Als Rudolf aus seinem Leben herausfiel

Von: Christina Handschuhmacher
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Hinschauen statt wegsehen: Nicht alle Obdachlosen können in einer Unterkunft übernachten Foto: dpa

Düren. Übernachte niemals zwei Nächte in Folge am gleichen Ort. Such dir einen Schlafplatz, der möglichst windgeschützt und trocken ist. Vertraue niemandem. Das sind die Regeln, die Rudolf Wüllner (Name von der Redaktion geändert) sich für sein Überleben auferlegt hat. Seit zehn Jahren macht er „Platte“, wie er es nennt.

 Das heißt, er lebt ohne festen Wohnsitz auf der Straße. Sein Bett fand er in den vergangenen Jahren auf den Straßen Europas: in Italien oder auch in Frankreich. Dort gab es jeden Morgen ein Croissant und einen Kaffee von Madame Monique – wie Wüllner sich wehmütig erinnert. Generell sei der Umgang mit Obdachlosen im Ausland toleranter und offener.

Nun aber ist er in Düren in der Notunterkunft von In Via gestrandet. Die „Prinzessin“, wie er sie nennt, hat ihn dorthin geschickt. Die Prinzessin ist Sabine Prinz, Diplom-Sozialarbeiterin in der Fachberatungsstelle von In Via. Gerade in den eisigen Wintermonaten sind die In-Via-Angebote wie die Notunterkunft und das Café Lichtblick gefragt wie nie.

„Es kann jeden treffen“

Sabine Prinz hilft den Menschen, an denen viele Passanten achtlos vorbeieilen. Den Menschen, die den Halt im Leben schon lange verloren haben. Die Gründe dafür, dass Menschen auf der Straße leben, sind vielfältig, sagt die Sozialarbeiterin: „Arbeitslosigkeit, Trennung, Schulden, persönliche Schicksalsschläge, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.“ Viele ihrer Klienten seien selbstständig gewesen, hatten eine gute Ausbildung, eine Familie. „Es kann im Prinzip jeden treffen“, sagt die 45-Jährige. „Die Menschen, die hierin kommen, haben nicht nur ein Problem, sondern einen ganzen Haufen von Problemen.“

Rund 300 Menschen haben im Jahr 2011 die Fachberatungsstelle von In Via aufgesucht. Wie viele Menschen in Düren und Umgebung auf der Straße leben, lässt sich allerdings nicht beziffern. Denn nicht alle holen sich Hilfe. Viele würden lange versuchen, alleine mit ihren Problemen fertig zu werden, sagt Sabine Prinz. Die Schamgrenze sei hoch. Damit eine Beratungsstelle aufgesucht wird, müssten mehrere Faktoren zusammenkommen – wie bei Rudolf Wüllner.

Wüllner ist ein kleiner, schmaler Mann. Sein Vollbart wird von den ersten weißen Haaren durchzogen, sein Gesicht ist zerfurcht. Er sieht wesentlich älter aus als 45. Den Moment, in dem er aus seinem bürgerlichen Leben herausfiel, kann er nicht benennen. Nach dem Schulabschluss macht er eine Ausbildung zum Forstwirt, arbeitet mehrere Jahre in dem Beruf. Wüllner lebt und arbeitet in der damaligen DDR. Irgendwann hat er Ärger mit dem Staat. Fahren ohne Führerschein, Schulden und die Messerattacke einer Drogenabhängigen kommen hinzu. „Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagt Wüllner. Und: „Dann bin ich einfach abgehauen.“ Diesen Satz sagt Wüllner oft. Er ist ein Rastloser.

Das Geld bunkern

Seit September ist der 45-Jährige nun in Düren. Wie vielen Obdachlosen mangelte es Wüllner nicht nur an einem festen Wohnsitz, sondern auch an Dingen wie einer Kontoverbindung, einer Krankenversicherung und einem Personalausweis. Sabine Prinz hat Wüllner auf dem Weg zu einem Stück Normalität begleitet. „Wir wollen Perspektiven entwickeln, nicht nur den Status quo aufrecht erhalten“, beschreibt sie ihr Ziel. Bei In Via hat Wüllner nun – wie 180 andere Menschen auch – seine Postanschrift. Auch sein Geld „bunkert“ er dort, wie er sagt.

Zur Zeit schläft er in der Notunterkunft. 30 Plätze, davon sieben für Frauen, gibt es dort. Im Gegensatz zu den Notschlafstellen in vielen anderen Städten können die Obdachlosen den ganzen Tag über dort bleiben und müssen tagsüber nicht auf die kalten Straßen der Stadt zurück. Aber zufrieden ist Wüllner nicht in der Notunterkunft. „Einen Kindergarten“ nennt er das Ganze. Aber „Platte machen“ ist mit gebrochenem Ellbogen, ungeklärten Krampfanfällen und bei Minus-Temperaturen nun mal nicht drin.

Sabine Prinz weiß, dass viele Menschen auch bei Schnee und Frost lieber auf der Straße schlafen: „Sie sind physisch oder psychisch nicht in der Lage mit Anderen zusammenzuleben, haben Angst bestohlen zu werden oder können geschlossene Räume nicht mehr ertragen.“ Prinz appelliert deshalb auch: „Wenn Sie Obdachlose sehen, die in der Kälte draußen schlafen, informieren Sie die Polizei.“ Auch in diesem Winter gab es bereits Kältetote in Europa.

Und wie wird es mit Rudolf Wüllner weitergehen? Zehn Jahre ohne eigenes Bett und ohne regelmäßige Mahlzeiten sind genug, meint er. Mit Hilfe von Sabine Prinz hat er Sozialhilfe beantragt. „Ich wünsche mir eine Wohnung, ein Zimmer reicht. Und wenn ich wieder gesund bin, will ich einen Ein-Euro-Job machen, damit ich nicht den ganzen Tag nur in der Wohnung rumhänge.“

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