Abwärts geht es viel schneller als bergauf

Letzte Aktualisierung:
invia-bu
Als sie auf der Straße stand, fand Kathrin Hilfe und Unterstützung in der Notunterkunft des Vereins „In Via”. Sie ist den Menschen dankbar, die sie in dieser Phase nicht aufgegeben haben. Foto: Johnen

Düren. Ein junger Mann öffnet die Tür der städtischen Notunterkunft an der Dechant-Bohnekamp-Straße. Nennen wir ihn „Michael”. Er ist 26 Jahre alt, misstrauisch. Michael hat Angst, zuviel von sich zu verraten. Die Zeitung will etwas über Menschen schreiben, die in der vom Verein „In Via” geleiteten Unterkunft Unterschlupf gefunden haben?

Michael ist skeptisch, erzählt aber dann doch. Ein Foto? Nein, danke. Michael schämt sich. Irgendwann sei im Leben etwas schiefgelaufen, dabei hätte alles problemlos laufen können, sagt er. Denn trotz einer schwierigen Kindheit habe er den Hauptschulabschluss geschafft und seine Lehre erfolgreich abgeschlossen. Dann seien die „falschen Freunde” gekommen.

Vor 13 Jahren wurde Michael zum ersten Mal Hasch angeboten. Natürlich habe er probieren müssen, er wollte ja nicht als Feigling abgestempelt werden. Was er nicht ahnte: Es war der Eintritt in die Abhängigkeit: Alkohol, Cannabis, Ecstasy, Speed. Schließlich, mit 23 Jahren, Heroin. „So einfach zu besorgen wie Alkohol”, sagt er. Mit 24 stand er auf der Straße.

Träume von einem Leben, das er nie hatte

Da bekam er den Tipp: Notunterkunft der Stadt. Dort fand er Unterschlupf. Nichts weiter ist ihm geblieben. Außer seinen Träumen von dem Leben, das er nie hatte. Ein Leben, wohlbehütet von den Eltern. „Du lebst nicht mit den Drogen, die Drogen leben mit dir”, sagt er. Seit März ist er clean. Jetzt hoffe er wieder auf ein besseres Morgen.

„In Via” habe es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder in deren Mitte zu führen, erklärt Thomas Bücher, der Leiter der Notunterkunft. 22 Betten stehen zur Verfügung, niemand müsse in Düren auf der Straße leben, darauf habe jeder Mensch einen Rechtsanspruch. „Alkohol und Drogen spielen bei uns nur noch eine untergeordnete Rolle”, sagt Bücher. Am längsten trocken zu bleiben, sei eine Art Sport geworden, die Zeiten der Randale im Haus seien längst vorbei. „Die Notunterkunft hat fast den Charakter einer Jugendherberge. Jeder kann hierhin, aber keiner wird gezwungen”, sagt Bücher.

Das große Problem: Die Einsamkeit

Aber trotz der Gemeinschaft gebe es ein großes Problem für die Betroffenen: Einsamkeit. „Einsamkeit ist eine der tiefgreifendsten Folgen im Dasein sozial benachteiligter Menschen. Einsam sein heißt: isoliert, verbittert, verhärtet bis tief in die Seele sein”, sagt Mitarbeiterin Elisabeth Rödger. Das Team der Unterkunft versuche, mit den Betroffenen seelische Verletzungen aufzufangen, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. Erst dann könne versucht werden, die Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu führen. Und dafür arbeiten und kämpfen Elisabeth Rödger, Thomas Bücher und die ehrenamtlichen und angestellten Mitarbeiter von „In Via”. „Erfolgreich. Trotz der manchmal unüberwindbaren Hindernisse und Probleme”, findet Bücher. Geld, Verständnis, Unterstützung durch die Bevölkerung, die Politik: „Wir müssen dicke Bretter bohren, um einen kleinen Schritt voranzukommen.” Fast niemand der Menschen, die um Hilfe bitten, stecke selbstverschuldet in Existenznöten, sagt Elisabeth Rödger. Frauen, die in dubiose Partnerschaften geraten sind, Menschen, die aus ihrer Arbeit gerissen wurden. Und immer mehr junge Leute, die den Anforderungen der heutigen Zeit nicht gewachsen sind.

Menschen wie Kathrin, die ebenfalls in der Notunterkunft wohnt. Kathrin ist 30 Jahre alt, kommt aus Sachsen. Sie ist Mutter von zwei Kindern, acht und neun Jahre. Eines lebt bei der Oma, das andere bei Pflegeeltern. Kathrin ist gepflegt, sie war Küchenhilfe, hat in Düsseldorf eine Hauswirtschaftslehre gemacht. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie die Kinder bekam. Alles lief gut. Doch dann setzten bei Kathrin Depressionen ein. Schon nach der Geburt des ersten Kindes. Für Kathrin begann der soziale Abstieg.

Auch sie stand irgendwann auf der Straße. Ihre letzte Hoffnung: betreutes Wohnen. Hilfe fand sie bei „In Via”. Die Mitarbeiter sorgten dafür, dass Kathrin eine Dach über den Kopf bekam, unterstützten sie im täglichen Leben. Jetzt ist Kathrin wieder glücklich, hat einen neuen Freund. Den geht sie oft besuchen. Sonst geht sie nur selten vor die Türe. Aus Angst vor dem Leben. In den Herzen vieler Menschen spüre sie Kälte, sagt sie. In der Wohnung ist sie glücklich. Dankbar ist sie den Menschen, die ihr geholfen haben, wieder ein normales Leben zu führen.

Seit 13 Jahren eine Anlaufstelle für Menschen in Wohnungsnot

Der Fachverband „In Via” ist seit 1993 in der Wohnungslosenhilfe in Düren tätig. Der Verein ist Träger der Bahnhofsmission, der Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot, der Notübernachtung und des Cafés Lichtblick.

Zudem bietet „In Via” stationäre Wohngemeinschaften an zwei Standorten im Kreis Düren, ein Arbeitsprojekt für wohnungslose und benachteiligte Menschen und ein „Ambulant Betreutes Wohnen für Menschen mit psychischer Behinderung” an.

In der Notunterkunft arbeiten drei Sozialpädagogen und zwei Betreuungskräfte für Jobperspektiven. Acht Nacht- und Wochenenddienstler sorgen sieben Tage in der Woche rund um die Uhr für Betreuung und Hilfen.

Die Wohnungslosenhilfe für die Region Düren-Jülich, Schulstraße 51, 52353 Düren, ist erreichbar unter 02421/998980.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert