Zeitungsschätze bringen Besatzungszeit näher

Von: Antje Uhlenbrock
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Spannender Einblick in die Geschichte Litauens: Der Leiter des Aachener Kulturbetriebs, Olaf Müller (l.), und der Leiter des Zeitungsmuseums, Andreas Düspohl, stellen neue Exponate vor. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Noch nie war Andreas Düspohl in Litauen. Trotzdem glaubt der Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums (IZM), dass er sich in Vilnius auf Anhieb zurechtfinden würde. Die Hauptstadt Litauens kennt er aus dem Effeff.

Für seine Magisterarbeit hat er zwei Jahrgänge der Zeitung der 10. Armee durchforstet. Sie wurde im Ersten Weltkrieg in Wilna, so hieß die Stadt damals, herausgegeben. Teile zeigt das IZM in der Pont-straße 13 nun neben weiteren mehrsprachigen Zeitungen. „Litauen 1916 – Alltag und Besatzung im Ersten Weltkrieg“ heißt die einmonatige Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Karlspreisstiftung. Noch bis zum 13. Mai ist sie in der Bibliothek zu sehen. Die Kabinettausstellung ist Teil des Rahmenprogramms zur Karlspreisverleihung. Denn den erhält in diesem Jahr Dr. Dalia Grybauskaite, die Präsidentin der Republik Litauen.

„OberOst“ nannte sich das deutsche Besetzungsgebiet im Ersten Weltkrieg, dessen Zentrum Litauen war. Das Militär gab Zeitungen heraus, um die zahlreichen Verordnungen der Besatzer zu kommunizieren. Möglichst alle Bevölkerungsgruppen sollten erreicht werden. „In der Pressestelle gab es eine große Übersetzungsabteilung“, erklärt Kurator Düspohl bei der Ausstellungseröffnung.

„Vilnius ist noch heute mehrsprachig“, bestätigt Besucher Maciej Mieczkowski. Der 32-Jährige lebt in der Hauptstadt, spricht Polnisch, Russisch, Litauisch und auch Deutsch sowie Englisch. „Die Ausstellung interessiert mich sehr, da ich für das Politik- und Kunstressort einer Zeitung in Vilnius schreibe.“ Nur kurz ist er mit seiner deutschen Frau in Aachen, am nächsten Tag geht es zurück in die Heimat.

Vilnius war in Europa damals als „Jerusalem des Ostens“ bekannt. Das Militär publizierte daher auch die jiddische Zeitung „Letzte Najes“. „Mit Hilfe des Instituts für Jüdische Studien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf konnten wir Teile entschlüsseln“, so Düspohl. Die Titelseite bot Kriegsberichte und Telegramme mit Nachrichten aus aller Welt. Außerdem schrieben die Redakteure Lokalnachrichten nieder – mit Schwerpunkt auf das jüdische Wilna. Im Innenteil unterhielt ein Fortsetzungsroman die Leser.

„Die Besatzer hielten das neue Land damals für eine ‚kulturlose Gegend‘, weil alles nur Landschaft war. Sie versuchten mit touristischen Berichten in der Zeitung das Land zu erschließen“, berichtet Düspohl. In einem Artikel erzählt ein Offizier, wie er die Menschen auf einem Markt auf Deutsch ansprach. Sie antworteten ihm aber auf Jiddisch. Der Autor bringt diese Antworten nun lautmalerisch zu Papier. Olaf Müller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs, ist vom Fundus des IZM begeistert: „Wir wollen die Geschichte Litauens entwirren und den Aachener Bürgern näherbringen. Mit diesen Schätzen können wir zeigen, wie vielschichtig die Situation gerade mit Blick auf den Ersten Weltkrieg war.“

Die Ausstellung in der Bibliothek des IZM, Pontstraße 13, ist dienstags bis freitags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. 

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