Zwischen Realität und Imagination im Theater Aachen

Von: Eva Onkels
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Regisseur von „Die Leiden des jungen Werther“ ist Nick Hartnagel. Gemeinsam mit Dramaturgin Gesa Lolling hat er die Form des Briefromans aufgebrochen und erzählt zwei parallele Handlungen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Stück „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe war bereits bei der Erstveröffentlichung im Jahr 1774 ein Bestseller, vielleicht der erste Roman, der diesen Titel tragen durfte. Dass die Bedeutung dieses dem Sturm und Drang zugeordneten Buches nach wie vor ungebrochen ist, zeigt unter anderem, dass es bis heute im Schulunterricht gelesen und besprochen wird.

Zudem sind auch die aufgegriffenen Themen zeitlos. In einer neuen Inszenierung ist Goethes Werther ab Freitag, 29. September, im Theater Aachen zu sehen. Regisseur Nick Hartnagel und Dramaturgin Gesa Lolling haben dabei einen besonderen Fokus auf das Verhältnis von Realität und Imagination gelegt.

Die Geschichte des jungen Werther ist allgemein bekannt: Der junge Jura-Student verlässt die Stadt und zieht für einige Zeit auf das Land. Dort lernt er die hübsche Lotte kennen, in die er sich prompt verliebt. Doch leider ist Lotte schon Albert versprochen. Werther versucht, an dieser Liebe festzuhalten und entschließt sich schlussendlich, sich selbst für Lotte aufzugeben und wählt den Freitod. Goethes Werk sorgte schon zu seinen Lebzeiten für Aufsehen.

Die Annahme, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Suiziden, über die die Medien ausführlich berichten, und der Zunahme von Suiziden in der Bevölkerung, existiert, wird noch heute als „Werther-Effekt“ bezeichnet. Die Geschichte kann aber auch zum Anlass genommen werden, über Selbstdarstellung und Selbstinszenierung zu reflektieren. „Werther ist auf der Suche nach einem größeren Sinnzusammenhang und leidet gleichzeitig unter einer Form des Realitätsverlustes“, so Regisseur Hartnagel.

Zwei parallele Handlungen

Um „Die Leiden des Jungen Werther“ auf die Bühne zu bringen, musste auch die Form des Romans, denn es handelt sich um einen Briefroman, aufgebrochen werden. Erzählt werden zwei parallele Handlungen: Ein Regisseur, gespielt von Alexander Hanat, der neu im Ensemble des Theaters ist, möchte mit seinem Ensemble, dargestellt durch den Bürgerchor Aachen, „Die Leiden des jungen Werther“ auf die Bühne bringen.

Währenddessen verliebt er sich ausgerechnet in die Regieassistentin Claudia (Luana Bellinghausen). Sowohl die Geschichte Werthers als auch die Geschichte von Claudia und Kai, so der Name des Regisseurs, werden erzählt. Beide Geschichten sind ähnlich, aber doch nicht gleich. Claudia ist als Gegenpart zu Kai und zu Werther zu betrachten – anders als Lotte.

Sie sieht wenig Sinn in der Selbstinszenierung als (tragischer) Held oder in der Verklärung und Romantisierung der Wirklichkeit. Für Kai ist dies das Wechselspiel zwischen der Realität und der Welt der Bühne, für Werther eher die Frage nach der Romantik der Landschaft und der Liebe zu Lotte und der ihn umgebenden Realität.

Gerade die Frage nach Realität ist schon im „Werther“ selbst spannend: Der Leser des „Werther“ erfährt nur dessen Position, seine Gefühle und Emotionen, nicht aber die nüchterne Betrachtung der Realität. Gewissermaßen könnte sich der Zuschauer in der Inszenierung des Aachener Theaters in der Rolle wiederfinden zu bewerten, in welchem Verhältnis Realität und Wahrnehmung stehen.

Schlussendlich lädt das Werk auch dazu ein, die Selbstdarstellung der Gegenwart zu hinterfragen. Denn so detailliert und ordentlich wie Werther seinen Selbstmord inszeniert, so sehr inszeniert sich vielleicht auch mancher Nutzer der Videoplattform Youtube oder der Fotoplattform Instagram. Die Realität verschwindet hinter den imaginären Bildern des Internets.

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