der Angestellten oder Beschwerden der Kunden mitnehmen. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln läuft alles glatt, wenn nicht hin und wieder Mütter mit Kinderwagen oder Senioren mit Gehhilfen den Klappsitz für Behinderte im Bus stets für sich beanspruchen würden. „Vor allem ältere Leute verstehen nicht, dass ich auch ein Recht auf diesen Sitzplatz habe“, sagt Draheim. Gustel hat schließlich in ihrer Ausbildung gelernt, beim Betreten des Busses, Frauchen zum Platz in der Busmitte zu führen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert