Aufregung in der Kuschelzone

Von: Stephan Johnen
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„Deutschland. Land der Empör
„Deutschland. Land der Empörer” heißt das Buch des Dürener Kommunikationsberaters und Finanzexperten Ulrich Stockheim. Erschienen ist es im Riva-Verlag (ISBN 978-3-86883-138-2). Foto: Johnen

Düren. Euro-Krise? Integration? Sozialstaat? In diesem Land gibt es keine Probleme. Solange niemand sie anspricht. Dann nämlich werde ein Prozess in Gang gesetzt, den Ulrich Stockheim als „perfekt geölte deutsche Empörungsmaschine” bezeichnet.

Will heißen: Jeder wird niedergemacht, der die Probleme thematisiert. Politiker sprechen Wahrheiten nicht mehr an, wichtige Entscheidungen werden vertagt und zerredet, Kritiker in die Ecke gedrängt. Soweit die These.

In seinem Buch „Land der Empörer” zeigt der Dürener Kommunikationsberater auf, nach welchem Muster Empörung aufgebaut wird. Auf der Strecke bleiben dabei aus Sicht Stockheims Sachdebatten und die Streitkultur. „Was wir brauchen, ist der Mut zum Klartext”, fordert der Berater, der zehn Gebote für eine gelungene Debatte mitliefert - von „Raus aus der Komfortzone” bis „Mehr Mut zum Pragmatismus”.

„Land der Empörer” ist keine Polemik, der Autor verzichtet darauf, sich zum Tabubrecher zu stilisieren. Er hat grundsätzliche Meinungen zur Politik, äußert diese aber nicht. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Analyse der „Empörungsmaschine” anhand konkreter Ereignisse der vergangenen anderthalb Jahre. „Wir haben uns regelmäßig mit Nichtigkeiten beschäftigt. Als Staatsbürger frage ich mich, ob es nichts wichtigeres als Lala-Themen gab”, sagt Stockheim im Gespräch mit der DZ.

Beispiel Euro-Krise. „Die Finanzhilfen für Griechenland wurden direkt zu Beginn der Debatte von der Kanzlerin als alternativlos bezeichnet”, blickt Stockheim zurück. Damit war die Debatte abgewürgt, bevor weitere Vorschläge überhaupt diskutiert werden konnten. 110 Milliarden Euro später stehe nun doch die Umschuldung Griechenlands auf der Tagesordnung, die damals offenbar nicht angesprochen werden durfte. „Warum ist es ein Tabuthema, wenn es beim Euro Fehlentwicklungen gibt, die korrigiert werden müssen”, fragt Stockheim. An diesem Beispiel lasse sich eine weitere Strategie der Empörer erklären: die moralische Keule. Da der Euro den Frieden bringe, sei jeder Angriff auf die Währung auch ein Angriff auf den Frieden. Wehe dem, der Kritik übt. Dabei sei Kritik nichts Verdammungswürdiges. Die Fähigkeit zur Selbstkritik erst recht nicht.

„Die Politik nimmt ihre Aufgabe nicht wahr, in Debatten Probleme zu lösen”, bilanziert Stockheim. Rhetorische Nebelkerzen, Verschleierung und political correctness seien keine geeigneten Instrumente. „Es gehört eine ganze Gesellschaft dazu, Dinge beim Namen zu nennen”, appelliert er an alle Bürger, sich nicht länger mit Scheindebatten zufrieden zu geben und Entscheidungen einzufordern. Der jüngste „Eiertanz” der Politik zwischen emotionalem Chaos und Wahlkampf-Taktiererei beim Atomausstieg trage beispielsweise eher dazu bei, Abgeordnete und Volk zu entfremden. „Wir verlieren Zeit”, sagt Stockheim. Irgendwann werden uns sämtliche Probleme überholt haben. „Darüber müssen wir reden.” Klartext.
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