20 Jahre Böll-Haus: „Gaddafis Libyen ist nicht der letzte Fall”

Von: Stephan Johnen
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Eine Rede für die Redefreihei
Eine Rede für die Redefreiheit: Fritz Pleitgen, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, hob die Kraft des freien Wortes hervor. Das Rednerpult stand vor einem Werk des Künstlers Rolf Lock, das die Namen aller Böll-Stipendiaten zeigt. Foto: Johnen

Langenbroich. Wie kein anderer deutscher Schriftsteller hat sich Heinrich Böll für verfolgte und bedrängte Schriftsteller weltweit eingesetzt. Gastfreundschaft war eine der Tugenden, die der Literaturnobelpreisträger sein Leben lang gegen Not, Verfolgung und Unterdrückung setzte.

Das von ihm als Refugium erworbene Haus in Langenbroich war daher stets auch eine Zuflucht für andere. Der berühmteste Gast war wohl Alexander Solschenizyn, der nach seiner Ausbürgerung aus der UdSSR im Februar 1974 bei Böll eine Unterkunft fand. Seit 20 Jahren führt der Verein Heinrich-Böll-Haus Langenbroich mit Unterstützung der Böll-Stiftung und des Landes NRW diese Tradition fort (siehe Infokasten). Am Wochenende blickte der Verein auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurück.

Festredner Fritz Pleitgen, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks und steter Wegbegleiter des Böll-Hauses, stellte die „Freiheit des Wortes” in den Mittelpunkt seiner Rede, die vielmehr ein Appell an die anwesenden Gäste war, sich auch im Sinne Bölls jeden Tag aufs Neue für Rede- und Pressefreiheit einzusetzen.

„Diktaturen sind fragil. Sie sind dem offenen, kritischen Wort nicht gewachsen. Das offene Wort ist für Diktaturen gefährlicher als bewaffneter Widerstand”, fasste Pleitgen seine eigenen Erfahrungen mit Alexander Solschenizyn und anderen russischen Dissidenten während des Kalten Krieges zusammen. Letztlich habe die sowjetische Militärmacht vor der Macht des Wortes kapitulieren müssen. Eine Rolle beim Zusammenbruch der UdSSR spielte auch Böll, der rege Kontakte zu Schriftstellern jenseits des Eisernen Vorhangs unterhielt und zum Teil deren Manuskripte in den Westen schmuggelte. Frei nach dem Motto: „Nichts ist unmöglich, auch nicht das Gute.”

Bölls Ringen um Meinungsfreiheit habe an Aktualität keinen Deut verloren, betonte Pleitgen. „Gaddafis Libyen ist nicht der letzte Fall”, hob er hervor. Gleichzeitig warnte er aber davor, die einmal erkämpfte Freiheit des Wortes als selbstverständlich aufzufassen. Schnell könnte beispielsweise nach einer Terrorattacke die Verlockung groß sein, auch in Deutschland Rechte zu beschneiden. Pleitgen: „Wir müssen die Freiheit des Wortes verteidigen, sobald Gefahr droht.”

„Uns ist zu wenig klar, wie viele Regime es weltweit eigentlich gibt. Wir wissen nicht, wie viele Schriftsteller in bedrängten Situationen leben”, sagte Dürens Bürgermeister Paul Larue als Vorsitzender des Böll-Haus-Vereins. Der Hof in Langenbroich erinnere jeden Tag daran, dass jeder Mensch ganz persönlich gefragt sei, die Welt zu verändern, sich gegen Missstände einzusetzen. „Die Art und Weise, wie Heinrich Böll politisch agiert hat, hat mich tief beeindruckt”, sagte Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes NRW.

„Böll hatte klare Ziele. Aber er kam ohne Feindbilder aus”, fuhr Löhrmann fort. Das Haus in Langenbroich sei stets ein Schutzraum für Menschen gewesen, die an Leib und Seele zu spüren bekamen, was Unfreiheit heißt. „Die Verpflichtung, bedrängten Autoren zu helfen, ergibt sich aus der deutschen Geschichte”, betonte die Ministerin mit Blick auf die Unterdrückungen und Gleichschaltung während des NS-Regimes. „Es ist meine Vision, dass Orte wie das Böll-Haus nicht mehr nötig sind”, sagte sie. Aus Orten der Zuflucht sollten Orte des Austauschs für freie Menschen werden.

Es ist wohl vorerst nur eine Vision, denn die Realität sieht anders aus. „Im vergangenen Jahr sind 20 Schriftsteller weltweit spurlos verschwunden oder getötet worden, 200 Autoren wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt”, zog Ralf Fücks, Vorstand der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung, eine traurige Bilanz. Das Böll-Haus in Langenbroich sei nicht nur ein „Haus der Literaturen der Welt”. Es sei für viele Schriftsteller auch der erste Ort, an dem sie „frei atmen, denken und arbeiten dürfen”.

Damit die Arbeit im Böll-Haus fortgesetzt werden kann, ist der Verein auf Unterstützung angewiesen. Zudem hat der Zahn der Zeit an der Immobilie genagt, die an den Verein verpachtet ist. Etwa 250 000 Euro müssten nach Kalkulation des Vereins in die Appartments und Wohnungen der Stipendiaten investiert werden. Auch das Dach wartet auf eine Sanierung.

Zukunftsvisionen

Professor Dr. Herbert Schmidt, Sparkassenvorstandsvorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Vereins Heinrich- Böll-Haus, nutzte das Fest, um charmant ein Gespräch mit der Landesministerin anzubändeln. Auch er äußerte eine Vision: Das Haus könne Eigentum des Vereins werden. „Vielleicht besteht ja einmal Gelegenheit, darüber zu reden”, schlug er Sylvia Löhrmann vor.

160 Autoren aus 43 Ländern haben bereits ein Stipendium bekommen

Heinrich und Annemarie Böll haben die Hofanlage im Eifelort Langenbroich in den 1960er Jahren erworben. Nach dem Tod des Nobelpreisträgers im Jahr 1985 blieb das Haus zunächst meist ungenutzt.

1991 wurde das Haus nach umfangreichen Umbauarbeiten wieder geöffnet. Freunde der Familie Böll, Familienmitglieder, Vertreter der Stadt Düren und der Gemeinde Kreuzau und die Böll-Stiftung hatten einen Verein ins Leben gerufen, der die Tradition der Gastfreundschaft Bölls wiederbeleben sollte.

In den vergangenen 20 Jahren haben etwa 160 Autoren und Künstler aus 43 Ländern in Langenbroich eine Zuflucht gefunden. Das Haus kann auch besichtigt werden. Terminabsprachen sind telefonisch unter Tel. 02421/251347 bei Stefan Knodel von der Stadt Düren möglich.

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