„Alles kaputt“: Theaterstück klärt über Cybermobbing auf

Von: Laura Laermann
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Das Theaterstück „Alles kaputt“ klärt über psychische Gewalt im Internet auf. Foto: Laura Laermann

Düren. „Ich kann nicht mehr. Es reicht. Ich halte es nicht mehr aus.“ Das sind Lisas Gedanken, als sie mit einem Messer in einen Kohlkopf sticht und ihn zerschneidet – ein Spiegelbild ihrer Seele. Denn die 14-Jährige wurde verletzt, nicht körperlich, sondern mit Worten.

Sie wurde Opfer von Cybermobbing, Lisa ist eine fiktive Person, eine der Protagonisten im Theaterstück „Alles kaputt“. Doch ihr Schicksal steht für die Probleme vieler junger Menschen – auch aus Düren.

Mobbing auf dem Schulhof und im Internet ist keine Seltenheit. Sechs Dürener Schulen haben daher an dem Theaterprojekt teilgenommen. Das Stück „Alles kaputt“ haben die Theaterpädagogen Marion Kaeseler, Jan Savelsberg und Philipp Maurer gemeinsam mit dem Kommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz entwickelt. Es zeigt die Geschichte zweier junger Menschen, Lisa und Jonas, die auf ähnliche Weise im Netz bloß gestellt werden.

Von Jonas wird ein Bild in die Whatsapp-Gruppe der Klasse gestellt, auf dem er sich mit Saft bekleckert hat. Plötzlich schreiben Mitschüler, er habe sich in die Hose gepinkelt. Ein anderer führt fort: „Der ist doch eh schwul.“ Bei Lisa läuft es etwas anders: Sie schickt ihrem Schwarm Benny ein Foto von sich. Plötzlich entdeckt sie das Foto bei Facebook, hochgeladen von Benny, der es zudem mit der Aufschrift „Schlampe besorgt‘s euch richtig“ manipuliert hat. Ihre vermeintlichen Freunde glauben, was sie sehen, und schließen sie aus der Gemeinschaft aus.

Zwei Beispiele, die auch im realen Leben passieren. „Ich habe meine eigene Geschichte wieder erkannt“, sagt Annalena, Schülerin der Förderschule am Silberbach in Düren. „Ich wurde an meiner alten Schule auch in Whatsapp-Gruppen gehänselt und beleidigt. Das war schlimm, und ich wusste nicht einmal den Grund.“ Annalena findet es gut, dass das Theaterstück an ihrer Schule vorgetragen wurde. Die Zwölfjährige gehört nicht zu den Mitläufern, sagt sie, sondern würde versuchen zu helfen.

Nico ist schon mal in solch einem Fall eingeschritten: „In einer Whatsapp-Gruppe wurde verabredet, dass am nächsten Tag ein Junge verprügelt werden soll“, erzählt der 16-Jährige, der als Medienscout Mitschülern, die gemobbt werden, hilft. „Ich habe das am nächsten Morgen dem Lehrer mitgeteilt. Zum Glück konnte Schlimmeres verhindert werden.“

Doch was sind überhaupt die Motive eines Mobbers? „Wut und Aggression – negative Gefühle, die sie an einem Opfer herauslassen“, glaubt Jens Weber, Klassenlehrer der neunten und zehnten Klasse der Schule. Dass das mittlerweile im Internet geschieht, sieht Weber nicht als Verlagerung des Problems, sondern als neue Schwierigkeit: „Das Internet macht Mobbing leichter“, erklärt er. „Dort mobben diejenigen, die sich nicht trauen, wenn sie der Person gegenüberstehen.“

So erleben es auch Lisa und Jonas, die nach einem Ausweg suchen. Die Theaterpädagogen fragen das Schülerpublikum am Ende, wie sie die Situation lösen würden. „Sollte Lisa sich Hilfe bei einem Erwachsenen suchen?“, lautet eine Frage. Die Schüler sind sich einig und auch die Pädagogen raten ihnen, sich an Lehrer, Eltern oder Polizei zu wenden. „Im Unterricht machen wir Cybermobbing oft zum Thema“, sagt Weber. „Die Schüler wollen zwar etwas dagegen unternehmen, aber es fällt ihnen schwer, Lösungen zu finden.“

Dabei reicht es manchmal schon aus, die Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Medien richtig einzurichten, eine Person im Netz zu melden oder eine Gruppe zu verlassen, erklärt der Lehrer. Das Problem bei Letzterem: „Die Schüler wollen nichts verpassen.“ Denn damit würden sie sich selbst zum Außenseiter machen.

Courage zu zeigen und sich für eine Person einzusetzen, ist eine wichtige Botschaft der Theaterpädagogen. Die Jugendlichen sollen darüber hinaus lernen, wie sie sich selbst vor Mobbing schützen können. „Jeder sollte sich gut überlegen, welche Inhalte er postet – egal auf welcher Plattform“, sagt Kaeseler. Vor allem Fotos seien ein typisches Mobbinginstrument, erklärt Weber. Dominik, der als Medienscout an der Förderschule über Cybermobbing aufklärt, geht es vorsichtig mit Fotos an: „Ich achte darauf, wem ich Bilder von mir schicke, denn ich möchte nicht, dass am Ende jeder Vertrauliches von mir sieht.“

Bei der Frage, ob Lisa selber Schuld an der Veröffentlichung ihres manipulierten Fotos hat, weil sie es Benny geschickt hatte, sind die Schüler uneinig. Die einen verneinen die Frage deutlich, andere sind der Meinung, sie hätte das Foto gar nicht erst verschicken dürfen. Polizeikommissarin Marion Laßka erklärt, dass die Schuld bei Benny liegt, da er gegen „das Recht auf das eigene Bild“ verstoßen hat. Grundsätzlich könne man Internetmobbing und Beleidigung zur Anzeige bringen. Denn Cybermobbing gilt als psychische Gewalt. Im Bekanntenkreis hat Dominik erlebt, dass sich ein Mädchen wegen Mobbings umgebracht hatte. „Ich war schockiert“ sagt der 16-Jährige. „Es ist wichtig bewusst zu machen, was man Mobbing anrichten kann.“

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