Düren - Als die Polizei stürmt, schläft der Täter

Als die Polizei stürmt, schläft der Täter

Von: Stephan Vallata und Franz Sistemich
Letzte Aktualisierung:
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Fast fünf Stunden lang hielt ein 24-Jähriger die Polizei an der Südstraße in Atem - mit der Behauptung, ein Geiselnehmer zu sein. Foto: Roeger

Düren. In helle Aufregung versetzt worden sind die Bewohner eines Mietshauses an der Ecke Südstraße/Zeppelinstraße. Wegen einer möglichen Geiselnahme rissen Einsatzkräfte der Polizei die Bewohner in den frühen Samstagmorgenstunden aus dem Schlaf und forderten sie auf, ihre Wohnungen unverzüglich zu verlassen.

Mehrere Stunden war die Sachlage völlig unklar. Erst gegen 8.50 Uhr konnte die Polizei den Einsatz unblutig beenden.

Bereits gegen 4 Uhr soll ein 24-jähriger Wohnungsinhaber einen Verwandten telefonisch davon in Kenntnis gesetzt haben, dass sich ein Bekannter in seiner Gewalt befinde. Gleichzeitig soll der Mann angedroht haben, einen Sprengsatz zu zünden, und ein Auto angefordert haben, wie der Verwandte des mutmaßlichen Täters sofort der Polizei mitteilte.

Kein Sprengstoff

Die Einsatzleitung lag aufgrund der zunächst nicht einschätzbaren Bedrohungslage beim Polizeipräsidium Köln, das zusätzliche Beamte aus Düren und Heinsberg einsetzte. Spezialeinheiten stürmten schließlich die Wohnung des 24-Jährigen, in der sie diesen und einen 28-jährigen Mann antrafen - beide alkoholisiert und schlafend.

Ob es sich tatsächlich um eine Geiselnahme gehandelt hat, steht bislang noch nicht fest. Ein eingesetzter Spürhund konnte in der Wohnung jedenfalls keinen Sprengstoff ausfindig machen. Nun wird geprüft, ob der 24-Jährige in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden muss. Die weiteren Ermittlungen zu den Hintergründen des Vorfalls laufen derzeit noch.

Die betroffenen Hausbewohner hielten sich während des Einsatzes in einem bereitgestellten Bus der Dürener Kreisbahn am Chlodwigplatz auf oder wurden von Rettungskräften in einer benachbarten Schule betreut.

Alle sind noch einmal mit den Schrecken davon gekommen. „Wir wussten ja gar nicht, was los war”, berichtet Sigrid Dienstknecht, die direkt über der Wohnung des mutmaßlichen Täters im ersten Stock wohnt, über die sich überschlagenden Ereignisse. Den 24-Jährigen allerdings hat sie nie persönlich kennengelernt. Jetzt möchte sie nur noch ihre Ruhe haben.

Um 4.15 Uhr klingelte die Polizei auch mehrfach bei Angelika Hecker. Sie ging zur Gegensprechanlage, über die ihr die Einsatzkräfte mitteilten, sie müssten dringend ins Haus. Um 5.30 Uhr dann wurde sie gebeten, leise das Haus zu verlassen.

Für anhaltende Irritation unter den Hausbewohnern sorgt die Tatsache, dass sie bereits zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ihre Wohnungen zeitweise räumen mussten. Erst am 6. Dezember war es zu einem Kellerbrand gekommen, weil eine Matratze aus bisher ungeklärter Ursache Feuer gefangen hatte. Eine 65-jährige Bewohnerin musste vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht werden. Außerdem soll es in jüngster Vergangenheit häufig zu Diebstählen im Keller gekommen sein.

Rasit Sahin, Inhaber des Süd-Kiosks an der Südstraße, hat den Polizeieinsatz aus nächster Nähe miterlebt. Er bekam um 6.19 Uhr einen Anruf seines Zeitungslieferanten: Alles sei abgesperrt, er könne die Zeitungen nicht liefern. Sahin schaute daraufhin nach draußen und sah die Bewohner von Haus 18 vor Haus 22 stehen. Auf der Straße hätten viele Polizei- und Zivilautos gestanden.

Sahin beobachtete, wie sich ein Sondereinsatzkommando für einen bewaffneten Vorstoß rüstete. Die Polizisten bewegten sich nach seinen Angaben auch im Treppenhaus des Hauses 20. Dann habe es gegen 8.45 Uhr einen lauten Knall gegeben, als die Beamten in die Souterrainwohnung eindrangen. Sahin nahm wahr, wie die beiden jungen Männer wenig später herausgeführt wurden. Der 28-Jährige soll einen Verband im Gesicht getragen haben.

Vergleichbares hat Hausmeister Ippolito Ciarlo in den sechs Jahren seiner Tätigkeit an der Südstraße nicht erlebt. „Das ist immer eine ruhige und saubere Gegend gewesen”, sagt er, nachdem er die durch den Polizeieinsatz beschädigte Haustüre zur Wohnung des 24-Jährigen ausgetauscht hat. Diesen hat er als unauffälligen Mieter in Erinnerung. „Jeden Tag ist was anderes los”, macht eine Mieterin ihrem Ärger Luft. „Am besten ist es, wenn man auszieht.”
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