„Abitur Online“: Wenn die Klasse vor dem Bildschirm sitzt

Von: Gudrun Klinkhammer
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Im Dürener Rurtal-Gymnasium findet das Angebot „Abitur Online“ statt. Matthias Herrmann (stehend) ist stellvertretender Schulleiter und unterrichtet Deutsch und Geschichte. Dr. Michael Szczekalla (rechts) leitet das öffentliche Schulangebot. Foto: Gudrun Klinkhammer

Düren. „Die Belastung der Schüler ist sehr hoch, manche brechen ab“, sagt Matthias Herrmann. Herrmann ist stellvertretender Leiter des Aachener Abendgymnasiums, das seit 60 Jahren existiert. Seit dem 1. Februar 2014 bietet das Abendgymnasium, dabei handelt es sich um eine öffentliche Schule, in der Außenstelle Düren die Möglichkeit an, kostenlos „Abitur Online“ zu machen.

Zwischen Köln und Aachen, sagt Schulleiter Dr. Michael Szczekalla, ist dies das einzige Angebot dieser Art. Die Bedingungen: Der Schüler muss mindestens 18 Jahre alt sein und bereits zwei Jahre lang im Beruf oder in der Ausbildung stehen. Auch gelten als Anerkennung die Erziehung von Kindern oder die Ableistung des inzwischen freiwilligen Wehrdienstes. In erster Linie sollte der Realschulabschluss vorliegen, doch sind Ausnahmen möglich. Dazu führt der Schulleiter mit jedem einzelnen Aspiranten ein Anmeldegespräch.

Entscheiden sich die Interessenten für den Ausbildungsweg „Abitur Online“, dann lernen sie jeweils am Dienstags- und Donnerstagsabend im sogenannten „Präsenzunterricht“, bei dem sie anwesend sein müssen, in Düren im Rurtal-Gymnasium in einem Klassenraum. Zusätzlich müssen rund zehn Stunden pro Woche aufgebracht werden, um online Aufgaben abzuarbeiten.

Die meisten Schüler sind Anfang oder Mitte 20, weiß Herrmann. Doch gab es in Aachen kürzlich eine Abiturientin, die das 70. Lebensjahr bereits erreicht hatte. Zusätzlich zur Schule gehen die Schüler weiter ihren beruflichen Aufgaben und familiären Pflichten nach.

Es gibt Arbeitgeber, die unterstützen diese Art der Fortbildung, doch es gibt auch Arbeitgeber, die möchten das nicht“, stellt Herrmann fest. Letztere fürchteten den Schwund der Fachkräfte, die mit dem Abitur in der Tasche studieren gehen könnten.

Teilnehmer des „Abitur Online“-Angebotes möchten auch genau aus diesem Grund ihre Namen nicht nennen. Da ist der verheiratete Gesundheits- und Krankenpfleger, Vater von kleinen Kindern, der abends die Schulbank drückt, um doch noch Medizin zu studieren. Weiter gibt es da eine mehrfache Mutter, die ihre Stelle verliert, wenn sie nicht wenigstens das Fachabitur erlangt. Und den Elektroniker, der Zahnarzt werden möchte.

Die Vorbereitung auf das „Abitur Online“, das wie in ganz Deutschland ein Zentralabitur ist, geht über sechs Semester, also drei Jahre. Nach zwei Jahren kann die Fachhochschulreife erlangt werden. Herrmann: „Vor zehn Jahren wurde in NRW ,Abitur Online‘ zum ersten Mal als Modellprojekt durchgeführt. Seit 2012/2013 gibt es 15 Schulen in NRW, die das anbieten.“

Nach einer Einführungsphase, bestehend aus dem ersten und zweiten Semester, schließt sich eine zweijährige Qualifikationsphase an. Ein Jahr wiederholen, das ist möglich. Die Leistungskurse Deutsch und Englisch sind Pflicht, Grundkurse sind Mathe, Geschichte, Physik, Latein und Volkswirtschaftslehre. Die Ferien entsprechen den Schulferien in Nordrhein-Westfalen. 20 Lehrer unterrichten am Abendgymnasium in Aachen „Abitur Online“, knapp die Hälfte davon in Düren. Szczekalla: „Das selbst organisierte Arbeiten verlangt von den Schülern eine sehr hohe Arbeitsdisziplin.“ Die hohe Absprungrate ist ein Grundproblem des zweiten Bildungsweges, wissen die Lehrer. Und, was sich auch auswirkt, sagt Herrmann: „Wenn die Konjunktur gut läuft, kommen tendenziell weniger Menschen zu uns.“

Doch auch wenn die Teilnehmerzahl schwindet, wenn von 20 Schülern nach zwei Jahren nur noch zwölf zum Unterricht kommen, finden die Kurse statt. Herrmann: „Auch dann macht das Unterrichten Spaß, da die Erwachsenen eine andere Motivation haben als die meisten Jugendlichen.“

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