Zehn Jahre Stadtarchäologie: Von Leprastationen und Erdbebenspuren

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Präsentierten gestern vorab schon mal einen Ausblick auf die Veranstaltungen ab Freitag: Stadtarchäologe Andreas Schaub (links) und Frank Pohle, Leiter des Centre Charlemagne. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Stadtarchäologe Andreas Schaub ist immer für einen Spruch gut: „Aachen ist älter als Köln“ nach dem Fund einer sehr gut datierbaren Keramikscherbe auf dem Marktplatz oder „Aachen war schon immer eine Reiterstadt“ nach dem Fund eines Spielzeugpferdchens längst vergangener Tage – der Süddeutsche weiß seine Profession aufmerksamkeitswirksam und faktenbasiert humorvoll in Szene zu setzen.

Jetzt sagte er: „Aachen ist durch die Stadtarchäologie größer und älter geworden.“ Seit zehn Jahren hat Schaub den Posten des Stadtarchäologen inne, womit Archäologieskandale – zuletzt die völlig unbegleitete Verlegung einer Fernwärmeleitung über den Katschhof – tatsächlich ebenfalls in den Bereich der Stadtgeschichte gehören. Und es gab durch verschiedene Grabungen und Funde eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen, die nun mit einer Tagung am 12. und 13. Mai der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen.

In kurzweiligen und allgemeinverständlichen Kurzvorträgen geben Fachleute aus Wissenschaft und Praxis Einblick zum Beispiel in die Erforschung alter Erdbebenspuren in Aachen oder warum im Mittelalter ganze Gruben von Kirschkernen entstanden sind. Ein Paläorelief soll zeigen, wie es in Aachen zu Zeiten der Römer, der Karolinger oder anderer Vorfahren bergauf und bergab ging.

Der Friedhof der mittelalterlichen Leprastation von Melaten hat Geschichten für ein dickes Buch geliefert. Ein bisher in Aachen nicht bekanntes jungsteinzeitliches Erdwerk an der Vaalser Straße lässt die Archäologen und Historiker rätseln. „Besonders interessant sind die Berichte über die Funde, die bei den Großbaustellen der vergangenen Jahre beim Bau des SuperC, des Aquis Plaza und An den Frauenbrüdern gemacht wurden“, wird auch Stadtarchäologe Schaub sicher noch einiges Neues von seinen Kollegen erfahren können.

Denn obwohl Schaub seit zehn Jahren offiziell zum Hüter der verborgenen Bodendenkmäler der Stadt bestellt wurde, schafft er es längst nicht, an jeder Baustelle selbst Pinsel und Schäufelchen in die Hand zu nehmen.

Oft übernehmen archäologische Grabungsfirmen diese Fingerspitzen-Aufgaben. Abgesehen von zu wichtigen Maßnahmen wie den Grabungen unterm Dom ist Schaub vor allem im Vorfeld aktiv: „Jede Baumaßnahme geht über den Schreibtisch von Denkmalpflege und Stadtarchäologie“, erklärte Schaub seine wesentliche Aufgabe.

„Dadurch können wir schon im Vorfeld abschätzen, ob Funde zu erwarten sind und die Bauherren entsprechend vorbereiten.“ Dass eine Baustelle adhoc stillgelegt werden muss, um mögliche Funde vor der „Baggerarchäologie“ zu schützen, komme kaum mehr vor.

So profitieren verschiedene Seiten von der neuen Stadtarchäologie: Bauherren können Grabungsarbeiten von vornherein mit einplanen, Aachener können quasi im Vorbeigehen an Ausgrabungsstellen und archäologischen Vitrinen Geschichte hautnah erleben und Historiker verstehen mit jedem Fundstück die Vergangenheit der Stadt ein Stück besser. „Mittlerweile wissen wir, dass es eine Siedlungskontinuität zwischen den Römern und den Karolingern gab. Die Lücke schließt sich mit jedem Stück“, so Schaub.

Und auch wenn alle Funde grundsätzlich dem Land Nordrhein-Westfalen gehören und Schaub froh ist, dass sie beim Landschaftsverband Rheinland sachgerecht gelagert und begutachtet werden – wichtige Stücke wandern zurück ins Centre Charlemagne, wo ihnen Leiter Prof. Dr. Frank Pohle gern einen dauerhaften oder zumindest vorübergehenden Platz einräumt: „Das ganze Gescherbsel will ich gar nicht haben. Aber durch die Arbeit der Stadtarchäologie wird unser Haus immer wieder überraschend und ungeplant wachsen.“

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