Argentinien hofft, dass der Papst mit im Tor steht

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Blau und Weiß versinnbildlichen den Himmel und den Schnee der Anden. Sie waren aber auch die Farben eines Anführers im Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier. Die Sonne ist ein Nationalsymbol. Foto: dpa

Düren/Buenos Aires. Tausende Argentinier machen sich in diesen Tagen auf den Weg nach Rio de Janeiro. Sie wollen ihre „Selección“ auf dem Weg zum WM-Titel unterstützen. Andreas Grüderich wird das Spiel in Buenos Aires verfolgen. Dort lebt der ehemalige Schulleiter des Burgau-Gymnasiums seit einem Jahr und leitet ein großes deutsches Schulzentrum.

DZ-Redakteurin Sarah Maria Berners hat mit dem Wahl-Argentinier vor dem Finale per E-Mail über Fußball, Land und Leute geplaudert.

Finale! Wie haben die Argentinier den Einzug ins Endspiel gefeiert?

Grüderich: Der Stellenwert des Fußballs hier ist enorm, überall wird und wurde gefeiert, wenn die Selección, wie die Nationalmannschaft hier heißt, eine Runde weitergekommen ist. Die Menschen laufen auf die Straße, obwohl es hier ziemlich kalt ist, küssen und umarmen sich, auch wenn sie einander wildfremd sind. Man hupt und singt, schwenkt die Fahne. Besonders interessant: Das Halbfinale war ja am 9. Juli. Der 9. Juli ist der höchste Nationalfeiertag, die Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung in Tucuman im Jahre 1816. Dass ausgerechnet an diesem Tag der Einzug ins Finale besiegelt wurde, ist für viele hier ein Traum. Am Obelisk, der im Zentrum der Stadt steht, hatten sich blitzartig 50 000 Menschen versammelt, als der Sieg klar war.

Wie wird in Argentinien Fußball geschaut?

Grüderich: Natürlich wird gemeinsam geschaut, man trifft sich entweder in der Bar oder im Restaurant, in der Kneipe nebenan. Jede Kneipe hat eine „Pantalla“, also eine Leinwand, sonst bliebe sie in diesen Tagen mit Sicherheit leer. Gegessen wird am Nationalfeiertag traditionell „Loco“, das ist eine Linsensuppe. Ansonsten ist natürlich „Asado“ angesagt, also Grillfleisch bis zum Umfallen. Man isst dabei alles, was die Kuh oder das Rind hergeben. Die Argentinier beginnen mit den etwas einfacheren Sachen wie Innereien und Würsten (Chorizo), um dann die besten Stücke zum Schluss zu verzehren. Der „Asado“ zieht sich dabei über mehrere Stunden hin.

Was sagen die Argentinier über die herbe Niederlage Brasiliens?

Grüderich: Die Niederlage Brasiliens wird hier mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, denn Brasilien und Argentinien sind so etwas wie Köln und Düsseldorf (wobei die Düsseldorfer natürlich die Argentinier sind), also nicht gerade dicke Freundschaft. Die Zeitungen berichten allerdings kaum über Brasilien, ganz im Mittelpunkt steht die Selektion mit Messi, Maxi (Gonzales) und Di María – der hier „Fideo“, also Spaghetti heißt – weil er so lang und dünn ist. Romero ist der neue Held im Moment, weil er zwei Elfer der Holländer gehalten hat. Er heißt hier „Chiquitito“ also der Kleine, ist aber 1,92 Meter groß. Ein weiterer Held ist jetzt Mascherano, weil er Robben einen Ball vom Fuß geholt hat, als der einen Meter vorm Tor stand.

Im letzten Spiel konnte Messi aber nicht glänzen.

Grüderich: Auch wenn Lionel Messi nichts macht oder nichts machen konnte wie gegen Holland: Er wird dennoch vergöttert wie kein Zweiter. Die Vorlage für Ángel Di María zum 1:0 im vorletzten Spiel wurde im Fernsehen 10 000-mal wiederholt. Die Argentinier haben extra Kameras oder Bilder geordert, um seine Läufe aus verschiedenen Perspektiven zeigen zu können. Messi soll hier die gleiche Rolle spielen, wie Maradonna seinerzeit und Argentinien zum Sieg schießen. Wir werden sehen... Auch dem argentinischen Trainer wird viel Lob zuteil. Sabella hat im richtigen Moment das Richtige getan, hat die Mannschaft so aufgestellt, wie man sie aufstellen musste.

