Zwischen Tradition und Zukunft: Burtscheider Turnverein wird 140

Von: Hans-Peter Leisten
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Der Turner am Ball: Wilfried Braunsdorf, Vorsitzender des Burtscheider TV, sieht seinen Verein auch in sozialer Verantwortung für die jungen Menschen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Treffpunkt ist auf der Terrasse am Sportplatz Siegel. Ein wunderbares Plätzchen am Rande des Stadtwaldes, das den Blick auf den Kunstrasenplatz des Burtscheider Turnvereins, auf dem zahlreiche Kinder und Jugendliche trainieren, ermöglicht.

Etwas entfernter der Aschenplatz, auf der anderen Straßenseite, dort hat der Verein auch noch weitere Trainingsmöglichkeiten. Denen schaut Wilfried Braunsdorf begeistert beim Fußballspielen zu – obwohl er von Hause aus Turner ist. Aber als Vorsitzender des BTV, so das Kürzel des Vereins, interessieren ihn natürlich alle Abteilungen. Der BTV wird in diesem Jahr 140 Jahre alt. Wie sich der Verein, der auf 1400 Mitglieder zusteuert, im Spannungsbogen zwischen Tradition und Innovation entwickelt, schildert Braunsdorf im heutigen Samstagsinterview.

Der BTV wird 140 Jahre alt. Was kein wirklich rundes Jubiläum ist. Wieso feiern Sie die Zahl?

Braunsdorf: Weil in der heutigen Zeit ein Verein dieser Größenordnung so etwas feiern sollte. Wir machen alle fünf Jahre ein Fest, und 140 Jahre sind ja auch eine Hausnummer.

Was meinen Sie mit Größenordnung?

Braunsdorf: Wir haben heute 1370 Mitglieder. Als ich 1999 den Vorsitz übernahm, betrug die Zahl 690. Uns fehlen also noch zehn Mitglieder, um die Schallmauer von 1400 zu erreichen. Ich habe aber gehört, dass bei unseren Fußballern schon wieder 27 neue Anmeldungen liegen.

Wie bekommt man einen solchen Mitgliederzuwachs hin?

Braunsdorf: Indem wir einerseits die Tradition wahren und uns andererseits Neuem öffnen. Für die Tradition stehen beim BTV Turnen, Tischtennis und Fußball. Die neuen Trends, denen wir uns rechtzeitig geöffnet haben, sind Tanz, moderne Gymnastik und moderne Bewegungssportarten.

Welche Angebote machen das Profil des modernen BTV aus?

Braunsdorf: Ich nenne mal drei Beispiele: Erstens Eskrima. Dabei handelt es sich um einen neuen Kampfsport mit eher angedeuteten Schlägen und Bewegungen. Vor Jahren meldete sich eine Hochschulgruppe, die diesen Sport ausübte, und in unseren Verein wollte. Wir haben die Gruppe gerne aufgenommen. Sie umfasst inzwischen 25 Personen und nimmt auch wirklich am Vereinsleben teil. Zweitens Cheerleading: Hier geht es nicht darum, mit Puscheln zu winken. Die Teilnehmerinnen erstellen auf einer Fläche von 12x12 Metern hohe menschliche Pyramiden. Es handelt sich hier um eine Mischung aus turnerischen und akrobatischen Elementen. Die Gruppe nimmt auch am Wettkampfbetrieb teil. Und drittens Headis: Dahinter verbirgt sich Tischtennis, das mit größeren Bällen an der Platte mit dem Kopf gespielt wird. Mittlerweile hat sogar der Deutsche Tischtennis-Bund diese Sportart ins sein Repertoire aufgenommen.

Kommen da die klassischen Domänen des BTV nicht zur kurz?

Braunsdorf: Keine Sorge. Wir haben aber – das muss ich zugeben – kein Männerturnen mehr. Seit über zehn Jahren sind die Interessenten weggebrochen und es gibt auch keine Trainer mehr. Dass das Trampolinturnen nicht mehr die Rolle spielt wie früher, hat andere Gründe. Diese Abteilung war lange das Aushängeschild und hat bis Mitte der 90er Jahre als Mitglied der 1. Bundesliga an Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen. Heute ist angesichts der modernen Geräte eine Halle mit einer Deckenhöhe von zehn Metern vorgeschrieben – und die gibt es schlichtweg in Aachen nicht. Uns werden von außen Schranken gesetzt. Im turnerischen Bereich kümmern wir uns heute sehr stark um Kinder und Jugendliche. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass jedes Kind für eine bestimmte Zeit turnen sollte, um motorische Grundlagen zu bekommen. Die helfen nämlich später in jeder anderen Sportart weiter. Ein Aushängeschild des BTV sind die Turnerinnen. Sie sind sehr erfolgreich bei Wettkämpfen, bis hin zur Landes- und Bundesebene.

Wie steht es um Tischtennis im BTV? Es gab mal eine Zeit, in der der Verein Richtung Bundesliga strebte.

