Aachen - „Zeelink“-Pipeline vor dem Wohnzimmer

„Zeelink“-Pipeline vor dem Wohnzimmer

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Eine Pipeline im Brander Wohngebiet: Anwohner Lothar Hartwig macht dagegen mobil. Viele Nachbarn fürchten eine hohe Explosionsgefahr. Zudem muss das Waldstück an der A44, das dem Lärmschutz der Anwohner dient, größtenteils abgeholzt werden. Foto: Michael Jaspers
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Teils wird die Trasse – auf dem Bild durch den roten Stab markiert – keine 30 Meter von Wohnhäusern entfernt verlaufen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Verwaltung, Politiker, eine Bürgerinitiative in Brand – alle hatten sich dafür stark gemacht, dass die neue „Zeelink“-Gaspipeline nicht wie ursprünglich geplant durch das Naturschutzgebiet Indetal und durch den Brander Wald gebaut wird. Bauherr „Open Grid Europe“ (OGE) schwenkte um und wich von der – von der Bezirksregierung gutgeheißenen – Route ab.

Jetzt sollen die Rohre zwischen Lichtenbusch und Verlautenheide weitgehend an der Autobahn 44 verlegt werden. Dort liegen bereits mehrere Pipelines. Mit einem kleinen, aber für hunderte Brander gravierenden Unterschied: Die alten Leitungen unterqueren die Trierer Straße und verlaufen dann an der Debyestraße entlang.

Dort steht mittlerweile ein Baumarkt im Weg. Also weicht man auf die andere Seite der A44 aus. Das hat Folgen: Die Pipeline rückt extrem nah an die dortigen Wohngebiete – und eine Tankstelle – heran. Außerdem muss dort ein bewaldetes Areal gerodet werden, das bisher den Anwohnern als Lärmschutz diente.

Kein Wunder, dass jetzt viele dieser Anwohner stocksauer sind. So zum Beispiel Lothar Hartwig. Er wohnt an der Eckener Straße. Von seinem Wohnzimmer aus sind es nur rund 150 Meter bis zur Pipelinetrasse. Und damit ist er sogar noch relativ weit weg. An der Straße „Weihern“ stehen Wohnhäuser keine 30 Meter entfernt. Man kann das gut erkennen, denn es stehen dort, wo gebaut werden soll, schon rote Markierungsstäbe.

Zunächst einmal ist Hartwig – er spricht, wie er sagt, für weit mehr als 100 Anwohner – bei der Betrachtung der Pläne über den Lärmschutz gestolpert. Vor Jahrzehnten sei dort an der A44 eine Lärmschutzwand errichtet worden. Als man dann die Fahrbahnen höher legte, waren die Wände nutzlos. „Für neue war kein Geld da“, erinnert sich der 62-Jährige.

Also wurde als Kompromiss ein mehrere hundert Meter langes Areal dicht mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Bis auf einen kleinen Streifen müsse dort nun alles abgeholzt werden. „Das wird den Lärmpegel hier deutlich erhöhen“, ärgert sich der 62-Jährige, der im Namen vieler anderer Betroffener im Rahmen des laufenden Verfahrens Protest eingelegt hat.

Erst später sei er auch noch darauf gekommen, welche Gefahren die Nähe zur Pipeline berge, die dort gerade einmal einen Meter tief in der Erde liegen werde. Sollte es zu einer Explosion kommen, wären große Teile des Wohngebietes zerstört. Ein Forschungsbericht der Bundesanstalt für Materialsicherheit und -prüfung geht davon aus, dass bei einer Havarie einer solchen Gaspipeline bis in eine Entfernung von mindestens 250 Metern keine Überlebenschancen bestehen.

Als 2004 in Belgien eine ähnliche Pipeline explodierte, starben 24 Menschen, weit über 100 wurden verletzt, Autos verbrannten in einem Umkreis von mehr als 500 Metern. Einer weiteren Studie nach sei die bei einer Pipelineexplosion freiwerdende Energie größer als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima.

„Bodenlose Frechheit“

Hartwig findet es eine „bodenlose Frechheit“, dass die Trasse an die Wohngebiete heran verlagert wird – und wirft auch den Brander Politikern „Kopflosigkeit“ vor. „Es muss doch wohl der Schutz der Menschen vor dem von Vögeln und Fröschen stehen“, sagt er. Zumal die Naturschutzgebiete nicht auf Dauer, sondern nur während der Bauphase beeinträchtigt würden. Er habe mit einem Fachanwalt telefoniert: „Er sagte, dass alle anderen Städte versuchen würden, Pipelines aus den Wohngebieten herauszubekommen. Dass Aachen sie just hereinhole, das habe er noch nie erlebt.“ Zusammengenommen werde das alles auch dazu führen, dass die Hausbesitzer in dem Gebiet einen großen Wertverlust hinnehmen müssten.

Lothar Hartwig macht sich keine Illusionen: „Ich glaube nicht, dass man das noch einmal drehen kann.“ Eine Hoffnung hat er jedoch. Auf der anderen Seite der Trierer Straße werde die Pipeline den Brander Wall in einem Tunnel unterqueren. Hartwig plädiert dafür, die Tunnellösung auch noch an den Wohngebieten entlang fortzuführen. Dann könne der Lärmschutzwald stehen bleiben und die Röhre wäre viel tiefer im Boden.

Hartwig: „Wir sind doch keine Menschen zweiter Klasse. Was auf der anderen Seite geht, muss hier auch gehen.“ Zumal OGE einst bekundete, die Verlagerung der Trasse aus dem Naturschutz heraus werde nicht am Geld scheitern. Tatsächlich kostet die neue Trassenführung laut OGE nun das Drei- bis Vierfache der ursprünglichen. Hartwig: „Da muss ja wohl auch noch Geld für den Schutz der Anwohner da sein.“

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