946 Euro für drei Personen reichen kaum

Von: Sandra Kinkel
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Jeden Pfennig zweimal umdrehen müssen: Beate T. bezeichnet sich selbst als arm und schämt sich deswegen auch. Foto: Imago/epd
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Klaus Pentzlin hat das Dürener Arbeitslosenzentrum seit dessen Gründung im Jahr 1983 geleitet. Auch nach seiner Pensionierung arbeitet Pentzlin dort immer noch ehrenamtlich mit. Foto: Kinkel

Düren. „Ja, ich bin arm.“ Beate T. (Name von der Redaktion geändert) sagt diesen Satz ganz ruhig, fast schon emotionslos. Die 33-jährige Mutter eines 15-jährigen Sohnes war noch nie in ihrem Leben in Urlaub. Ein T-Shirt kaufen, nur weil es ihr gefällt? Für Frau T. absolut undenkbar.

Ihre größte Sorge im Augenblick ist, dass der alte Kühlschrank der Familie bald seinen Geist aufgibt. „Dann habe ich ein Problem“, sagt Beate T. „Geld für ein neues Gerät habe ich nicht.“

Und das, obwohl Frau T. 97 Stunden jeden Monat in einem Blumengeschäft in Düren arbeitet. Sie verdient den Mindestlohn, also 8,84 Euro pro Stunde. Macht im Monat rund 850 Euro. Davon muss Beate T. Steuern zahlen, 680 Euro bleiben übrig. Hinzu kommen 192 Euro Kindergeld – nicht genug für Frau T., ihren Sohn und ihren arbeitslosen Partner, um über die Runden zu kommen. Von ihrem Lohn darf Beate T. 250 Euro behalten, der Rest wird bei der Grundsicherung angerechnet.

Insgesamt, also inklusive Hartz IV, hat die dreiköpfige Familie 1872 Euro zur Verfügung. Für Miete und Nebenkosten (536 Euro), Heizung (75 Euro) und Strom (165) werden monatlich 776 Euro fällig. Bleiben 1096 Euro. Darüber hinaus zahlt die Familie noch zwei Mobiltickets und Stromschulden aus dem vergangenen Jahr ab. Am Ende des Monats bleiben Beate T. und ihrer Familie 946 Euro zum Leben, macht pro Kopf 315,30 Euro. Würden alle von Hartz IV leben und Frau T. keine 97 Stunden im Blumengeschäft arbeiten, hätten sie etwa 100 Euro monatlich mehr zur Verfügung. „Ich will aber arbeiten“, sagt Beate T. „Die Arbeit macht mir Spaß, und ich fühle mich einfach mehr wert und geachtet. Der Job ist für mich ein richtiger Glücksfall.“

Beate T. hatte in der Schule große Probleme, einen Abschluss hat sie nie geschafft. „Ich habe auch keine Ausbildung machen können“, sagt sie. „Ich habe es einfach nicht geschafft.“ Gleichwohl hat Frau T. immer wieder Berufsvorbereitungskurse im Bereich Floristik absolviert. „Ich arbeite jetzt ein Jahr“, erzählt sie. „Ich muss die Pflanzen pflegen, Blumen einpacken, im Lager helfen. Und unter Anleitung darf ich auch an der Kasse arbeiten.“

Frau T. schämt sich, dass sie es nicht schafft, selbst für den Lebensunterhalt für ihre Familie aufzukommen. „Mir ist das sehr unangenehm“, sagt sie und deswegen möchte sie auch nicht, dass ihr Bild und ihr richtiger Name in der Zeitung stehen. „Ich habe das Gefühl zu versagen.“

Beate T. engagiert sich ehrenamtlich beim Dürener Arbeitslosenzentrum, dort bekommt sie auch Hilfe bei Behördengängen. Klaus Pentzlin, der das Zentrum mehr als 30 Jahre geleitet hat und auch nach seiner Pensionierung immer noch ehrenamtlich dort arbeitet, erklärt: „Wir haben einmal ausgerechnet, wie Frau T.s finanzielle Situation wäre, wenn sie zu den gleichen Bedingungen Vollzeit arbeiten würde.“ Die 33-Jährige würde dann 163 Stunden im Monat im Blumenladen arbeiten, 1153 Euro netto verdienen – und wäre immer noch auf 614 Euro Unterstützung vom Amt angewiesen. Pentzlin: „Die Zahl der Aufstocker nimmt immer weiter zu, auch weil die Jobcom immer mehr Druck macht, dass die Leute arbeiten. Dann muss der Lohn aber auch so hoch sein, dass die Menschen von ihrer Arbeit auch leben können.“ Ganz konkret spricht Pentzlin von einem Stundenlohn deutlich über zehn Euro.

Seit Jahren kämpfen die Mitarbeiter des Arbeitslosenzentrums zudem für höhere Regelsätze. „Außerdem brauchen wir im Kreis Düren unbedingt mehr bezahlbaren Wohnraum. Die Mietpreisentwicklung ist absolut besorgniserregend.“ Auch Beate T. sucht seit neun Monaten nach einer neuen Bleibe – auch um Geld zu sparen. „Sparen ist sowieso mein Thema“, sagt sie. „Ich kaufe fast nur Sonderangebote. Und auch bei Kleidung bin ich auf Billigware angewiesen.“ Natürlich würde die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. „Daran darf ich nicht denken“, sagt sie. „Ich kann mir einfach keine anderen Sachen leisten.“

Im Mai läuft Beate T.s Jahresvertrag im Blumengeschäft aus. Sie hofft sehr, eine Verlängerung zu bekommen. „Mein Chef hat mir gesagt, dass ich bleiben kann und auch schon gefragt, wann ich im Sommer Urlaub nehmen möchte. Es ist mein größter Wunsch, dass das mit der Vertragsverlängerung klappt.“

In drei Monaten hat Beate T. auch ihre Stromschulden abbezahlt. Dann möchte sie regelmäßig einen kleinen Geldbetrag zurücklegen und für einen neuen, stromsparenden Kühlschrank sparen. „Dann brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen, dass der alte kaputt geht. Und wir sparen auch noch Geld, weil wir weniger Strom verbrauchen.“

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