Atomkraft-Gegner fordert eine „lösungsorientierte“ Politik

Von: Stephan Johnen
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Harald Wirtz spricht sich seit den 1970er Jahren gegen Atomkraft aus. Er fordert eine Versachlichung der Debatte. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Wir waren fassungslos“, blickt Harald Wirtz zurück. Als heute vor 30 Jahren der Reaktorunfall von Tschernobyl seinen Lauf nahm, sickerten die Informationen über das wahre Ausmaß der Nuklearkatastrophe nur langsam durch.

Offiziell war anfangs von technischen Schwierigkeiten die Rede. Die sowjetische Führung setzte zunächst auf Desinformation. „Nach und nach wurde im Westen klar, was passiert ist“, sagt der 67 Jahre alte Familienvater aus Düren. Es war ein Schock, der die Anti-Atomkraft-Bewegung weltweit erstarken ließ.

„Ich war immer ein Befürworter des Atomausstiegs“, erklärt der studierte Techniker. Seit Anfang der 70er Jahre haben sich zunehmend auch öffentlich immer mehr Menschen die Frage gestellt, ob diese Technik wirklich beherrschbar ist. „Diese Frage habe ich mit einem klaren Nein für mich beantwortet“, sagt Wirtz. „Atomkraft ist wie ein Flugzeug in der Luft, für das wir noch keine Landebahn gebaut haben“, umschreibt der Atomkraft-Gegner, der sich selbst nicht als Aktivist oder „Hardcore-Indianer“ bezeichnen würde, die Situation. „Ich habe keine Transparente hochgehalten. Aber ich habe kritische Diskussionen angeheizt“, sagt er. Eine kritische Auseinandersetzung sei übrigens nach wie vor dringend nötig.

„Die Energiepolitik ist im Prinzip ein Dauerthema. Aber die Debatte wird mit viel Emotionalität geführt, Fakten kommen oft zu kurz“, bedauert er. Den Weg des deutschen Atomausstiegs nach Fukushima hält er für falsch – obwohl er den Ausstieg seit Jahrzehnten fordert. Ein Widerspruch?

Harald Wirtz schüttelt mit dem Kopf. „Das ist Politik“, sagt der 67-Jährige, der zwar mit Standpunkten der Grünen sympathisiere, aber nie Parteimitglied gewesen ist. „Das Ende des Atomstroms in Deutschland war bereits beschlossene Sache, dann gab es Laufzeitverlängerungen – und nach Fukushima plötzlich eine Vollbremsung. Das ist kein geplanter Ausstieg, das ist nicht durchdacht“, kritisiert er.

Deutsche Kraftwerke seien „relativ sicher“, die Restlaufzeit hätte genutzt werden können, ja genutzt werden müssen, um Antworten auf offene Fragen zu finden. Nach der Endlagerung beispielsweise, oder der Frage, ob nicht nur ein abgestimmtes europäisches Energiekonzept zum Erfolg führen kann. Der Atomgegner rechnet damit, dass die Energiekonzerne mit ihren Forderungen nach einer Kompensation Recht bekommen könnten: „Wer mitten im Spiel die Regeln ändert, muss mit Schadenersatzforderungen rechnen.“

Mit Blick auf die Diskussionen um die belgischen Atommeiler in Grenznähe zeichne sich ein ähnliches Muster ab. „Hektische Betriebsamkeit, getrieben von der öffentlichen Meinung“, bilanziert Wirtz bewusst zugespitzt. Er fordert die Politik auf, Aufgaben wieder „lösungsorientiert“ anzupacken. „Informationen werden in unserer Gesellschaft immer schneller ausgetauscht, kein Thema bleibt lange auf der Agenda. Ich befürchte, dass sich die Politik dem nicht entziehen kann“, sagt er. Vorgestern Atomausstieg, gestern Griechenland, heute Flüchtlinge. Was kommt morgen? Und wer kümmert sich darum, etwas auch zu Ende zu denken, eine Sache abzuschließen? Dazu gehört aus seiner Sicht auch das selbstkritische Hinterfragen des eigenen Energieverbrauchs.

Hegt der Atom-Gegner Sympathie für die Gegner einer Braunkohleverstromung? „Das Anliegen ist berechtigt, die Mittel hingegen nicht“, kritisiert er scharf die „Art und Weise“, wie im Rheinischen Revier mit „Waffengewalt und Schleudern“ protestiert werde.

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