Düren - Als die Ehe mit Schüssen endete: Leben nach dem Drama von Düren

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Als die Ehe mit Schüssen endete: Leben nach dem Drama von Düren

Von: Burkhard Giesen
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Nach den Schüssen in dem Dürener Friseursalon mitten in der Stadt: Ein Großaufgebot der Polizei riegelt den Tatort ab, der Notarzt steht bereit, ein Sondereinsatzkommando bereitet sich darauf vor, den Salon zu stürmen. Dort finden sie eine lebensgefährlich verletzte Frau und ihren Mann, der noch am Tatort verstirbt. Foto: Burkhard Giesen
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Der Tatort: Nachdem ein Sondereinsatzkommando der Polizei den Friseursalon in der Dürener Innenstadt gestürmt hat, rückt die Spurensicherung an. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Es ist der 18. Oktober 2016. Nesrin Emre (Name von der Redaktion geändert) steht in einem Friseursalon – ihrem Arbeitsplatz – mitten in Düren am Wirteltorplatz, als plötzlich die Tür aufgeht und ihr Mann hereinstürmt. Mit einem Schuss in den Kopf streckt er die damals 27-Jährige nieder und richtet sich dann selbst. Wie durch ein Wunder überlebt die Frau. Doch ihre Leidensgeschichte ist damit noch nicht beendet.

Das Haus in Düren-Nord ist etwas zu groß für eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. Im Wohnzimmer in der ersten Etage stehen zwei Sofas und ein kleiner Tisch, an der Wand hängt ein großer Flachbildschirm. Nesrin Emre erzählt fast emotionslos von dem Tag, der ihr Leben verändert hat. Sie ist gefasst, überlegt, bevor sie antwortet, spricht leise.

„Ich war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Ich habe mitbekommen, wie der Notarzt hereingekommen ist“, beginnt sie. Der 18. Oktober 2016 hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Mein Mann hat nicht lange geredet“, sagt Nesrin Emre. Aber er hat ihr eine Frage gestellt, während er die Waffe auf sie gerichtet hat: „Bist Du Dir sicher, dass Du Dich von mir trennen willst?“ Sie hat Ja gesagt.

Danach sind vier Schüsse gefallen. „Einer in die Wand, einer in die Tür, einer galt mir“, erinnert sich Nesrin Emre, die lebensgefährlich verletzt zusammenbricht. Der Schuss traf sie von hinten in den Kopf und trat am Auge wieder aus. Zwei Wirbel wurden verletzt. Zu dem Zeitpunkt waren die Kunden und Angestellten aus dem Friseursalon längst geflüchtet, der Mann von Nesrin Emre hatte die Tür von innen verriegelt. Mit dem letzten Schuss hat sich der 27-Jährige dann selbst gerichtet. „Ich habe gesehen, wie er sich umgebracht hat“, sagt sie. „Er hat mir leid getan. Es hätte nicht so enden müssen.“

Gegen alle Widerstände

Nesrin Emre hatte ihren Mann früh in Düren geheiratet, auch gegen Widerstände in der eigenen Familie. Sie zog mit ihm in die Türkei. Nach einem Jahr hat sie es dort nicht mehr ausgehalten, drohte mit der Scheidung, wenn sie nicht zurück nach Deutschland gehen würden. Immer wieder wurde ihr Mann handgreiflich. Nesrin Emre erduldete die Übergriffe. „Ich wollte ihm eine Chance geben und hatte auch Angst, was andere von mir denken würden, wenn ich mich von meinem Mann trenne“, erzählt Nesrin Emre. Dann wurde sie schwanger. Der Streit endete nicht, die Schläge auch nicht. Auch eine Anzeige verlief im Sande, sagt die heute 28-Jährige. „Ich wusste, dass er mich umbringen wird.“

Fünf Jahre lebte sie mit dem Mann, den sie eigentlich geliebt hat und der sie peinigte, weiter zusammen. Es scheint, als ob sie sich aufgegeben hat, das eigene Wohl unwichtig war, sie sich ihrem Schicksal ergeben hatte. Nesrin Emre schildert das ganz nüchtern im zeitlichen Ablauf. Man nimmt an ihr keine noch so kleine Gestik wahr, kein Mundwinkel, der plötzlich zucken würde, keine Narbe, die in ihrem Gesicht deutlich erkennbar wäre. „Heute kann ich einfach leben, ohne täglich Angst haben zu müssen“, sagt sie. Damals hatte sie die Angst. Erst um sich selbst, dann plötzlich auch um ihren Sohn. Das, was sie für sich still erduldet hatte, wollte sie für ihren fünfjährigen Sohn nicht hinnehmen. Nesrin Emre beschloss, sich endgültig von ihrem Mann zu trennen. Sie ließ ihn nicht mehr ins Haus.

