Düren - Barfuß über Stock und Stein: Neuer Pfad an LVR-Louis-Braille-Schule

Barfuß über Stock und Stein: Neuer Pfad an LVR-Louis-Braille-Schule

Von: Nicola Gottfroh
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Barfuß über Stock und Stein:
Barfuß über Stock und Stein: Schülerin Celina tastet sich den neuen Barfußpfad an der Louis-Braille-Schule entlang. Das schärft die Sinne und die Tiefensensibilität. Foto: Gottfroh

Düren. In Celinas Gesicht kann man Lesen wie in einem offenen Buch. Bei jedem Schritt ändert sich ihre Miene. Sie zieht eine Schnute, als ihre nackten Füße die dicken, kalten Flusskiesel berühren, dagegen entspannen sich die Gesichtszüge, als ihre Zehenspitzen ganz vorsichtig in den warmen, weichen Sand eintauchen.

Der Grund, warum Celina auf Schuhe mit schützender Gummisohle verzichtet hat, ist die neue Sinneserfahrung, die allen Schülern an der LVR-Louis-Braille-Schule seit Montag auf dem Schulhof zur Verfügung steht: Ein Barfußpfad.

Natürlich will Celina den Pfad direkt ausprobieren, um ihre Sinne schärfen. Je besser die, die ihr zur Verfügung stehen, ausgebildet sind, umso leichter wird ihr Leben und ihr Alltag. Denn Celina fehlt ein Sinn. Sie ist sehbehindert - so wie ihre 191 Mitschüler an der Louis-Braille-Schule.

Die Idee zum Barfußpfad hatte Ergotherapeutin Bianca Janssen. Im Rahmen einer Hausarbeit, die sie in ihrer Ausbildung zur Fachlehrerin für Förderschulen ablegen muss, hat sie das Projekt initiiert. „Das Barfußlaufen regt alle Sinne an. Mit den Füßen können wir wie mit den Händen Oberflächenmerkmale wie rau, glatt, kalt, warm, weich und hart wahrnehmen. Dabei wird die Tastwahrnehmung geschärft, was dem gesamten Körper zugute kommt”, erklärt sie.

Denn viele der Kinder haben nicht nur Sehbehinderungen. „Auch das Gleichgewicht und die Tiefensensibilität sind bei unseren Schülern oft gestört. Somit ist es für diese Kinder doppelt schwer, den Sehausfall mit den Händen zu kompensieren”, sagt Bianca Janssen.

Der Barfußpfad soll nun helfen, die Gleichgewichtssinn und Tastempfinden zu schärfen - und das auf ganz andere Weise als beispielsweise mit einem Tastbrett. „Die meisten blinden Menschen kommen nicht vom Weg ab. Sie bewegen sich auf Bordsteinen und Asphalt, seltener aber in der freien Natur - erst Recht nicht barfuß”, sagt Janssen.

Auf dem Pfad heißt es nun Schuhe aus und Socken von den Füßen und die Materialien der Natur unmittelbar an der Fußsohle erleben. In den acht Materialbetten des Pfads finden sich grobe Holzhäcksel und große Flusskiesel, Feinsplit und Halbrundhölzer, Kieselsteine, Sand, Pinienrinde und Perlkies.

Nicht alle Materialien mögen die Kinder gerne unter ihren Füßen spüren. „Die dicken Steine tun schon ein bisschen weh und über die Kiesel zu laufen war nicht so angenehm”, findet Celina. Ihr Schulkamerad Mohammet (13) dagegen fand den Gang über die Kiesel spitze. „Das hat unter den Füßen ganz schön gekribbelt”, sagt der blinde Junge. Und auch das Barfußlaufen an sich gefällt ihm. Sonst geht er ohne Schuhe meist nicht einmal über die Wiese.

Auf ein Stück ihres Schulhofes müssen die Kinder für den neuen Pfad allerdings nicht verzichten. Zur Ausstattung der Blindenschule gehörte schon vor Jahrzehnten eine eigene Übungsstrecke für das Mobilitätstraining mit dem Langstock.

Auf Steigerungen, Treppen und unterschiedlich gepflasterten Wegen bereiteten die Lehrer ihre Schüler auf die selbstständige Orientierung im Straßenverkehr vor. Auf einem inzwischen nicht mehr genutzten Abschnitt der Trainingsstrecke wurde nun der neue Barfußpfad hergerichtet. Und natürlich durften die Kinder aus der Klasse von Bianca Janssen bei der Errichtung selbst mit anpacken und das Sinnesexperiment hautnah bei seiner Entstehung erleben. „Wir sind jetzt schon echte Barfußpfad-Experten”, sagt Mohammet. Eine Hilfe finanzieller Art gab es von dem Dürener Service Betrieb, der die Materialien im Wert von rund 250 Euro zur Verfügung stellte.

Und die Förderer können sicher sein, dass die Schüler der Blindenschule nun häufiger ohne Socken und Schuhe über Stock und Stein laufen werden - und barfuß die Welt ertasten lernen.
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