Braunsdorf: Die Zeit ist vorbei. Unsere Tischtennisabteilung umfasst knapp 100 Mitglieder. Im BTV wird Wert auf eigene Kräfte gelegt, die dem Verein auch treu sind. Das ist wichtiger, als vielleicht für kurze Zeit in höheren Ligen zu spielen.

Die Fußballer stellen im Vergleich zu den meisten Vereinen eine sehr große Abteilung dar. Wieso spielt die 1. Mannschaft immer noch in der Kreisliga B?

Braunsdorf: Unsere Fußballabteilung hat 560 Mitglieder, die in 22 Teams (18 Jugendmannschaften, 4 Seniorenmannschaften) spielen. Finanziell könnten wir uns die Kreisliga A leisten – vielleicht klappt es ja in diesem Jahr. Wir haben aber in den vergangenen Jahren nicht einen Spieler dazugekauft. Uns kommt es darauf an, dass unsere A- und B-Jugendlichen schnell in der 1. Mannschaft spielen können.

Birgt das nicht die Gefahr, dass die besten Talente weggehen?

Braunsdorf: Grundsätzlich ist das nun mal so im Fußball. Wir haben aber wenige Abgänge. Das interpretiere ich als Hinweis auf den Vereinscharakter. Die Spieler, die hier bleiben, fühlen sich offensichtlich im BTV wohl. Was vermutlich daran liegt, dass wir den Sport auch aus der sozialen Warte sehen. Sportvereine leisten Sozialarbeit.

Lässt sich das konkret irgendwo festmachen?

Braunsdorf: Wir haben zum Beispiel jetzt im dritten Jahr eine Kooperation mit der AOK, bei der auch solche Dinge wie „Wie bewerbe ich mich richtig?“ trainiert werden. Eine weitere Kooperation gibt es mit der Grundschule Am Höfling. Dort geben unsere Übungsleiter Sportunterricht. Sie lernen den Umgang mit Kindern und die erhalten tolle Sportstunden. Eine klassische Win-Win-Situation. Der BTV bietet und finanziert seinen Übungsleitern kontinuierlich Fortbildungen, die entweder extern oder auf dem Platz stattfinden.

Früher standen Mannschaftsfahrten und Vereinsfeste hoch im Kurs.

Braunsdorf: Das wäre wohl heute auch noch so – nur findet man kaum jemanden, der sich über die eigene Abteilung hinaus engagiert. Das muss man akzeptieren. Das Angebot in unserer Freizeit ist aber auch viel größer geworden. Man kann auch bei den Mitgliederversammlungen erkennen, dass die Teilnahme deutlich zurückgegangen ist. Ich interpretiere das aber auch positiv: Wenn alles läuft – warum soll ich dann zur Mitgliederversammlung gehen.

Ihre Familie ist aber ein Gegenbeispiel: Sie sind Vorsitzender, Ihre Söhne waren beziehungsweise sind im Verein und Ihre Frau ist auch nicht aus dem BTV wegzudenken.

Braunsdorf: Meine Frau Anita ist in der Tat seit über 40 Jahren Übungsleiterin beim BTV, unsere Söhne waren und sind selbst beim Turnen, Trampolinturnen und Eltern-Kind-Turnen engagiert. Es gibt aber beim BTV andere Familien, die sehr engagiert sind, zum Beispiel für andere nenne ich die Familie Bohnen in der Fußballabteilung und die Familie Breuer in der Turnabteilung.

Gibt es eine Feier zum 140.?

Braunsdorf: Am Samstag, 21. September, gibt es ab 19.30 Uhr einen großen Festball in den Burtscheider Kurparkterrassen. Hier sind alle herzlich willkommen. Es gibt Unterhaltung mit Musik und Tanz, Sport und Akrobatik. Das Fest ist nicht nur für Vereinsmitglieder gedacht, der BTV versteht sich schließlich auch weiter als Stadtteilverein und hat sein Einzugsgebiet vornehmlich in Burtscheid.

Wenn Sie in zehn Jahren den 150. Geburtstag des BTV feiern, sind Sie dann noch Vorsitzender des BTV?

Braunsdorf: An mir soll’s nicht liegen. Ich habe bewusst viele überregionale Ämter, zum Beispiel beim Rheinischen- und Deutschen Turnerbund, aufgegeben, um mich der Arbeit beim BTV zu widmen. Man muss Prioritäten setzen.

Und wo sähen Sie den Verein dann gerne?

Braunsdorf: Wir machen alle zwei Jahre eine Klausurtagung, bei der Ziele formuliert werden. Künftig gilt es – und das ist unser Ziel für die kommenden Jahre – Jugendliche fürs Ehrenamt zu gewinnen. Wir müssen uns um die jungen Leute kümmern. Zurzeit leisten unsere 62 Übungsleiter 5640 Stunden an ehrenamtlicher Arbeit. Finanziell kann man so etwas gar nicht honorieren. Wir haben deshalb im vergangenen Jahr erstmals einen Ehrenamtspreis vergeben. Der ging an Felix Bohnen für das Junge Ehrenamt und an Kirsten Breuer und Udo Herforth im Erwachsenenbereich. Natürlich hoffe ich, dass wir künftig eine steigende Anzahl von Kandidaten haben.

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