Alkoholprobleme: Ohne fachliche Hilfe besteht Lebensgefahr

Von: Gudrun Klinkhammer
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Werner Solinus, Kirstin Fuß-Wölbert und Karl Polifka engagieren sich beim Kreuzbund für Alkoholiker. Foto: Gudrun Klinkhammer
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Ein Mann trinkt aus einer Flasche Whisky – Der Weg zum Alkoholiker ist dann möglicherweise nicht mehr weit. Foto: stock/Thomas Eisenhuth

Düren. Karl Polifka sagt über sich selbst: „Ich war in der Gosse. Alkoholiker, arbeitslos und vorbestraft wegen Ladendiebstahl.“ Geklaut hatte Polifka in erster Linie Alkohol. Zunächst begann es im Alter von 14 Jahren mit Saufgelagen an den Wochenenden und ging in den ersten Jahren seiner Ehe mit ein paar Bier pro Abend weiter.

Es endete mit zwei Flaschen Schnaps pro Tag. Da war Karl Polifka 38 Jahre alt.

Der jetzt 66-Jährige stammt aus Düren, absolvierte die Volksschule, machte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann und später noch eine zweite Lehre zum Maler und Lackierer. Von 1991 bis 2014 betreute er hauptberuflich obdachlose Menschen beim Sozialamt der Stadt Aachen. Der verheiratete Vater hat zwei Kinder und inzwischen auch Enkel. Was ihm als Jugendlicher schon auffiel: Während andere an Kirmes und Karneval die Trinkbremse ziehen konnten, trank er bis zum Umfallen, immer weiter. „Der Kontrollverlust ist ein klares Anzeichen für eine Sucht“, weiß Polifka.

Sein Körper gewöhnte sich nach und nach an immer höhere Dosen Alkohol, sogar zwei Flaschen Schnaps pro Tag merkte man ihm nicht unbedingt an.

Seine Frau und seine Kinder verließen ihn, mehrfach landete er vor Gericht. Wach wurde Karl Polifka, als der Richter sagte: „So, das ist das letzte Mal, beim nächsten Mal fahren Sie ein.“ Ein Bewährungshelfer, der selbst einmal Suchtbetroffener war, erklärte seinem Schützling klipp und klar, wie er vorzugehen habe, um nicht im Gefängnis zu landen: „Ab sofort nicht mehr trinken.“ Polifka: „Am 13. März 1987 trank ich meinen letzten Alkohol, danach gelang mir der Schritt, ein trockener Alkoholiker zu werden, und das bis heute.“ Zufällig traf er seine Frau auf der Straße, die Familie versöhnte sich, zog wieder zusammen. Schnell fand der Familienvater eine neue Arbeit. Die Liebe und Treue seiner Frau und seiner Familie sind ihm Ansporn, die Abstinenz zu pflegen.

Ein wichtiger Baustein in seinem Leben ist der Verein „Kreuzbund im Diözesanverband Aachen“, der Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und deren Angehörige anbietet. Zu den Suchtkrankheiten gehören neben Alkohol auch Drogen, Spielsucht, Canabis und Medikamente. Karl Polifka ist inzwischen der stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

Einmal pro Woche trifft sich die Kreuzbund-Selbsthilfegruppe Düren-Süd in einem Raum beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Jeder kann sich dieser Gruppe anschließen, Religion spielt keine Rolle. Werner Solinus ist der Gruppenleiter, auch er weiß, wovon er spricht, geht es um Sucht.

Der 71-jährige, ein gelernter Koch, ist seit 2007 trockener Alkoholiker. Der verheiratete Vater einer Tochter führte lange Jahre eine Kneipe. Da lag der Zapfhahn denkbar nah. Er versuchte ebenfalls, plötzlich abstinent zu werden, was in einem Krampfanfall endete. Erst der Arzt im Krankenhaus klärte ihn auf, was in seinem Körper wirklich vor sich ging.

In der Selbsthilfegruppe von Werner Solinus treffen sich suchtkranke Menschen, die in der Regel nach einer Therapie ihren Weg der Abstinenz stärken wollen. Solinus: „Fakt ist, dass die größten Chancen, abstinent zu bleiben, eine derartige Gruppe bietet.“ Das Selbstbewusstsein der Besucher und der ehrliche Umgang mit der Situation werden gefestigt und voran getrieben.

Werner Solinus erklärt den wöchentlichen Ablauf eines Treffens: „Wir sprechen zunächst über organisatorische Dinge, dann machen wir einen sogenannten ‚Blitz‘.“Jeder kann sagen, was er in der vergangenen Woche erlebt hat, aber eben nur in kurzen, blitzartigen Sätzen. Danach wird detaillierter berichtet, von Eheproblemen, Rück- oder Vorfällen.“ Bei einem Rückfall handelt es sich um ein zunächst stilles Weitertrinken, bei einem Vorfall um den Konsum mit sofortiger Meldung an eine Vertrauensperson. Entsprechende Telefonnummern erhalten die Gruppenmitglieder gleich beim ersten Treffen. Solinus: „Wir bieten in der Gruppe keine Therapie, sondern wir verstehen uns als Krückstock, wenn man entwöhnt ist. Entgiftung und Therapie legen wir unseren Besuchern allerdings ans Herz.“ Nicht bei allen Betroffenen nehmen die Lebensgeschichten eine erfreuliche Wendung und gehen gut weiter.

Polifka: „Der berühmte Satz ‚Ich habe das im Griff‘ – das geht meist in die Hose.“ Auch nach einer Entgiftung kann es sein, dass Körper und Geist nicht übereinkommen, der Geist im Körper keine Festigkeit mehr findet. Daher betonen die Fachleute: „Betroffene, die sich nicht in fachliche Hände begeben, die laufen schneller als sie denken Gefahr, ihr Leben zu lassen.“

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