Auf Streife mit "Karol 1132"

Von: Sarah Maria Berners
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Adrenalinstoß: Weil ein Drogenkonsument kräftigen Widerstand leistete und Beweismittel vernichten wollte, mussten ihm die Polizisten Daniel Meyer-Mock und Johannes Rosenland Handschellen anlegen. Foto: smb
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Nur Frauen dürfen Frauen durchsuchen. Männer-Teams brauchen dann Verstärkung.
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13 Gramm Heroin: Drogen werden analysiert, in der Asservatenkammer verwahrt und dann vernichtet.

Düren. Einmal mit Blaulicht im Streifenwagen fahren – was für Kinder ein Traum ist, macht Erwachsenen nur Freude, wenn sie hinten links sitzen dürfen. Wer zum Schutz des Fahrers hinten rechts landet, hat im Normalfall einen zugriffsbereiten Polizisten neben sich sitzen und im Zweifelsfall hinter dem Rücken Handschellen an den Gelenken.

Ich darf hinten links sitzen – und auch wenn ich als Journalistin auf eine aktionsreiche Schicht hoffe, so wäre es mir irgendwie doch lieber, der Platz hinten rechts bliebe frei. Es sollte anders kommen.

Um 13.45 Uhr treten Daniel Meyer-Mock und Johannes Rosenland auf der Polizeiwache in Düren ihre Schicht an. Sie sind zwei von 100 Polizisten, die Streife fahren. Unter ihrer Uniform sitzt die Schutzweste, am Gürtel sind Pfefferspray, Fesseln und „Walther P99“, so heißt die Pistole, griffbereit. „Anders als in den Fernseh-Serien haben wir keine festen Partner“, erklärt Rosenland. Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht, die Leitstelle meldet viele Einsätze.

Mit dem Wagen „Karol 1132“ geht es los. Ein Anrufer hatte eine Gefahrenstelle am Kreisverkehr am Fehlender Feld gemeldet. Ein wenig Beton ist dort zu sehen. Ein paar Meter weiter steht ein Mischer, der Selbiges verloren haben könnte, auch wenn der Fahrer das bestreitet. Meyer-Mock und Rosenland führen das Gespräch freundlich aber bestimmt, der Lieferschein ist in Ordnung. Die Polizisten vereinbaren mit dem Fahrer, dass er die Gefahrenstelle in Ordnung bringt. Sie schalten das Blaulicht an und stellen ihren Wagen im Kreisverkehr quer. Die Sache ist schnell erledigt.

Ein kurzer Blick nach links führt zum nächsten Einsatz: Keine drei Meter vom Polizeiauto entfernt sitzt ein Mann telefonierend am Steuer. Seine Argumentation, er habe bereits einige Punkte, sei aber auf den Führerschein angewiesen, überzeugt die Polizisten nicht. „Dann müssten Sie ihr Verhalten erst recht überdenken“, appelliert Meyer-Mock und rät zu einem Abbauseminar. Um Ausreden seien die Leute selten verlegen. Post von der Behörde kommt trotzdem.

Einsätze wie dieser sind Alltag. „Aber es gibt auch Einsätze, die uns noch Zuhause beschäftigen“, sagt Meyer-Mock. Die Bilder vom ersten tödlichen Unfall, den er aufnehmen musste, werde er nie vergessen. „Verdrängen ist ungesund“, erklärt Rosenland. „Wir sprechen über solche Ereignisse – Zuhause und mit den Kollegen. Das ist wichtig, um damit klarzukommen.“ Klarkommen müssen die Polizisten auch mit der Trauer der Menschen, denen sie schlimme Nachrichten überbringen. „Diese Trauer ist immer belastend“, sagt Meyer-Mock. Bei solchen Fällen gibt es keine Routine. Auch wenn ein Einsatz mit den Stichworten „Gewalt“ und „Messer“ beginnt, ist das trotz Erfahrung mit Aufregung verbunden. „Die ist sogar wichtig, weil man dann auch aufmerksam ist“, erklärt Rosenland auf dem Weg zur Wache.

Dort angekommen, meldet die Leitstelle ein „verdächtiges Auto“ nahe der Kläranlage. Ein Navi gibt es im Streifenwagen nicht, aber Stadtplan und Smartphone tun‘s auch. Der grüne Wagen steht noch am „Katzbach“. Die Erklärungen der beiden Insassen überzeugen die Polizisten nicht, ein Blick auf die Pupillen des Mannes bestärkt den Verdacht. Es sind Details, die dem Laien entgehen, die Polizisten aber aufmerksam werden lassen. Rosenland nimmt den Wagen gründlich in Augenschein, und er fördert Schritt für Schritt die Wahrheit ans Licht: zuerst eine kleine Pfeife, dann eine Feinwaage und schlussendlich ein Tütchen mit einer braunen Substanz. Und dann ist es mit der Ruhe vorbei.

Vor Schreck vergesse ich auf den Auslöser zu drücken, und auch der Atem der Polizisten geht schneller. Der Verdächtige reißt das Drogenpäckchen mit Gewalt an sich und schleudert es in Richtung Bach. Kurz danach liegt er flach auf dem Boden, die beiden Beamten halten ihn fest, bis die Handschellen sitzen. Verstärkung ist schnell zur Stelle. Als der Mann im Polizeiauto sitzt – hinten rechts – kehrt Ruhe ein. Das Tütchen ist statt im Bach in der Böschung gelandet und das Beweismittel hat sich nicht aufgelöst. Auf der Fahrt zur Wache murmelt der Mann eine leise Entschuldigung, dann muss er hinter einer schweren blauen Türe auf die Blutabnahme warten und rückt langsam mit der Wahrheit heraus.

„Wir haben uns zwar etwas gerauft, aber keiner von uns ist verletzt und wir haben etwas gefunden. Das ist ein guter Einsatz“, resümiert Meyer-Mock. Gerechnet hatten sie mit diesem Handgemenge nicht, gewappnet waren sie dennoch. Aber mit dem actionreichen Teil ist dieser noch lange nicht beendet, denn dann steht den Polizisten jede Menge Papierkram bevor, sie füllen Formulare aus, schreiben ein ausführliches Protokoll, rufen Zeugen an und diskutieren mit Kollegen über den Fall. Die Substanz entpuppt sich bei einem Schnelltest als Heroin. Über den Mann finden sie heraus, dass seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland nicht mehr gültig ist. Er muss über Nacht bleiben.

„Nicht immer ist es so ruhig“, beschreibt Rosenland. Oft seien längst nicht alle Formalitäten erledigt, da stehe schon der nächste Einsatz an. Ein anderes Team ist gerade zu einem Unfall ausgerückt, bei dem eine Frau angefahren wurde. Als Meyer-Mock und Rosenland die Papiere gerade unterschrieben haben, brennt die Stadthalle. Damit steht für das Team der nächste Einsatz an. Die Bismarckstraße muss gesperrt werden, Zeit für eine Pause bleibt nicht. Für mich heißt es an dieser Stelle: „Aussteigen.“ Denn anders als dieser Artikel, musste dieses Ereignis natürlich schon am Donnerstag in der Zeitung stehen.

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