Düren fordert: Nach Nachterstedt kein «Indescher Ozean»

Von Elke Silberer, dpa | 20.07.2009, 16:15

Düren. Die Tagebaustadt Düren hat immer schon Risiken befürchtet - und sieht sich durch die Katastrophe in Nachterstedt nun bestätigt. Deshalb fordert die Stadt jetzt Konsequenzen fürs Rheinland. Sie will, dass die Landesregierung beim Verfahren für den Tagebausee Inden die Notbremse zieht. «Wir appellieren an das Land, den Ernst der Lage zu würdigen», sagte Bürgermeister Paul Larue (CDU) am Montag.
Die Ursache des Unglücks an dem Tagebausee in Sachsen-Anhalt soll bei der endgültigen Entscheidung für Düren mit berücksichtigt werden. Und bis die Ursache feststeht, soll die derzeit für September geplante Entscheidung im Braunkohleausschuss aufgeschoben werden.

Die Flutung des 11 Quadratkilometer großen Restlochs des Tagesbaus Inden soll nach dem Abbau im Jahr 2030 beginnen und rund 40 Jahre dauern. Daneben sind im rheinischen Revier zwei riesige Seen in Hambach und Garzweiler geplant. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Norbert Römer forderte die Landesregierung am Montag auf zu prüfen, ob nach den Ereignissen in Sachsen-Anhalt neue Gutachten für das rheinische Braunkohlerevier in Auftrag gegeben werden müssen.

Bisher war die Stadt Düren im Chor der Befürworter einsamer Bedenkenträger. Die Kommune zweifelt unter anderem an der Beherrschbarkeit eines so großen künstlichen Sees. 14 Nachbarn hatten sich für das Projekt ausgesprochen. Die Dürener mussten sich immer wieder anhören: «Regt euch nicht auf - und guckt, wie gut das klappt im Osten.» Doch die Zweifel blieben, auch nach mehreren «Studienfahrten» in die östlichen Braunkohlereviere.

Geologen gehen davon aus, dass im Rheinland vergleichbare Katastrophen unmöglich sind. Um ein Erdrutschrisiko auszuschließen, rechne man bei der Gestaltung der Seeböschungen «gewaltige Sicherheiten» und zusätzliche Sicherheitszonen ein. «Es wird kein Hotel auf die Seekante gebaut», sagte Ludger Krahn vom Geologischen Dienst Nordrhein-Westfalen.

Die Dürener stimmen darin zu, dass bei ihnen vieles anders ist. «Die Situation ist nicht vergleichbar, aber damit auch nicht einfacher», meint Baudezernent Hans Wabbel. So sei der geplante Inden-See tiefer als die Seen in Sachsen-Anhalt. Wegen seiner Dimensionen wird er auch Indescher Ozean genannt. Es gebe keinerlei Erfahrung mit so riesigen künstlichen Seen, argumentiert Wabbel.

Der Dürener Ort Merken ist der Ort an der Abbruchkante. Die Bagger kommen bis auf 300 Meter heran. An zwei Flanken kratzen sie schon. Wenn sie fertig sind, gehts über einen Steilhang 180 Meter tief ins Loch. «Seit Samstag ist aus meinen Befürchtungen Angst geworden», bekennt Horst Knapp von der Interessengemeinschaft (IG) Merken. In Nachterstedt sei eine Flanke weggebrochen, in Merken bleibt nach dem Abbau eine Art kleine Nase stehen - «die ist doch viel instabiler!»

In Merken ist gerade Schützenfest. «Die Menschen sind alle bestürzt», sagt der IG-Vorsitzende Josef Bellartz. Aber das gilt wohl doch nicht für jeden. Wer Leute aus dem Ort anspricht, erntet auch erstaunte Blicke: «Angst, nein habe ich nicht», sagt eine Passantin. «Das dauert doch noch so lange.»