Genau eine Woche vor der Tat im Friseursalon kam es wiederholt zu Gewalt. Die Polizei musste anrücken. Sie spricht später davon, dass bei dieser Gelegenheit auch eine Todesdrohung ausgesprochen worden ist. Der Ehemann wurde der Wohnung verwiesen, ein Rückkehrverbot ausgesprochen. Dass die Todesdrohung ernst gemeint war, muss der Polizei bewusst gewesen sein.

Kurz vor dem Drama in dem Dürener Friseursalon hat der Vater seinen Sohn gezielt als Boten missbraucht. „Sag' Mama viele Grüße von mir. Ich werde sie mit einer Pistole erschießen“, hat er ihm aufgetragen auszurichten, berichtet die 28-Jährige. Der Fünfjährige hat das im Kindergarten erzählt, Jugendamt und Polizei wurden eingeschaltet – ohne Ergebnis. „Ich konnte nicht beweisen, dass er eine Pistole hatte“, sagt Nesrin Emre, die die Drohung ernstnahm und den Sohn zu ihren Eltern brachte. Zu dem Zeitpunkt besaß ihr Mann bereits zwei Pistolen, die er eine Woche später benutzte.

Woher die Waffen stammen, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. Allerdings wurden nach Angaben von Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts DNA-Spuren an der Munition festgestellt. Das hat zur Identifizierung von drei Tatverdächtigen geführt. Das war bereits im April 2017. Bei Wohnungsdurchsuchungen wurden weitere Waffen gefunden. Zwei der Beschuldigten stammen aus Düren, einer aus Niederzier. Ob sie neben der Munition auch die Waffe geliefert haben könnten, ist noch unklar. Eine Anklage gibt es bis heute nicht.

„Angst vor dem Sterben hatte ich nicht“

Anderthalb Stunden lagen zwischen dem letzten Schuss im Friseursalon und dem Einsatz des Notarztes. Ihr Handy lag unerreichbar auf der Fensterbank. „Angst vor dem Sterben hatte ich nicht. Ich habe nur gedacht: Es sind deine letzten Minuten. Dein Kind steht jetzt alleine da.“

Aufgegeben hat sich Nesrin Emre in dieser Situation nicht. „Ich hatte die Polizisten an der Tür gehört. Ich habe geschrien, dass mein Mann tot ist und sie reinkommen sollen“, weiß sie noch. Aber die Polizei kam erst nach anderthalb Stunden, als das eiligst herbeigerufene Sondereinsatzkommando vollständig einsatzbereit war. Ihr Mann lebte da noch, starb aber schließlich vor Ort.

Zur gleichen Zeit stand der Vater von Nesrim Emre in der Nähe des Friseursalons am Absperrband und unterhielt sich mit Polizei und Notarzt. Heute erinnert er sich: „Bekannte und Verwandte hatten mich angerufen, dass da etwas passiert und der ganze Bereich um den Salon abgesperrt sei. Also bin ich sofort mit meinem Bruder da hingefahren.“ Er hatte seine Hilfe angeboten, hätte vermitteln können. „Mir wurde dann gesagt, dass man mich rufen würde, wenn meine Hilfe gebraucht würde.“

Zu dem Zeitpunkt waren die Schüsse schon gefallen. Es gab niemanden mehr, mit dem die Polizei noch hätte verhandeln können. Mehr als eine Stunde war der Vater von Nesrin Emre vor Ort, wusste nicht, was geschehen ist, hatte Angst um seine Tochter. „Als alles vorbei war, sind wir von der Polizei zum Revier gefahren worden. Dort hat man uns dann informiert.“

