Als Notenwenderin unauffällig mitten auf der Bühne

Von: Stephan Johnen
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Christiane Weber (hier mit Pianistin Kiveli Dörken) ist Notenwenderin beim Kammermusikfestival „Spannungen“. Foto: Stephan Johnen

Heimbach. Ihr Platz ist mitten auf der Bühne, direkt neben dem Pianisten. Dass sie dennoch nicht wahrgenommen wird, ist Teil ihrer Aufgabe. Note für Note verfolgt sie das Konzert, denkt an nichts anderes als die Musik – und kommt doch nicht dazu, intensiv zuzuhören, sich in der Musik zu verlieren.

Christiane Weber ist Notenwenderin. Sie blättert für die Pianisten um, weil diese meist beide Hände voll zu tun haben. Klingt simpel? Die 44-Jährige muss schmunzeln. „Unsere Arbeit wird schon geschätzt“, sagt sie. Auch wenn der Pianist ganz klar im Rampenlicht steht, den Ton angibt, die Notenwender sind Teil des Teams.

Es beginnt damit, dass Christiane Weber und ihre Kollegen über ein fundiertes Musikwissen verfügen und den Ablauf der gespielten Musik kennen müssen, um rechtzeitig umblättern zu können. Was auf den ersten Blick nach keiner großen Kunst aussieht, erweist sich mit steigender Komplexität der Komposition als immer kniffligeres Unterfangen.

„Besonders herausfordernd für Notenwender ist das Forellenquintett von Schubert“, sagt Christiane Weber. Die Vielzahl der Wiederholungen stellt Notenwender vor eine Herausforderung, blitzschnell die richtigen Seiten zu finden und korrekt zu blättern – ohne dass alle Noten herunterfallen, mehrere Seiten umgeblättert werden, oder in die falsche Richtung geblättert wird.

Der Teufel steckt im Detail

Der Teufel stecke im Detail: Jeder Pianist habe eine andere Technik, seine Notenblätter zu sortieren oder gar zu falten. Möchte ein Künstler, dass ein Takt vorher gewendet wird, kann dies bei anderen zwei oder drei Takte vorher geschehen. „Oft gibt es nur ein kurzes Gespräch vor dem Konzert“, erklärt die Notenwenderin. Die Harmonie jedoch muss stimmen.

Christiane Weber hat Musikwissenschaften studiert, sie spielt Klavier und Fagott, gibt etwa vier bis sechs Konzerte pro Jahr. „In einem Laienorchester“, sagt sie. „Weil es Spaß macht.“ Sie liebe die Musik, wollte aber in die Organisation. Sie lebt und arbeitet in Luzern als Kulturmanagerin. Dass sie seit 1998 zur Heimbacher Festival-Familie gehört, sei einem Zufall geschuldet. 1997 war sie als Praktikantin beim Rheingau Musik Festival tätig – und betreute unter anderem Lars Vogt, der das Heimbacher Festival ins Leben rief. Ein Jahr später kam der Anruf, ob sie mitarbeiten wolle. Seitdem ist Christiane Weber dabei, nimmt sich seit Jahren für die Heimbacher Zeit Urlaub.

Das Notenwenden ist nur ein Teil ihrer Aufgaben während der Festival-Woche. „Wir sind Mädchen für alles“, sagt sie scherzhaft. Nicht zuletzt wegen ihrer Berufserfahrung kümmere sie sich während des Festivals um Verträge, Fahrtkostenabrechnungen und organisatorische Dinge. „Wir sind aber auch unterwegs, wenn ein Künstler die Noten vergessen hat oder ein Pflaster braucht“, schildert sie.

Heimbach sei für alle Beteiligten eine „sehr intensive Zeit“. Zehn Tage lebten, arbeiteten und probten alle Künstler und die Mitglieder des Teams auf sehr engem Raum. Viele Künstler würden zudem ihre Familien mitbringen. „So etwas ist einmalig“, sagt sie. Mit der Zeit sei eine Art „Festival-Familie“ entstanden. „Der normale Konzertbetrieb sieht anders aus. Hier leben wir alle faktisch in einem Haus.“

Christiane Weber spricht von „Lars-Typen“: Musiker, die Spaß an ihrer Arbeit haben, unkompliziert seien, feiern könnten, aber die Arbeit auch sehr ernst nehmen. „Wenn jemand das Gefühl hat, noch proben zu müssen, geschieht das auch nachts nach einem Konzert“, sagte Christiane Weber. Die Besonderheit bei „Spannungen“, beinahe schon ein Luxus: Auch bei den Proben sind Notenwender stets dabei.

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