Zukunft der Öcher liegt in Händen von Wahrsagerin Cassandra

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
7585689.jpg
Außerhalb des Rummels heißt sie Liane Schaak-Traber: Auf dem Bend aber liest sie als Wahrsagerin Cassandra in Händen und aus Karten die Zukunft ihrer Kunden. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Noch zwei Züge, dann bin ich da“, raunt Liane Schaak-Traber durch die leuchtend orange-geschminkten Lippen. Der graue Rauch der Zigarette wabert um sie herum und scheint bei der Konzentration zu helfen.

Die Augen sind fest auf die ihr hingestreckte Handinnenfläche geheftet. Die Stirn liegt in Falten. Und als sie wieder aufblickt, ist es nicht mehr Schaak-Traber, sondern die Wahrsagerin Cassandra, die spricht.

Ihr fahrendes Büro auf Rädern ist 3,25 Meter lang und steht derzeit auf dem Bendplatz zwischen Popcornstand, Crêpebude und Blumenhändler. Der Innenraum des Mini-Wahrsagemobils lässt sich ganz entsprechend der Erwartungen beschreiben: Die Wände, verkleidet mit purpurnem Samt, sind mit goldenen Fäden bestickt; die Fenster von gehäkelten Gardinen verhangen. Fehlt nur noch die stereotype Glaskugel: Man entdeckt sie, als sich das Sonnenlicht in ihr bricht. „Die wird auf den Kirmessen nicht eingesetzt.“ Denn das Hellsehen mit der Kugel könne man nicht so einfach auf Anfrage anschalten.

Dagegen bietet sie Handlesen und Kartenlegen auf dem Bend an, wobei Kartenlegen Cassandras eigentliches Spezialgebiet ist. Das kostet auch mehr: 35 Euro blättert man für das Beantworten seiner Fragen mithilfe der Karten hin. Die Zukunft flüstert den Kunden aus den Händen für 15 Euro entgegen, 10 Euro kostet es für Kinder.

Es gäbe auch einige Leute, die ihrer Kunst mit Skepsis begegnen, andere kämen nur „aus Gaudi“, wie Cassandra sagt. „Oder sie huschen erst in den Wagen, wenn es schon dunkler ist“. Denn die Scham, von Bekannten oder Nachbarn gesehen zu werden, scheint viele zu hemmen. Die althergebrachten Vorurteile gegenüber dem fahrenden Volk und einer Wahrsagerin zumal kennt sie. Im Vorbeigehen zugerufene Beschimpfungen wie „Hexe“ sind ihr leider nicht fremd. Über all dies scheint Cassandra allerdings erhaben, schließlich ist sie von ihrer Gabe überzeugt und sagt häufiger mal: „Gut, dass Sie bei einer echten Wahrsagerin gelandet sind und nicht bei einem der vielen Scharlatane“. Außerdem seien die Leute oft genug begeistert von ihren Einschätzungen: „In 30 Jahren hatte ich gerade mal zwei Kunden, die nicht zufrieden waren“, so die Wahrsagerin voller Stolz.

Zum Frühjahrsbend ist Cassandra schon zum dritten Mal in der Kaiserstadt. Und die Aachener? Die kommen zu ihr. Meistens immer wieder. Ob „Männlein, Weiblein, jung oder alt. Geschäftsmann oder Arbeitssuchender“ – wer alles dem Sog des Aberglauben erlegen ist, das ließe sich überhaupt nicht einschränken, weiß die Kirmes-Nomadin.

Und was wollen die Oecher wissen? Haben sie besondere Interessen? „Nein, sowas gibt es nicht.“ Sie werde immer dasselbe gefragt. Das habe gar nichts mit der jeweiligen Stadt zu tun. Die Menschen scheinen alle von ähnlichen Fragen getrieben. Liebe, Job und Gesundheit seien natürlich stets Thema. Manche stellten Cassandra allerdings auch sehr präzise Fragen: „Welchen Job soll ich wählen?“, „Werde ich umziehen?“. So mutet ihre Arbeit ein bisschen wie eine Lebensberatung oder Seelsorge an. Und das sei auch mitunter nicht ganz falsch. Alles jedoch auf ein gutes Ratevermögen und Menschenkenntnis zurückzuführen – das ist für Cassandra schon fast eine Beleidung. Schließlich sei das „Sehen“ eine Gabe.

Und durch die fühlt sie sich zum Wahrsagen auf Kirmessen berufen. Das rührt auch schon von ihrer Familie her: „Traber – Der Name sagt Ihnen bestimmt was, oder?“ Tatsächlich stammt Cassandra aus einer der bekanntesten Hochseil-Artisten Dynastien und reiste schon als Kind mit ihrer Familie durch Europa. Stolz trägt sie ihren Doppelnamen als Erinnerung an den Zauber der Vergangenheit. Das Artistendasein der Familie endete nämlich, als ihr Vater nach einem schweren Unfall die waghalsige Show aufgab. Aber ein „bürgerliches“ Leben kam für kein Mitglied ihrer Familie in Frage. Das rastlose Blut scheint sie auch an ihre fünf Kinder und 14 Enkel weitergegeben zu haben. Zur Ruhe kommt der Klan erst im Winter, wenn sie alle beieinander wohnen.

Abends allerdings – wenn am Bend die letzten Lichter gelöscht und die letzten Buden zugeklappt sind, ist Cassandra manchmal froh, ihre zwei kleinen Stufen vom Wohnwagen abzusteigen und als Liane Schaak-Traber nach Hause fahren zu können. Denn ihr Wahrsagen ist eben nicht nur Berufung, sondern auch Beruf.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert