Bäckerwalz: Mit „Charlie“ auf den Schultern gehts los

Von: Sarah Maria Berners
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Begleitet von sechs Gesellen und zwei Gesellinnen ist Maurice Rey (vorne links) am Montag von Müddersheim in die Welt gezogen, doch bevor es losging, musst er über das Ortsschild klettern. Seine Heimat wird er erst in zwei Jahren und einem Tag wiedersehen. Foto: Berners
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Begleitet von sechs Gesellen und zwei Gesellinnen ist Maurice Rey (vorne links) am Montag von Müddersheim in die Welt gezogen. Seine Heimat wird er erst in zwei Jahren und einem Tag Foto: Berners

Müddersheim. Ein paar Socken und Unterhosen, ein T-Shirt, eine Hose, Schlafsack, Zahnpasta und -bürste – viel mehr hat Maurice Rey nicht in seinen „Charlie“, das traditionelle Stofftuch der Wandergesellen, gepackt. Keine Regenjacke, kein dicker Wintermantel, kein Handy – so sind die Regeln. In der Jacke seiner Bäcker-Kluft stecken Wanderbuch, Liederheft und Fotoapparat, der Stock steht griffbereit. Das Abenteuer Walz kann beginnen.

Drei Tischler, ein Steinmetz sowie vier Gesellen und Gesellinnen seiner Zunft sind nach Müddersheim gezogen, um den 20-jährigen Bäcker „loszumachen“, ihn auf den ersten Schritten seiner Walz zu begleiten und ihn in die Regeln der Wanderschaft einzuführen. Montagmorgen ging es los, mit dem Stempel der Gemeinde Vettweiß im Wanderbuch.

Bald werden die Neun, die aus allen Ecken des Landes kommen, sich trennen. Maurice Rey wird aber noch zwei Monate lang an der Seite seines Export-Gesellen durchs Land ziehen. „Es gibt viel zu lernen“, sagt Albert (20), der sich mit Nachnamen Bäcker nennt. Er erklärt: „Einige Informationen und Traditionen geben wir nur von Gesellen zu Gesellen weiter. Unsere Sprüche und die Melodien der Lieder zum Beispiel sind nirgendwo schriftlich festgehalten.“ Vom Export-Gesellen gibt es aber auch ganz praktische Ratschläge für die Arbeits- und die Zimmersuche. „Manchmal muss man im Regen eben eine Bankfiliale aufsuchen“, erzählt der.

„Ich möchte mein Handwerk noch intensiver bei verschiedenen Meistern erlernen und ich möchte Land und Leute kennenlernen“, sagt Maurice Rey. Leicht ist ihm die Entscheidung nicht gefallen, aber er freut sich auf das große Abenteuer und blickt den ersten Sommernächten im „Sternenhotel“ gespannt entgegen. Und wenn man die Gesellen bei ihrem Treffen und den traditionellen Zeremonien beobachtet, dann werden es nicht nur zwei aufregende Jahre, sondern auch zwei sehr amüsante für den Müddersheimer. „Und manchmal ist es auch ein bisschen einsam“, sagt Bäckergesellin Sarah Schumann (24). Aber auch daran wachse man.

Montagmorgen war die Stimmung am Dorfgemeinschaftshaus, wo Freunde, Familie, Bekannte und der ehemalige Meister zusammengekommen waren, fröhlich und doch standen alle mit einem mulmigen Gefühl dort: In den kommenden zwei Jahren darf der Wandergeselle einen Bannkreis von 50 Kilometern um sein Heimatdorf nicht betreten, auch nicht an Weihnachten. Aber die „Heimat“ kann zu ihm kommen. „Man möchte ihn ziehen lassen und zugleich hier behalten“, sagt Opa Arnold de Vries, bei dem Maurice aufgewachsen ist.

Bereichernde Erfahrung

„Jeder Wandergeselle sagt, dass diese Erfahrung sehr bereichernd ist. Deswegen haben wir Maurice von Beginn an unterstützt. Es ist schön, wenn Traditionen fortbestehen“, sagt seine Großmutter Walburga.

„Da gehört viel Mut zu“, sagt Maurices bester Kumpel Michael Fischer. Er und seine Freundin Katharina Lange haben dem Wandergesellen ein Zettelchen zugesteckt. „Rock in der Pampa, Koblenz, Mayen, Mimbach“ steht darauf. Bei dem Musikfestival wollen sich die Freunde wiedersehen. Sie freuen sich schon.

Mit den Füßen und mit dem Daumen wird Maurice von nun an unterwegs sein. „Öffentliche Verkehrsmittel sind zwar nicht verboten, aber verpönt“, erklärt er. Seinen Export-Gesellen hat es so schon nach Österreich und in die Schweiz verschlagen. „Auch wenn die Tradition vielen nicht mehr bekannt ist und wir immer wieder gefragt werden, was wir sind, werden wir doch meistens freundlich empfangen“, erzählt Albert. „Und bei jedem fünften, den wir fragen, finden wir auch Arbeit.“ Drei Monate – länger dürfen Wandergesellen nicht an einem Ort bleiben, dann müssen sie weiterziehen.

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