Aktivisten bereiten sich auf ihren zweiten Winter im Freien vor

Von: Sarah Maria Berners
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Vorbereitungen für den Winter: Die Gemeinschaftshütte der Wiesenbesetzung wird derzeit noch mit Stroh isoliert, in einem Erdkeller haben die Braunkohlegegner Lebensmittel eingelagert. Foto: Sarah Maria Berners

Morschenich. Das Barfuß-Wetter ist längst vorbei – einen hartgesottenen Braunkohlegegner hält das aber nicht davon ab, ohne Schuhe und Strümpfe über die matschige „Hauptstraße“ der Wiesenbesetzung am Rand des Hambacher Forstes zu waten.

Es ist ruhig an diesem Mittag, irgendwo klimpert jemand auf der Gitarre, aus dem Wald klingen dumpfe Hammerschläge. Ein Schild am Zugang der Wiese macht deutlich, wer dort unerwünscht ist: RWE, Bauamt, Polizei.

Baumhausromantik

Vor der Küchenhütte sitzt eine Handvoll Aktivisten und gibt ein Interview: Ein junger Mann vom Anarchistischen Radio Berlin hat von den Wiesenbesetzern gehört. Eigentlich wollte er nur ein Wochenende bleiben, jetzt hat er seine Recherchereise auf eine Woche verlängert.

15 bis 20 Braunkohlegegner sind im Schnitt auf der Wiese und im Wald unterwegs, sagen die Aktivsten. Sie leben in Wohnwagen, Hütten, Zelten und Baumhäusern. Sie wollen dort bleiben und gehen in diesen Tagen in ihren zweiten Protestwinter – Verordnungen und Wetterkapriolen zum Trotz. „Auf der Wiese wird der Wind wirklich eisig, in den Baumhäusern im Wald lässt es sich aber ganz gut aushalten. Wir rücken halt ein wenig enger zusammen“, sagt eine 20 Jahre alte Aktivistin, die sich Victoria nennt. Eigentlich wollte Victoria im Oktober 2012 nur für ein paar Tage im besetzten Wald vorbei schauen. Aus ein paar Tagen ist für die junge Frau aus Norddeutschland ein Jahr geworden und Victoria wurde eine der Aktivistinnen, die im November vergangenen Jahres bei einem Großeinsatz von den Bäumen und aus dem Wald geräumt wurden.

Dem Winter sieht sie entspannt entgegen. „Unterstützer haben uns warme Kleidung gespendet, wir haben gute Schlafsäcke und es gibt Leute, bei denen wir warm duschen können“, erzählt sie. Ein Angebot, das nicht alle annehmen: Während die ersten Autofahrer morgens schon das Eis von der Windschutzscheibe kratzen, nutzen manche Aktivisten noch die Campingduschen im Freien.

Schubkarre voll Äpfel

Auch das Camp wird derzeit winterfest gemacht. Eine Holzhütte, die als Gemeinschafts- und Schlafraum dient, wird mit Stroh isoliert. Die Aktivisten tragen Bauholzreste und Brennholz zusammen, manchmal bekommen sie Spenden von Unterstützern.

Öfen gibt es bislang nur in einer Hütte und einem Bauwagen. Zwei weitere warten noch darauf, eingebaut zu werden. Gerade erst ist eine Schubkarre voll Äpfel und Maiskolben angekommen. Die werden in einem ausgehobenen „Erdkeller“ gelagert. „Im Sommer ist er kühl, im Winter friert es dort nicht so schnell“, erklärt Victoria. Spendiertes und angebautes Obst und Gemüse haben die Aktivisten für den Winter eingekocht, Bohnen, Rote Bete, Äpfel und Birnen zum Beispiel. „Unterstützer bringen uns auch im Winter Lebensmittel wie Brot“, erzählt Victoria. Trinkwasser dürften sich die Aktivisten bei Unterstützern aus Buir und Morschenich abholen. Und damit das Trinkwasser in den kommenden Monaten nicht gefriert, werden die Kanister in einem der beheizten Unterschlüpfe gelagert.

„Wir haben jetzt mehr Wagen als im vergangenen Jahr und mit genug Decken und der richtigen Kleidung lässt es sich schon aushalten“, sagt der Aktivist Zimmermann, der sich bei der Räumung in einem Erdloch verschanzt hatte und als „Maulwurf“ bekannt wurde.

Die Aktivisten werten es als Erfolg, dass sie Öffentlichkeit für das Thema Kohle und Umsiedlungen geschaffen, dass sie die Folgen für Gesundheit und Umwelt bekannt gemacht und Menschen im Kampf dagegen vernetzt hätten. Sie messen den Erfolg ihres Protests nicht am Stopp des Tagebaus, den auch Victoria für unwahrscheinlich hält.

„Keine Aktivisten züchten“

„Meine Hoffnung ist, dass wir ein Zeichen setzen“, sagt die Aktivistin. Sie wolle einen Prozess anstoßen: Es gehe ihr um mehr als die Kritik am Bergbau. Es gehe ihr darum, eine andere Form des Zusammenlebens zu etablieren, es gehe um Staats- und Gesellschaftskritik mit dem Ziel, die Demokratie mit der Anarchie abzulösen. „Das hier ist meine Arbeit, und ich halte sie für notwendig und sinnvoll“, betont Victoria, die früher Schlosserin werden wollte. Irgendwann wolle sie mal Kinder haben, die „unbelastet von der Gesellschaft“ auf einem Selbstversorger-Hof aufwachsen sollen. Lachend sagt Victoria: „Ich will keine Aktivisten züchten, aber ich will meinen Kindern Botschaften mit auf den Lebensweg geben.“

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