Düren - „Annamarkt“: Geschichte zum Anziehen und Anfassen

„Annamarkt“: Geschichte zum Anziehen und Anfassen

Von: Stephan Johnen
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Die Vorbereitungen laufen: 40 Mitglieder der KG „Löstige Ost-Dürener“ nehmen als Mönche, Hofdamen, Bettler und Bettelvogt am Festzug teil.
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Fred Oepen, Horst Wallraff, Bushta Quali und René Celes (von links) arbeiten an Schandesel und Galgen... Foto: Stephan Johnen
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...Oliver Hünewinckell trommelt annähernd 80 Landsknechte zusammen. Foto: Stephan Johnen

Düren. Die „Peinliche Halsgerichtsordnung“ aus dem Jahr 1532 ist keine leichte Kost. In 219 Artikeln ist geregelt, wie mit Verbrechern umzugehen ist. Eine Kindsmörderin wird lebendig begraben, ein Mörder mit dem Schwert hingerichtet, Einbrecher sowie rückfällige Diebe werden am Galgen erhängt. „Für uns erscheint das heute als barbarisch“, sagt Dr. Horst Wallraff vom Kreis- und Stadtarchiv Düren.

Im Mittelalter jedoch waren Galgen, Schandesel und Pranger in allen Städten anzutreffen. In Düren gab es zwei Galgenplätze – am Muttergotteshäuschen und im Stadtzentrum, direkt neben dem Rathaus. Vor mehr als 200 Jahren verschwanden die Galgen endgültig aus dem Stadtbild. Derzeit wird allerdings an einem neuen Exemplar gearbeitet.

Stadtplan von Wenzel Hollar

Im Vorfeld des „Historischen Annamarktes“, der am Wochenende stattfindet, hatte der Dürener Fred Open die Idee, das auf dem Stadtplan von Wenzel Hollar dargestellte Ensemble von Galgen und Schandesel nachzubauen. Der in „Haus Welk“ arbeitende Künstler Bushta Quali sagte zu – und arbeitet unter Hochdruck an der Fertigstellung. Historiker Horst Wallraff lieferte einen erklärenden Text. „Die Folter war als probates Mittel der Rechtsfindung damals ausdrücklich erlaubt“, sagt Wallraff und schüttelt den Kopf. Als Mensch des 21. Jahrhunderts und Demokrat wolle er wahrlich keine Rückkehr in diese Zeit. „Es kann aber nicht schaden, den Menschen einmal zu erklären, wie das Rechtssystem im Mittelalter aussah“, findet Wallraff.

„Der ‚Annamarkt‘ soll keine Folklore sein, sondern ein Stück Stadtgeschichte widerspiegeln, ein Fenster in eine vergangene Zeit öffnen“, erklärt Helmut Göddertz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dürener Historienfeste. Aus diesem Grund freuen sich die Organisatoren, dass auch viele Dürener Vereine, Institutionen und Bürger Interesse an diesem Markt haben – und sich einbringen. Die Idee, Galgen und Schandesel nachzubauen, sei eine von vielen.

40 Mitglieder der KG „Löstige Ost-Dürener“ schlüpfen beispielsweise am Wochenende in Gewänder, die aus der „Gewandmeisterei“ der Arbeitsgemeinschaft kommen. Karnevalist Wino Ulhas übernimmt die historisch überlieferte Rolle des Bettelvogtes und wird von sieben Bettlern begleitet. „Der Vogt ging beim Einsammeln der Almosen mit einem Kreuz voran, während die Armen prozessionsweise folgten“, erklärt er. Der Bettelvogt hatte auch die Aufsicht in der Kirche, auf dem Kirchhof und an der Stadtmauer und wachte darüber, dass keine arbeitsfähigen Müßiggänger bettelten.

„Als wir gefragt wurden, ob wir mitmachen wollen, haben wir zugesagt. Die Stadt tut schließlich auch viel für Vereine“, erklärt Ulhas. Andere Mitglieder der Karnevalsgesellschaft wie Joseph Aschenbrenner schlüpfen in die Rolle von Mönchen, andere sind Hofdamen oder Mägde. Sie werden am Sonntag ab 14 Uhr am Festzug teilnehmen, mischen sich aber auch schon samstags unter das Volk.

„Für den Zusammenhalt im Verein ist das eine schöne Sache“, findet Ivonn Hansen, und gleichzeitig gehöre der „Annamarkt“ in die Kategorie Traditionspflege. „Das liegt uns Karnevalisten sehr am Herzen“, betont Wino Ulhas. „Und ich bin mir sicher, dass selbst meine Bettler Spaß bekommen werden“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Über die authentische Nachstellung konkreter historischer Ereignisse (Reenactment), ist Oliver Hünewinckell mit dem „Duyrener Stadtaufgebot“ zum „Annamarkt“ gekommen. Der Polizeibeamte wird am Wochenende die Tracht eines Landsknechtes anlegen. Über die Darstellung des Lebens im Mittelalter kam er zu den Landsknechten des Spätmittelalters und der Renaissance.

„Uns geht es darum, den Menschen diese Zeit näherzubringen, Geschichte zu erklären“, sagt Hünewinckell, der mit Jenni und Stefan Rayh das Lager der Landsknechte im Holzbendenpark organisiert hat. Rund 80 Teilnehmer aus der gesamten Republik und dem benachbarten Ausland werden Besuchern einen Blick in das Leben der „Kriegsknechte“ und ihres Trosses sowie in den militärischen Drill ermöglichen. „Mich reizt es besonders, dass Landsknechte eine Rolle in der Geschichte der Stadt Düren spielen“, sagt Hünewinckell. Sie würden keine Kostüme tragen – sondern eine Rolle spielen.

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