„Augenblicke in Pier” zeigt den stillen Verfall eines Dorfes

Von: Nadine Preller
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Ausdrucksstarke Bilder: Britta
Ausdrucksstarke Bilder: Britta Münch (l.) zeigt Fotografien vom ehemaligen Ort Pier. Begleitet hat sie Corinna Knobloth (v.). Erste Anhänger: Bürgermeister Heinrich Göbbels und Iris Krifft Foto: Preller

Pier. Braune Massen, kubikmeterweise Erde werden die lärmenden Bagger heute noch umwälzen. Hundertfach karren sie in diesem Augenblick kaputte, dunkelrote Backsteine von der einen in die andere Ecke.

Und während Bauarbeiter in blauen Anzügen den alten Ort Pier Stück für Stück dem Erdboden gleichmachen, wird er zur selben Stunde keine zehn Kilometer entfernt wieder zum Leben erweckt.

Mitten in Neu-Pier, im frisch fertiggestellten Bürgerhaus, sind Handwerker dabei, Fotografien der Geisterstadt im großen Saal des Hauses aufzuhängen. Es sind Bilder von Briefkästen, die mit breitem Klebeband verschlossen sind, von Hauseingängen, verbarrikadiert mit Holzbrettern, von verfallenen Häusern, die heute schon nicht mehr stehen. „Augenblicke in Pier” lautet der Titel der Foto-Ausstellung, die im neuen Bürgerhaus ab sofort zu besichtigen ist.

Fotografiert hat die 38 Bilder Britta Münch, Diplom-Sozial- und Kunstpädagogin. Entstanden sind die Objekte im Rahmen einer Studien-Abschlussarbeit an der Jugendkunstschule Köln. „Ich komme selbst aus einem kleinen Dorf, kann die starke Identifikation der Bürger mit ihrem Ort gut nachvollziehen”, sagt sie. „Als ich vom Abriss hörte, wollte ich den materiellen Verfall in Verbindung mit dem Abschied eines ehemaligen Bewohners dokumentieren.”

Wie gerufen kam der Künstlerin da die 19-jährige Corinna Knobloth, die Münch von ihrer Arbeit beim Sozialwerk Dürener Christen kennt. Im alten Pier aufgewachsen, besuchte Knobloth noch lange alte Bekannte in ihrer ehemaligen Heimat, lange nachdem sie weggezogen war.

Ihr letzter Besuch in Pier? Der liegt knapp zwei Jahre zurück. Im Januar 2010 führte die 19-Jährige die Pädagogin durch den Ort, erzählte Anekdoten und zeigte ihre Lieblingsplätze, während Münch fotografierte. Seitdem war Knobloth nie wieder dort.

„Das war eine eigenartige Atmosphäre damals”, erzählt Münch. „Ein sonniger Tag, Bauten und Straßen schneebedeckt. Fast lieblich, ruhevoll.” Sie möchte mit den Bildern den ehemaligen Bewohnern ein Stück ihrer Heimat erhalten. Und der Verfall Piers, die Zeiten des Aufbruchs, gehören dazu. „Natürlich, in den Bildern schwingt eine melancholische Seite mit, die steht aber nicht an erster Stelle.”

Das alte Zimmer

Still steht Knobloth vor einem der Bilder. Ihr Blick ist auf ein Foto gerichtet, das durch die Linse einen Blick durch ein Fenster zeigt. Die Rollläden sind halb runtergelassen. Hinter dem Glas eröffnet sich dem Betrachter ein weiter Blick über schneebedeckte Felder.

„Das ist der Blick aus meinem alten Zimmer”, sagt Knobloth leise. Sie sagt das sehr nüchtern, rein erklärend. Kein Wehmut schwingt in ihre Stimme mit. Der Blick aus dem Fenster, das Zimmer, was es so heute nicht mehr gibt, ist Teil ihrer Vergangenheit. Und reine Erinnerungen, Vergangenes, das soll die Ausstellung zeigen, mehr nicht.

Bereits im November 2011 wurden die Bilder im Rathaus Inden präsentiert, Iris Krifft hat die Fotografien nach Neu-Pier geholt. Die stellvertretende CDU-Ortsverbandsvorstehende erzählt von Nachbarn, ehemalige Bewohner Piers, die traurig auf ihrer Terrasse in die Landschaft blickten, in Erinnerung an ihre alte Heimat. „In dieser Ausstellung finden sie ein Stück dieser alten Heimat im neuen Ort wieder”, sagt sie.

Fasziniert hat Krifft die Fotografie einer Zeitung. Eine Ankündigung auf das Grönemeyer-Konzert 2008 ist darauf zu sehen. Dreckig, halb zerfetzt liegt das Blatt in einem Hauseingang. Zwei Jahre später erst, im Jahr 2010, hat Münch das Foto geschossen. Hunderte Tage waren da bereits vergangen, in denen das Blatt unberührt allen Wetterverhältnissen trotzte, während ringsherum Häuserwände eingerissen wurden. Jetzt ist die Wurfsendung mit Grönemeyers Kopf für die Ewigkeit auf Zelluloid gebannt.

Konträr erscheinen links daneben Bilder von zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. Es sind die Inhaber der Gaststätte Rosarius, die es immer noch gibt im alten Pier. Ein paar Bilder von den beiden zeigt die Ausstellung, auf manch anderen ist Corinna Knobloth zu sehen. Es sind wenige Bilder mit Menschen, die einzigen in Farbe. Der Rest ist schwarz-weiß.

Es sind Grenzen, die hier gezeigt werden, die überschritten werden können. „Hier werden Brücken geschlagen zwischen Momenten des Aufbruchs und Momenten der Erinnerung”, sagt Bürgermeister Heinrich Göbbels (CDU). Als zukunftsgerichtet beschreibt er den Symbolcharakter der Ausstellung. Und das muss er sein. Nicht mehr lange wird es dauern, und vom alten Pier ist kein Stein, kein Fenster, kein Gartenzaun mehr übrig. Was bleibt sind die Erinnerungen. Festgehalten hat sie Britta Münch.

Jeden Sonntag Mittag geöffnet

Die Ausstellungseröffnung von „Augenblicke in Pier” ist am heutigen Freitag, 24. Februar, 18 Uhr, im Bürgerhaus Langerwehe Neu-Pier, Grüntalstraße 17.

Bis Sonntag, 1. April, ist die Ausstellung immer sonntags von 10.30 bis 13 Uhr zu sehen.

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