Ausstellung „Seelenbretter“: Mahnung und Hoffnungsträger

Von: Sandra Kinkel
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Die Künstlerin Bali Tollak ist mit ihren „Seelenbretter“ bekannt geworden. Ab heute stellt sie ihre Arbeiten in der Dürener Marienkirche aus. Foto: Sandra Kinkel
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Toni Straeten, Ruth Bohnekamp und Peter Maas (von links) haben die Schau nach Düren geholt. Foto: Sandara Kinkel

Düren. „Zeuge von grausamer Not, von Ersticken und Brennen und bitterem Tod. Turm trage Mariens Geläut, im Frieden der Tage morgen und heut.“ Wer an der Dürener Marienkirche vorbeigeht, kann seit Jahr und Tag diesen Spruch am Turm des Gotteshauses lesen.

„Diese Inschrift“, erklärt Peter Maas von der Gemeinde St. Marien, „erinnert an den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung Dürens, aber sie ist zugleich auch Hoffnungsträger. Die meisten Leute gehen leider daran vorbei, ohne sie zu bemerken.“ Das ist in Zukunft vielleicht anders. Im Rahmen ihrer Ausstellung „Seelen berühren“, die auf Initiative des Vereins Lebens- und Trauerhilfe, der Hospizbewegung und der Gemeinde St. Marien am Freitag in Düren eröffnet wurde (siehe Info-Box), hat sich die bayerische Künstlerin Bali Tollak intensiv mit der Inschrift an der Marienkirche auseinandergesetzt.

Vor einigen Jahren hat Tollak bei einem Urlaub im bayerischen Wald sogenannte „Barbretter“ entdeckt, und darauf aufbauend für ihre Kunst „Seelenbretter“ entwickelt. „Auf die Barbretter“, erzählt Bali Tollak, „wurden im 12. Jahrhundert die Toten gelegt und zu Grabe getragen.“ Särge gebe es erst seit der Reformationszeit. Tollak: „Im bayerischen Wald wurden die Barbretter sogar bis zum 19. Jahrhundert benutzt.“ Auf den Totenbrettern stand der Name, Geburts- und Sterbedatum des Toten und manchmal noch ein Spruch. „Die Menschen haben geglaubt“, erzählt Bali Tollak, „dass die Seelen der Toten erst dann erlöst seien, wenn die Bretter vergammelt sind. Deswegen wurden sie früher häufig auf sumpfige Stellen gelegt.“

In ihrer Ausstellung in Düren – und an dieser Stelle kommt dann auch wieder die Inschrift an der Marienkirche ins Spiel – zeigt Tollak 31 ihrer über 400 „Seelenbretter“.

Auf einem hat sie im Auftrag der Gemeinde St. Marien die Inschrift des Kirchturms verarbeitet. Das Brett zeigt einen Soldaten, aber auch den Turm der Marienkirche. Schwarze Kreuze stehen für die unzähligen Kriegsopfer. Irgendwann werden diese Kreuze zu Vögeln und symbolisieren so den Wunsch nach Frieden. Peter Maas: „Dieses ‚Seelenbrett‘ wird einen festen Platz in unserer Kirche bekommen. Beim ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Gedenkens an die Zerstörung Dürens am 16. November 1944 wird es zum ersten Mal eine wichtige Rolle spielen.“ Zumindest die Besucher der Marienkirche werden so immer wieder an die Inschrift im Kirchturm erinnert.

Auf den „Seelenbrettern“ von Bali Tollak haben selbstverständlich keine Toten gelegen, vielmehr möchte die Künstlerin mit den zwei Meter langen Nadelholzbrettern an die Lebenden erinnern. Auf allen findet sich ein Spruch oder ein Zitat, die meisten sind sehr farbenfroh gestaltet. Tollak: „Ich möchte mit meinen Brettern zeigen, dass Verstorbene und Lebende nicht wirklich voneinander getrennt sind. Die ‚Seelenbretter“‚sollen zum Innehalten und Sinnieren anregen, zum still werden in unserer lauten Zeit.“ Die Botschaften auf ihren Kunstwerken seien Lebenssinnsprüche von der Antike bis heute. Tollak: „Sprüche, mit denen die Betrachter sich vielleicht identifizieren können.“

Toni Straeten vom Verein Lebens- und Trauerhilfe hat Bali Tollak und ihre Kunst auf einem Workshop in Mönchengladbach kennengelernt. „Ich habe damals selbst ein Seelenbrett gestaltet“, erzählt der katholische Priester. „Und diese Arbeit hat mich sehr berührt.“ So sehr, dass er Bali Tollak und ihre Arbeit unbedingt nach Düren holen wollte. Toni Straeten: „Wir haben mit unseren Ausstellungen gute Erfahrungen gemacht. Die Ausstellung ‚Unsterblich – mein Koffer für die letzte Reise‘ hat über 2000 Menschen in die Marienkirche gebracht.“ Kunst spreche alle Sinne an. „Sie berührt die Menschen einfach. Genau das wollen wir erreichen.“ Für Ruth Bohnekamp von der Hospizbewegung ist es wichtig, dass sich auch viele Kinder und Jugendliche die Ausstellung ansehen. „Tod und Sterben sind heutzutage leider immer mehr Tabuthemen“, sagt Bohnekamp. „Dabei gehören diese Dinge zum Leben und sollten ganz natürlich dazugehören.“

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