Altgermanist entführt in eine spätmittelalterliche Stadt

Von: Bruno Elberfeld
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Auf Einladung von Dr. Achim Jaeger (r.) referierte Prof. Dr. Rüdiger Brandt anhand des Textes „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ über das Leben in einer spätmittelalterlichen Stadt. Foto: Bruno Elberfeld

Düren. Ein interessantes Thema, das Dr. Achim Jaeger, Deutschlehrer am Stiftischen Gymnasium Düren, für die Lesung im Musiksaal der Schule gewählt hatte: Leben in einer spätmittelalterlichen Stadt.

Der Referent der Veranstaltung, Prof. Dr. Rüdiger Brandt, Mediävist (Altgermanist) an der Universität Duisburg-Essen, vermittelte den Hörern mithilfe des Textes „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ von Heinrich Kaufringer aus Landsberg am Lech, Eindrücke einer typisch deutschen Stadt im Spätmittelalter.

Autor nur ein Medium

Die Faktenlage über den Autor selbst, so berichtete Brandt, sei recht desolat, denn um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert habe nicht der Autor im Mittelpunkt gestanden, sondern sein Produkt, der Text. Der Autor fungierte als das Medium, das den Hörer, in gebildeten Kreisen den Leser, informieren oder unterhalten sollte.

Kaufringers Märe stammt aus dem Jahr 1464. Es erzählt von einer für diese Zeit normalen Ehe aus dem wohlhabenden Bürgertum. Den Ehegatten zermürbt die Sparsamkeit seiner Frau, während er teure Feste feiern will. Nur er weiß um diesen Charakterzug seiner Angetrauten. Wie damals üblich, wurden Missstände verheimlicht. Eine Privatheit wie heute gab es im Mittelalter nicht. Neben der Öffentlichkeit existierte die Heimlichtuerei.

Der Mann wollte seine Ehe retten und seinen Leumund retten und das mögliche Desaster nach einer Trennung vermeiden, wenn es um Geld und Vermögen geht.

Wein aus einer Hirnschale

So macht er sich volle fünf Jahre auf die Suche nach einer glücklichen Ehe. Nach vier Jahren und sechs Monaten trifft er ein glückliches Paar. Doch der Ehemann weiht ihn unter dem Siegel der Verschwiegenheit in ein Geheimnis ein.

Er lässt seine Frau antanzen. Sie muss aus der Hirnschale eines Menschen Wein trinken. Es ist die tägliche Strafe für ihr Fremdgehen mit dem Mann, der nun schon seit Jahren ermordet in der Erde liegt. Einziges Überbleibsel ist die Hirnschale, zweckentfremdet.

Unterhaltung und Mahnung

Monate später glaubt der Suchende endlich, ein anderes glückliches Ehepaar gefunden zu haben. Doch auch hier der Trugschluss: Der Ehemann nimmt ihn mit in den Keller, wo ein angeketteter Bauer, jeden Abend die Lüste der Frau befriedigen muss.

Kaufringers Text, so erklärte Rüdiger Brandt, habe sowohl Unterhaltung als auch zur Mahnung gedient. Die Bürger waren angehalten, nach den Werten zu leben, die damals das Bürgertum zusammenhielten. In der Stadt ging es in erster Linie um den gemeinschaftlichen Nutzen. Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit wurden angestrebt. Sparsamkeit – auch als Ausdruck der Bescheidenheit – war eine Tugend. Die Ehe war eine Wirtschaftsveranstaltung. Der Frau wurden ökonomische Kompetenzen übertragen, denn im Fall des Ablebens ihres Gatten musste sie den Betrieb weiterführen. So bedurfte die Ehe eines besonderen Schutzes.

Die Frauen erhielten peu á peu mehr Rechte. Die volle Gleichberechtigung – darauf verwies ein Besucher im Gespräch - erlangten die Frauen selbst in Deutschland erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Sie durften ohne Erlaubnis der Männer arbeiten und den Arbeitsplatz wählen.

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