Allein unter Bentheimer Landschafen

Von: Anne Wildermann
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In Zehn Jahren will Landwirt und Schafzüchter Peter Hilberath in Rente gehen. Ob es einen Nachfolger für seinen Hof gibt, bezweifelt er. Hilberath glaubt, dass es künftig nur noch Schäfer gibt, die als Landschaftspfleger arbeiten. Foto: Wildermann
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Die drei Tage alten Lämmer erkennen ihre Mutter am Geruch und am Blöken. Namen bekommen nur die Hunde, aber nicht die Schafe und Ziegen. Foto: Wildermann

Merzenich. Ein lautes Blöken schallt durch die große Halle, als Landwirt und Schafzüchter Peter Hilberath (57) aus Merzenich mit einem großen grünfarbenen Plastikeimer Kraftfutter holt. Das Blöken wird zu einem gemeinschaftlichen Chor und erst leiser, als Hilberath über das Gatter steigt, etwas Futter mit den Händen in die Futterkrippe aus Holz gibt und Heu darauf verteilt.

Wie auf Kommando stürmen die sonst sehr scheuen und vom Aussterben bedrohten Bentheimer Landschafe auf ihn zu und umzingeln ihn. Besuch, fremde Stimmen und hektische Bewegungen sind die Tiere nicht gewohnt. Auch nicht die Jungen und Mädchen einer Dürener Grundschulklasse, die mit ihren Lehrerinnen für einen Ausflug auf den Hof gekommen sind.

450 Muttertiere

In einer kleinen separaten Bucht hat Hilberath zwei Jungtiere, gerade drei Tage alt, hineingesetzt, die die Kinder streicheln und bestaunen können. Ganz geheuer sind den Lämmern die vielen Kinderhände, quietschenden Stimmen und unruhigen Bewegungen jedoch nicht. Hilberath bleibt in der Nähe der Jungtiere stehen, besieht sich gelassen die Szenerie und wechselt ein paar Worte mit den Lehrerinnen. Er ist ein großer, kräftiger Mann, der ohne Hut nicht das Haus verlässt. Ohne Mühe kann er ein Schaf, das 20 Kilo wiegt, auf die Arme nehmen.

In der dritten Generation führt er den inzwischen zertifizierten Bio-Schafhof in Merzenich. Ob ihn eine vierte übernehmen wird, ist fraglich. „Ich habe 1974 angefangen und will in etwa zehn Jahren in Rente gehen“, sagt Hilberath mit rheinischem Dialekt. Bisher sieht es nicht so aus, dass den Hof jemanden pachten will oder dieser vererbt wird. Hilberath erklärt, dass dann „Schicht ist“. Er sagt diese zwei Worte unaufgeregt und neutral. Als ob es sich gar nicht um seinen Hof, seine Tiere und sein Zuchtunternehmen handeln würde.

450 Muttertiere hat der Landwirt zur Zeit, plus die Nachzucht (Jungtiere). Insgesamt kommt er auf 900 Schafe. „Die ersten Lämmer wurden bereits an Silvester geboren“, sagt Hilberath. Nebenbei beantwortet er den Schulkindern einige Fragen zu den Tieren und seinem Betrieb, die sie im Vorfeld auf gelbe Karteikarten geschrieben haben. Er verlässt mit der Klasse die Halle, in der seine Schafe untergebracht sind, und geht gemütlich um die Hallenecke.

Dort stehen, überdacht, einige Ziegen und weitere Schafe, die fünf Monate alt sind und bald zum Schlachthof gebracht werden. Kaum ertönt die tiefe Stimme von Hilberath, schlagen die Hunde an. Sie sind in großen Zwingern neben den Ziegen untergebracht. „Insgesamt haben wir vier Hunde. Zwei die den Hof bewachen und zwei, die die Schafe hüten“, erklärt er.

Die Kinder haben es schwer, ihm zuzuhören, weil die Ziegen, vor allem die Zicklein, sie ablenken. Hilberath steckt den Jungen und Mädchen Brotscheiben zu, die sie an die Ziegen verfüttern sollen. Schnuppernd und mit feuchten Nasen kommen die Tiere zu den Kindern. Man bemerkt ihre Unsicherheit gegenüber dem Besuch. Aber der Geruch des Futters ist stärker als die Skepsis.

Die insgesamt 30 Ziegen werden demnächst mit den Schafen auf eine Fläche von 200 Hektar, die Hilberath gepachtet hat, in den Nationalpark Eifel gebracht. Dort werden sie als natürliche „Rasenmäher“ eingesetzt. „Ziegen fressen und knabbern gerne Gehölz an, Schafe sind wählerischer. Sie mögen lieber Kräuter und Gräser“, erklärt Hilberath. Je nach Witterung werden die Tiere bis Dezember in der Eifel bleiben.

Der „Boss“ unter den Ziegen, die nur teilweise Hörner haben, ist ein großer, dreijähriger, bunt gescheckter Bock mit langem Bart. Er trägt eine große Glocke um den Hals, damit ihn Hilberath hören kann, falls sich das Tier im Gebüsch des Nationalparks versteckt.

Der Landwirt nutzt die Tiere ausschließlich für die Zucht, selbst die Milch ist nur für den Nachwuchs bestimmt. Privatpersonen können bei ihm weder Tiere noch Schafswolle kaufen. Wenn Hilberath Schafe verkauft, dann nur an andere Schäfer oder Landwirte. Sie müssen eine große Stückzahl an Tieren abnehmen. „Das können 50 Tiere sein, aber auch 100“, sagt er.

Eine Zukunft sieht er in seiner Branche nur in einer Ausnahme: Schäfer, die als Landschaftspfleger arbeiten und ihr Geld verdienen. Als Beispiel nennt er den Flughafen Köln/Bonn. „Dem gehört eine eigene Schafherde, die auf den Ausgleichsflächen weidet und sie kurz hält“, sagt Hilberath und fügt hinzu: „Und solche Unternehmer wie ich müssen von den Produkten leben, die sie erzeugen, wie Fleisch, Zuchttiere und Wolle.“ Die Kosten für das Scheren der Tiere kann er zum Teil nicht decken. „Die Wolle wird mir von Händlern abgekauft. Ich vermute, sie landet irgendwo in China.“

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