Kreis Düren - Anrufern zu jeder Zeit zuhören

Anrufern zu jeder Zeit zuhören

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
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Viele Menschen stehen mit ihren Problem und ihrer Verzweiflung alleine da. Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben rund um die Uhr ein offenes Ohr für die Nöte der Anrufer. Foto: dpa

Kreis Düren. Nach dem Auflegen hat es das Telefonat nie gegeben. Keine Rufnummernübermittlung, kein Name, kein Eintrag auf der Telefonrechnung. Im Datendschungel hinterlässt der Anrufer keine Spuren. Die Anonymität ist gewährleistet. Nur die Stimme bleibt Petra (Name geändert) am anderen Ende der Leitung in Erinnerung.

Obwohl es spät in der Nacht war und die 47-Jährige den verzweifelten Anrufer nicht kannte, hat sie ihm zugehört. Fast eine Stunde lang nahm sie sich Zeit, fragte nach Hintergründen und möglichen Wegen aus der Notlage. Was anfangs unlösbar erschien, fühlte später etwas leichter für den Mann an. Petra hat dessen Beziehungsprobleme nicht lösen können, das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Das offene Gespräch aber hat dem Unbekannten geholfen, wieder Mut zu schöpfen. Dankbar hat er aufgelegt. Petra atmet durch. Ihr Nachtschicht bei der Telefonseelsorge Düren, Jülich, Heinsberg hat gerade erst begonnen.

Dem Team der ökumenischen Telefonseelsorge gehören 58 ehrenamtliche Mitarbeiter an. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist das Telefon besetzt. „Wir suchen noch Menschen, die sich ausbilden lassen möchten“, wirbt Leiterin Margot Kranz um Unterstützung. Ein Kurs beginnt im Oktober. „Wenn Sie selber gelernt haben, was es heißt, eine Krise zu bewältigen, und Sie ein gutes Gespür für Ihre Gaben und Grenzen haben, freuen wir uns, wenn Sie mit uns in Kontakt treten“, umreißt sie die Voraussetzungen für eine Mitarbeit. Gesucht werden Menschen, die mitten im Leben stehen, die über Lebenserfahrung verfügen, die zuhören, aber auch eine kritische Distanz wahren können. Gespräche bei der Telefonseelsorge werden nicht ertragen. „Sie werden gestaltet“, sagt Margot Kranz.

Nicht selten sind es familiäre Konflikte, Partnerschafts- und Beziehungsfragen und finanzielle Nöte, die die Menschen zum Hörer greifen lassen. Aus Scham, aus Hilflosigkeit, aber auch, weil es niemanden zum Zuhören gibt. Viele jüngere Menschen nehmen zudem das Angebot der Online-Beratung an. Die Anonymität hilft, das Schweigen zu durchbrechen. Die Telefonseelsorge will einen vorurteils- und bewertungsfreien Raum für Gespräche schaffen.

Die Ehrenamtler am Hörer ist kein Therapeut. Er ist Gesprächspartner. Nicht mehr, nicht weniger. „Anfangs musste ich lernen zu akzeptieren, dass ich nicht immer viel bewirken kann“, blickt Petra auf ihre ersten Monate bei der Telefonseelsorge zurück. Manchmal sei es möglich, mit dem Anrufer zu arbeiten, seine Blickrichtung zu ändern, manchmal eben nicht. Die Welt müsse stets aus der Sicht des Anrufenden gesehen werden, sagt Margot Kranz. Anderen Menschen die eigene Sichtweise überzustülpen helfe niemandem. Es gibt Anrufe, die auch den Zuhörern nicht aus dem Kopf gehen. Daher gehören Angebote zum anonymisierten Reflektieren der Gespräche zum Alltag. Ein Bereitschaftsdienst der hauptamtlichen Mitarbeiter garantiert, dass kein Ehrenamtler mit dem Erlebten alleingelassen wird. Auch regelmäßige Fortbildungen gehören dazu. Für Petra ist die Arbeit „ein Gottesdienst, ein Dienst an den Menschen“. Als Christin will sie sich für die Gemeinschaft einbringen. „Im Kopf, im Herzen und im Terminkalender hatte ich noch Kapazitäten frei“, sagt sie.

„Das Leben hat es nicht immer gut mit mir gemeint“, blickt Ehrenamtler Heinrich (57) zurück. Als er selbst tief in der Krise steckte, gab es viel Hilfe aus seinem Umfeld. „Ich habe damals viel genommen – und möchte heute viel zurückgeben“, sagt er. Seit 15 Jahren gehört er zum Team. „Hier arbeiten 58 Menschen mit unterschiedlichen Horizonten und Hintergründen“, schätzt Emma die Arbeit. Sie ist mit 78 Jahren die älteste Mitarbeiterin. Dass viele Generationen auf Augenhöhe miteinander arbeiten sei faszinierend – und bei der Telefonseelsorge selbstverständlich.

Nationalität, Glaube oder sozialer Hintergrund spielen weder bei den Anrufern noch bei den Mitarbeitern eine trennende Rolle: Probleme im Leben können überall auftreten. „Du lernst bei der Telefonseelsorge die Menschen in einer Tiefe kennen, die du sonst nur erahnen kannst“, sagt Heinrich. Das sei fordernd, gehe beizeiten an die eigenen Grenzen. „Keiner bleibt davon unberührt.“ Missen möchte er sein Ehrenamt jedoch nicht. Weil er weiß, wie wichtig es im Leben sein kann, einen Gesprächspartner zu haben, der nicht über einen urteilt.

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