Zwischen Geschichte und Innovation

Von: Hans-Peter Leisten
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Karl von gestern? Die Figur des Künstlers Ottmar Hörl hat Dr. Jutta Bacher, Leiterin des Stadtmarketings, 2014 begleitet. Fürs neue Jahr sieht die Marketing-Spezialistin gute Perspektiven. Foto: Michael Jaspers

Aachen. 2014 ist Vergangenheit – was Dr. Jutta Bacher gleichermaßen mit Bedauern wie Erleichterung registriert. Denn für die Leiterin des städtischen Marketings war das Karlsjahr eine ganz besondere Herausforderung. Für sie und ihr Team galt es, im Verbund mit den Kooperationspartnern die Stadt Aachen regional und vor allem überregional in aller Munde zu bringen.

„Das Jahr hat die Stadt nach vorne gebracht“, lautet ihr Kurzfazit. Sie weiß aber auch, dass Stillstand vor allem im Marketing Rückschritt bedeutet. Insofern zieht sie im heutigen Samstagsinterview nicht nur eine Bilanz des Jahres 2014, sondern spricht vor allem darüber, wie Aachen auch künftig optimal vermarktet werden kann. Und darüber, was das Jahr 2015 an Chancen bietet.

Haben Sie sich von 2014 erholt?

Bacher: Zugegeben – das Jahr war anstrengend, wir haben aber auch viel Kraft daraus gezogen. Aufwand und Erfolg standen in Relation. Es war definitiv ein Jahr, das die Stadt nach vorne gebracht hat. Dass wir mit dem Karlsjahr beim Kulturmarketing Award in Berlin als „Stadtmarke 2014“ im deutschsprachigen Raum nominiert worden sind, hat die positive Außenwirkung noch einmal hervorragend bestätigt – ein schöner Abschluss für 2014.

Lässt sich das kurz mit Zahlen belegen?

Bacher: Die Ausstellungstrias in Rathaus, Centre Charlemagne und Domschatzkammer hat mehr als 230.000 Besucher angezogen. Das übertraf unsere Erwartungen deutlich. Gerechnet hatten wir mit 150.000. Laut Pressespiegel haben wir im vergangenen Jahr mit unseren Angeboten 56,8 Millionen Leser erreicht. Umgerechnet in Anzeigenfläche hätte das Kosten von 1,3 Millionen Euro verursacht. Diese Summe hätte die Stadt natürlich niemals stemmen können. Der Wert der Berichte in Tagesthemen und „heute-journal“ ist bei diesen Zahlen noch nicht mit eingerechnet. Einen neuen Rekord gab es außerdem bei den Übernachtungszahlen: 20 Prozent mehr Hotelgäste von Januar bis September im Vergleich zum Vorjahr. Und dann war da noch die Aktion „Mein Karl“, die immer noch in Aachens Schaufenstern präsent ist, das Karlsjahr sichtbar gemacht hat und bis in die New York Post vorgedrungen ist.

Was bedeutet das für Sie?

Bacher: Es ist ein deutliches Indiz dafür, dass unsere Arbeit zielführend war. Ein gutes Produkt lässt sich aber auch gut vermarkten. Erst recht, wenn die Zusammenarbeit mit dem Kulturbetrieb und dem aachen tourist service so gut läuft, wie das hier der Fall war.

Ist das nicht selbstverständlich?

Bacher: Für unsere Arbeit ist ganz entscheidend, dass Marketing nicht am Ende der Kette steht, sondern am Anfang. Damit das Produkt gemeinsam entwickelt werden kann. Das ist nicht selbstverständlich. Bei „Karl der Große. Macht Kunst Schätze“ war Marketing von Anfang an einbezogen.

Wie wollen Sie das Interesse an der Stadt im neuen Jahr hochhalten?

Bacher: Unsere Arbeit funktioniert nach dem Prinzip „AIDA“: Attention, Interest, Desire, Action. Sie soll auf Aachen aufmerksam machen, Interesse wecken, den Wunsch erzeugen, hier zu wohnen, zu arbeiten, zu studieren oder eine Firma zu gründen – und dann auch zu diesem Schritt veranlassen.

Womit können Sie im Jahr nach 2014 wuchern?

Bacher: Immer wuchern können wir mit dem charakteristischen Merkmal unserer Stadt, der Dualität zwischen bedeutsamer Historie und weltweit zukunftsweisendem Innovationsstandort. Geschichte, Karl und Kultur waren Schwerpunkte 2014. Innovation und Wissenschaft werden jetzt weiter in den Vordergrund rücken. Grundsätzlich gilt: Wir haben andere Standortvorteile als Städte wie Berlin, München oder Hamburg. Die müssen wir entsprechend herausstellen. Unsere Lage im Dreiländereck beispielsweise, die wir immer als selbstverständlich ansehen, wird von Neu-Aachenern als etwas ganz Besonderes empfunden.

Wie gehen Sie das konkret an?

Bacher: Wir werden uns beispielsweise mit den Fortschritten auf dem neuen RWTH-Campus beschäftigen und noch stärker daran arbeiten, Aachener Themen überregional zu platzieren.

Hier müssen Sie mit der RWTH zusammenarbeiten.

