Aachen/Geilenkirchen - Zehn Messerstiche aus dem Nichts

Zehn Messerstiche aus dem Nichts

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen/Geilenkirchen. Ganz langsam spricht der wegen Totschlags an seiner Ehefrau angeklagte Erzieher Klaus S. (43) vor dem Aachener Schwurgericht. Immer wieder durchbricht ein langes „Ja” mit anschließender Pause den zähen Redefluss des Mannes.

Laut Anklage stach er die Mutter ihrer beiden gemeinsamen Kinder wie aus dem Nichts am Abend des 2. Januar in ihrer Geilenkirchener Wohnung mit zehn wuchtigen Stichen nieder. Sie verblutete nach wenigen Minuten.

Erst nach vier langen Verhandlungsstunden nähert sich der in seiner näheren Umgebung als bislang sanftmütig und etwas chaotisch bekannte Erzieher, der seit 1992 bis zur Tat in mehreren Kindertagesstätten der Stadt Aachen beschäftigt war, dem eigentlichen Kerngeschehen am Tatabend, dem Samstag nach Neujahr. Immerzu führen seine Berichte zu der nach seinen Angaben auch von den Schwiegereltern forcierten Trennung des Paares, die im Sommer vollzogen worden war.

Lieber zur Patentante

Dann wieder geht es tief in lebenspraktische Details des Paares, das 1999 standesamtlich heiratete und sich drei Jahre später 2002 sogar kirchlich trauen ließ.

Warum man trotz Schnee die Winterreifen nicht auf den Felgen hatte, beschrieb er, und warum in den Jahren ab 2007 der Garten im Bungalow der Schwiegereltern, in dem das Paar bis zur Trennung gewohnt hatte, scheinbar nicht ordentlich gepflegt und warum das zu einem großen Familienproblem wurde.

Dann aber, um 12 Uhr, gibt er dem Vorsitzenden Richter Gerd Nohl Antworten zum Geschehen am Tatabend. Die beiden Söhne (heute 9 und 7) waren seit den Feiertagen bis ins neue Jahr bei ihm. Die Planung der Besuchsregelung war bei dem Paar bislang kein Problem.

An dem Abend war das anders, wie er stockend die Lage beschrieb. Er wollte am Sonntag noch auf der Wiese bei Relais Königsberg mit den beiden Jungens rodeln gehen, sie wollte die Kinder bereits am Sonntagmorgen um 10 Uhr bei sich haben, weil sie sich für nachmittags bei guten Freunden angekündigt hatte, der Patentante von einem der Söhne.

Um 21.51 Uhr, das bestätigt der entsprechende Kassenbon, kaufte er noch im Supermarkt Thunfischpizza und Mozzarella für die Kinder ein, die bei ihm in der Wohnung nach einem langen Freizeittag ermüdet vor dem Fernseher saßen. Er habe das mit dem Schlittenfahren noch klären müssen, erzählte er mit niedergeschlagenen Augen. Deshalb fuhr er schnell um die Ecke zur Wohnung seiner Noch-Ehefrau.

Keine Erklärung

„Sie machte mir die Türe auf, ich sollte mich hinsetzen. Ich sagte, ich fände das blöd, dass sie die Kinder schon so früh haben wolle.” Doch sie bestand darauf und sagte anscheinend den verletzenden Satz „auch an deinem Geburtstag wirst du auf sie verzichten müssen”, der ist am 14. Januar. „Es wurde laut”, beschrieb er den Streit. Er schilderte weiter: „Sie beschimpfte mich. Ich habe eine Ohrfeige von ihr kassiert”.

Dann verschwamm alles in seinem Kopf. „Ich habe wohl das lange Küchenmesser gegriffen”, erinnerte er sich vage. Das lag mit Plastikschutz auf dem Esstisch, er stach zehn Mal zu, stürzte aus dem Haus. Zunächst sei er herumgelaufen. Dann kam er zurück, sah schon Blaulicht, er stieg ins Auto und fuhr zu den Kindern zurück. Wenig später kam die Polizei. Warum die Tat? Er kann es sich nicht erklären: „Könnte ich die Zeit doch zurückdrehen!”

Der Prozess wird am 16. Juli um 9 Uhr im Aachener Landgericht fortgesetzt.
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