Ist Deutschland gegen Argentinien Ihr Traumfinale?

Grüderich: Natürlich war diese Paarung unser Wunschfinale. Meine Freundin ist Argentinierin und da haben wir uns vorgenommen, zusammen zu feiern, egal wie es ausgeht. Das ist der Vorteil an der Verbindung. Viele wissen hier, dass die deutsche Elf nach dem Auftritt gegen Brasilien kaum zu schlagen ist, aber alle setzen hier auf Messi, der eben nach Ansicht der Argentinier den Unterschied macht.

Wie lautet Ihr Tipp?

Grüderich: Ich glaube, dass es ein torreicheres Spiel wird als das Halbfinale am Dienstag, ich tippe mal auf 2:1 für Deutschland, aber es kann auch umgekehrt sein oder wieder „Pendels“, also Elfmeterschießen, geben. Ich weiß es wirklich nicht. Tausende Argentinier sind jetzt auf dem Weg nach Rio, um die Mannschaft zu unterstützen. Dann haben sie ja den Papst, auf den hoffen sie auch: Der hat ja schon einmal im Tor gestanden beziehungsweise am Pfosten…

Was halten die Argentinier von Joachim Löws Team?

Grüderich: Insgesamt gibt es hier viel Sympathie für Deutschland. Am Sonntag wird man davon aber 90 Minuten Pause machen. Fernsehen und Presse haben übrigens sehr genau wahrgenommen, wie die Deutschen den Sieg über Brasilien „verkraftet“ haben. Dass Löw nicht ein einziges Lachen und auch keinen Freudenausbruch mehr gezeigt hat, als es peinlich wurde, hat man sensibel wahrgenommen. Auch, dass die deutsche Mannschaft nach dem Sieg nicht ausgelassen gefeiert hat, sondern selbst fast bedrückt vom Platz gegangen ist, ist hier sehr positiv aufgenommen worden. Man tritt hier nicht auf Geschlagene, da haben sich die Deutschen viele Pluspunkte geholt. Sie waren „Caballeros“, wie die Zeitungen geschrieben haben, also „Gentleman“.

Wo werden Sie das Finale schauen?

Grüderich: Ich weiß es noch nicht. Draußen kann man Public Viewing machen, aber wie gesagt, es ist hier recht kalt, so werden wir in irgendeiner Bar oder vielleicht auch in der deutschen Botschaft schauen. Die Botschaft hatte hier – meist zu Bier und weißen Würsten – ein paarmal eingeladen, wenn Deutschland gespielt hat. Die Spiele Deutschlands und Argentiniens haben wir in der Schule – soweit sie in die Schulzeit fielen – gemeinsam geschaut.

Haben Sie sich gut eingelebt?

Grüderich: Ja. Buenos Aires bietet sehr viel Lebensqualität, ist unendlich groß aber – verglichen mit anderen südamerikanischen Städten – recht aufgeräumt. Das Essen ist sehr gut, weil sich die Argentinier nicht den Spaß am Leben nehmen lassen, obwohl hier ja Dauerkrise herrscht. Ins Restaurant geht man immer, bevorzugt am Wochenende mit der ganzen Familie. Das sind schonmal zehn bis 15 Personen mit Opa und Oma und drei bis vier Enkeln.

Wie würden sie die Menschen in Ihrer neuen Heimat charakterisieren?

Grüderich: Die Menschen sind sehr herzlich, ich bin überall immer gut aufgenommen worden. Man ist sehr interessiert aneinander. Es wird mehr über Privates gesprochen als bei uns. Die Argentinier unterscheiden nicht so wie bei uns zwischen Job und Freizeit. Die Arbeit ist Teil des Lebens und zum Leben gehört eben auch Privates. Hier fängt man später an zu arbeiten und arbeitet länger. Um 22 Uhr gibt es Essen, das zieht sich dann schon mal bis 1 Uhr hin. Da kann man am nächsten Tag nicht so früh aufstehen und wer es dennoch muss, der schläft halt im Zug oder im Bus noch ein wenig.

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