Nesrin Emre wurde ins Krankenhaus gebracht, in ein künstliches Koma versetzt und überlebte trotz des Kopfschusses wie durch ein Wunder. Knapp drei Wochen wurde sie von den Ärzten behandelt, erhielt noch im Krankenhaus ihre Kündigung des Friseursalons. Ein Missverständnis, sagte ihr Chef später, als der Fall öffentlich wurde. Halt findet Nesrin Emre bei ihren Eltern, ihrer Schwester. Ihr Vater war es, der dem fünfjährigen Sohn versucht hat zu erklären, was im Friseursalon passiert ist. „Er wusste, dass sein Vater aggressiv war und seiner Mutter wehgetan hat“, erzählt er. Aber kann ein Fünfjähriger auch verstehen, was vorgefallen ist? Der Junge ist seit dieser Zeit in psychologischer Behandlung.

„Die Ärztin hat mir geraten, ihm gegenüber nicht zu lügen“, erzählt Nesrin Emre, der bewusst ist, dass ihr Sohn, je älter er wird, um so mehr Fragen stellen wird. Dass sein Vater tot ist, hat der damals Fünfjährige erst später verstanden. Der Vater von Nesrin Emre hatte den Leichnam in die Türkei überführt. „Drei Monate später bin ich mit dem Kleinen zu dem Grab gefahren, wo er sich von seinem Vater verabschieden konnte“, berichtet er. Auch einen Besuch bei den Großeltern väterlicherseits hat es gegeben. „Die haben den Jungen sehr gern“, sagt der Vater von Nesrin Emre, der dabei behilflich ist, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Für den Enkel.

„Ich bin froh, dass es so passiert ist“

Wie sehr Nesrin Emre noch immer damit beschäftigt ist, das Geschehene selbst zu verarbeiten, merkt man, wenn sie Alternativszenarien des Erlebten durchgeht. „Ich bin froh, dass es so passiert ist. Wäre es nicht jetzt geschehen, wäre es in zehn Jahren passiert. Dann wäre mein Sohn 15 gewesen.“ Oder: „Ich bin froh, dass es auf der Arbeit und nicht zu Hause passiert ist. Dann wäre es dramatischer geworden.“ Dann hätte vielleicht auch ihr Sohn sein Leben lassen müssen.

Für Nesrin Emre hat sich so vieles an diesem 18. Oktober 2016 geändert. „Ich habe keine Angst mehr zu leben“, sagt sie. Keine Übergriffe mehr, keine Gewalt, keine Drohungen. Gleichzeitig hat sie nahezu jeglichen Halt verloren. „Wie es weiter geht, weiß ich nicht“, sagt sie nüchtern. Es gibt neue Ängste, weil sie ihren Traum von der Friseur-Meisterschule aufgeben musste. Arbeiten gehen kann sie aus gesundheitlichen Gründen bis heute nicht. Sie weiß nicht, wie sie ihre kleine Familie finanziell über Wasser halten kann. „Mein Sohn spürt das“, sagt sie.

Gleichzeitig fällt es ihr schwer, den Kampf mit der Bürokratie aufzunehmen. „Wir haben einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz gestellt“, erzählt der Vater von Nesrin Emre. „Bis heute haben wir keine Entscheidung, stattdessen müssen wir immer neue Unterlagen einreichen.“

Hilfe hat die Familie vom Weißen Ring erfahren, dafür ist der Vater dankbar: „Die haben uns therapeutische Hilfe angeboten und eine Liste gegeben, an wen wir uns wenden können.“ Trotzdem bleibt für ihn und seine Tochter das Gefühl, als Einzelkämpfer mit diesem schweren Schicksal fertig werden zu müssen. „Ich hatte gedacht, dass mal jemand kommt, der uns sagt, welche Rechte wir haben.“

Die innere Zerrissenheit und vielleicht auch Hilflosigkeit der 28-Jährigen zeigt sich in wenigen Sätzen. „Ich habe den Tod gespürt. Ich will leben, heute den Tag genießen. Morgen gibt es vielleicht nicht mehr“, sagt sie. Sie wirkt erschöpft, kraftlos. Keine zwei Minuten später blickt sie doch von Heute auf Morgen: „Ich muss irgendwann aufstehen und arbeiten, damit ich meinem Sohn ein gutes Leben bieten kann.“

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