Bacher: Klar. Kooperatives Marketing ist für uns ein Grundprinzip. In Aachen gibt es viele Marketingplayer. AGIT, IHK und Region Aachen sind Ansprechpartner für die Themen Wirtschaftsförderung und Technologie, der aachen tourist service für die Themen Tourismus und Kongress, um nur wenige zu nennen. Im Unterschied zu den meisten anderen Städten gibt es hier kein umfassend zentralisiertes Stadtmarketing. Deshalb verstehen wir uns als Schnittstelle zu allen, die sich für die Stadt engagieren.

Wie ist das Marketing bei der Stadt selbst organisiert?

Bacher: Es gibt den Fachbereich Presse und Marketing unter der neuen Leitung von Bernd Büttgens. Der Fachbereich besteht aus den Abteilungen Presse, Internet und Marketing, die naturgemäß eng zusammenarbeiten.

Wie beurteilen Sie als Marketing-Expertin die Innovationsfreudigkeit der Öcher?

Bacher: Skepsis gegenüber neuen Projekten ist verbreitet, nicht nur in Aachen. Das ist auch gut so. Und führt dazu, dass die Planungen frühzeitig aus allen Perspektiven beleuchtet werden. Eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Innovationen würde ich mir schon wünschen. Wenn ich mir den neu gestalteten Elisengarten, den Katschhof und den gesamten Pfalzbezirk ansehe, dann sind das enorme Fortschritte für das Erscheinungsbild der Stadt. Ebenso wie die fußgängerfreundliche Innenstadt, die heute nicht mehr wegzudenken ist.

Was fehlt denn?

Bacher: Die Campusbahn und das Bauhaus Europa. Hätten wir die gehabt, wäre der Preis für die Stadtmarke 2014 nicht an das innovationsfreudige Bregenz, sondern an Aachen gegangen.

Demnächst kommt Aquis Plaza...

Bacher: Der Einzelhandelsstandort ist ein akutes Thema. Zurzeit analysiert ein Spezialist der CIMA GmbH im Auftrag der Industrie- und Handelskammer, des aachen tourist service, des Märkte- und Aktionskreises City und der Stadt Aachen die Bereitschaft der Geschäftsleute, ein Marketingkonzept für den Einzelhandelsstandort mitzufinanzieren. So ein Projekt kann nur konzertiert funktionieren. Aquis Plaza wird zu einer architektonischen Aufwertung des Standortes Kaiserplatz führen. Besucherströme werden sich verändern. Wir müssen die Lage als Chance sehen, die Einkaufsstadt Aachen neu zu positionieren.

Worauf kann man sich 2015 freuen?

Bacher: Wir starten eine neue Plakat- und Postkartenserie mit dem Titel „Aachen bewegt“. Sie zeigt ungewohnte, überraschende Stadtansichten – als Gegenpol zu den teils doch arg altmodischen Postkarten, die über Aachen im Umlauf sind. Und sie soll mit virtuellen Elementen arbeiten. Dann sind da natürlich die Internationale Chorbiennale und die Reit-EM mit den damit verbundenen Aktionen. Hier wird sich unser Fachbereich mit seiner neuen Leitung auch inhaltlich aktiv einbringen.

Das bedeutet?

Bacher: Es wird ein zehntägiges Rahmenprogramm geben, dessen Inhalte zurzeit in Vorbereitung sind. Dazu gehört auch, dass die Reitereignisse wie bei der WM 2006 in die Stadt geholt werden.

Als Neuerung wurde Ende des letzten Jahres auch das kostenfreie W-LAN eingeführt.

Bacher: Für einen Technologiestandort wie Aachen ein Muss, ein guter Service, der noch weiter ausgebaut werden soll. Mein Wunsch ist es, die ganze Innenstadt damit auszustatten. Das geht aber nicht ohne Partner: Gastronomen und Händler müssen sich beteiligen. Die Stadt Aachen ist dabei Anbieter, NetAachen übernimmt den Vertrieb. In ein paar Jahren wird das Standard sein – und für unsere vielen ausländischen Besucher ein Basisservice. Es sind übrigens auch schon die ersten Anfragen anderer Kommunen eingetroffen…

Gibt es weitere Marketingbausteine, auf die Sie verstärkt setzen?

Bacher: Die familienfreundliche Stadt ist ein weiterer Baustein, ein Standortfaktor, der die Wissenschaftsstadt attraktiv macht.

Was bereitet Ihnen denn Kopfschmerzen?

Bacher: Verschiedene Umfragen, vor allem unter Studierenden, machen deutlich, dass der ÖPNV als größter Kritikpunkt dasteht. Dessen Taktung ist an vielen Stellen stark optimierbar. Die schlechten Anschlüsse haben zur Folge, dass Standorte mit Wohnungsangeboten wie der Preuswald unter Studierenden nicht akzeptiert werden, obwohl dort Wohnungen leer stehen. Fraglich ist nur, wie dieser Ausbau, der übrigens nur über eine Elektrifizierung erfolgen kann, finanziert werden soll.

Mit unvermeidlichen Baustellen...

Bacher: Man muss mittelfristig denken, darf sich nicht nur über die Baustelle vor der eigenen Haustür ärgern, sondern den Fortschritt sehen. Wenn ich mir ansehe, welche Baustelle die Maastrichter derzeit mit dem Tunnelbau in ihrer Stadt haben – da herrscht eine erstaunliche Gelassenheit...

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