Aus vier Jahren werden drei Generationen

Von: Stephan Johnen
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Drei Generationen auf der Couc
Drei Generationen auf der Couch: Melis, Kezban, Ibrahim und Meltem Uygun (von links) halten in ihren Händen eine Fotografie von Ibrahims Vater Abdul Hadi, der mit seiner Ehefrau Latife noch bis November in der Türkei ist. Foto: Johnen

Düren. Sprachtests gab es damals nicht, und Integration war eine Vokabel der Mathematik. Als Abdul Hadi Uygun im Jahr 1969 als Gastarbeiter nach „Almanya” wollte, zählte für die Deutschen nur eine Prüfung: Wie schnell und akkurat kann der Maurer arbeiten.

Vor den Augen mehrerer Architekten musste er unter Beweis stellen, ob er als Gastarbeiter und damit günstige Arbeitskraft das Zeug hat, im Wirtschaftswunderland das Bruttosozialprodukt zu steigern. Uygun hatte das Zeug, er bekam das Ticket. Es war der Beginn einer Reise, die für seine Familie bis heute nicht abgeschlossen ist.

50 Jahre Anwerbeabkommen

Vor 50 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet, das bis 1973 galt und fast einer Millionen Gastarbeiter aus der Türkei eine Arbeitserlaubnis ermöglichte. Das Abkommen veränderte Deutschland: Die junge Republik wurde ein Einwanderungsland. Das wussten anfangs weder die Deutschen, noch die Gäste. „Meinem Vater wurde klargemacht, dass er für vier Jahre in Deutschland arbeiten kann”, berichtet Abduls Sohn Ibrahim Uygun (43) in lupenreinem Platt. Auch der Vater wollte wieder zurück in die Türkei, zurück zur Familie. Doch es kam anders, nicht nur bei den Uyguns.

Nach einem Jahr auf dem Bau fand der heute 80 Jahre alte Abdul Uygun eine Stelle bei Ford in Düren, dem heutigen Neapco-Werk, wo er bis zu seiner Rente blieb. Er arbeitete hart, kaufte sich ein Auto, mietete ein Haus. Und er holte die Familie an die Rur; 1974, im Ford-Taunus, die Kinder auf den Rücksitzen und im Kofferraum, das Gepäck auf dem Dach. Seitdem ist viel Zeit verstrichen - und Abdul Uyguns Kinder haben selbst Familien gegründet. Ibrahim hat zwei Töchter, Meltem (17) und Melis (16). Aus vier Jahren sind drei Generationen geworden.

„Wir wurden akzeptiert. Aber wir hatten es nicht leicht”, blickt Ibrahim auf seine Kindheit zurück. Die erste Klasse hat er wiederholt. Er war der einzige türkische Junge - und konnte kein Wort Deutsch. Die Eltern vermochten nur wenig zu helfen, und da die Familie wie viele andere auch offiziell nur Gast war, habe es von deutscher Seite kaum Bemühungen gegeben, die Besucher zu integrieren. VHS-Kurse „Deutsch für Anfänger” waren rar. Vermutlich das größte Versäumnis der Einwanderungspolitik, mutmaßt Uygun. Zu spät erst sei anerkannt worden, was Realität war: Die Gäste blieben. Und es waren nicht nur austauschbare Arbeitskräfte, es waren Menschen.

Die Kritik Uyguns ist nicht einseitig. „Ohne Sprache”, sagt er, „geht das Zusammenleben nicht.” Auch müsse bei Einwanderern die Bereitschaft vorhanden sein, sich an die Gesetze und die Verfassung zu halten. „Aber das Wort Integration kann ich nicht mehr hören”, bilanziert Uygun. Viele Türken wollten sich ja integrieren, aber sie würden trotz ihrer Bemühungen nicht akzeptiert. Er hat die Vermutung, dass Integration für manche Deutsche bedeute, dass die Einwanderer ihre Bräuche und Sitten aufgeben, ihre Wurzeln kappen müssen. „Aber was hat das mit Integration zu tun?”, fragt Uygun, der seinerseits auch gerne Karneval feiert und schon einmal als Cowboy durch die Straßen zog.

Er habe Glück gehabt, sei als Deutscher aufgewachsen, sagt Ibrahim Uygun. Ein Bauern-Ehepaar aus der Nachbarschaft nahm sich tagsüber des türkischen Jungen an, half bei den Hausaufgaben, vermittelte später einen Ausbildungsplatz als Landmaschinenmechaniker. Diese Zeit prägt auch seinen Dialekt. „Als ich ebenfalls bei Ford anfing, hat mein Vater geweint. Er wollte nicht, dass ich Arbeiter werde”, berichtet Ibrahim.

Heute ist der 43-Jährige der besorgte Vater, der seine Töchter am liebsten an der Universität sieht. Meltem macht gerade ihr Abitur, die jüngere Schwester möchte Grundschullehrerin werden. Den Kindern zuliebe hat Ibrahim Uygun vor Jahren für alle Familienmitglieder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Dem Antrag wurde stattgegeben.

Dass sich Meltem und Melis dennoch „blöde Ausländersprüche” anhören müssen, gehöre zum Alltag. „Was sollen wir noch tun, um akzeptiert zu werden?”, fragt Meltem. Während ihre jüngere Schwester auf jeden Fall in Deutschland leben möchte, würde die 17-Jährige nicht lange zögern, ein Job-Angebot aus der wirtschaftlich aufstrebenden Türkei anzunehmen.

„Viele in Deutschland gut ausgebildeten junge Leute aus der dritten Generation gehen diesen Weg”, sagt Ibrahim. Er selbst sei zwischen beiden Ländern hin- und hergerissen. Seine Eltern haben dort wieder ein Haus, verbringen dort einen Teil des Jahres. Im Urlaub habe er Heimweh nach Deutschland, in Deutschland sehne er sich nach der Türkei, die er nur als kleines Kind und aus dem Urlaub kennt, beschreibt Ibrahim Uygun seine Gefühle. In den fröhlich-rheinischen Dialekt mischt sich ein melancholischer Unterton. „Man kommt nirgendwo an und ist immer fremd”, bringt es Meltem auf den Punkt.

Abdul Hadi Uygun kam einst als Gastarbeiter nach Deutschland. Seit drei Generationen lebt die Familie an der Rur. Ob sie endgültig angekommen ist, wissen selbst Abdul Hadi Uyguns Enkel nicht mit Gewissheit.
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