„Zeelink“: Naturschutz kostet Pipelinebauer Millionen

Von: Stephan Mohne
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Camp Hitfeld steht im Weg: Dort warten auf die Pipelinebauer von OGE einstürzende Altbauten und reichlich Giftstoffe im Boden. Die „Zeelink“-Trasse führt über einen Teil der verrotteten Kaserne. Foto: Ralf Roeger
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Camp Hitfeld steht im Weg: Dort warten auf die Pipelinebauer von OGE einstürzende Altbauten und reichlich Giftstoffe im Boden. Die „Zeelink“-Trasse führt über einen Teil der verrotteten Kaserne. Foto: Ralf Roeger
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Camp Hitfeld steht im Weg: Dort warten auf die Pipelinebauer von OGE einstürzende Altbauten und reichlich Giftstoffe im Boden. Die „Zeelink“-Trasse führt über einen Teil der verrotteten Kaserne. Foto: Ralf Roeger
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Kein Platz mehr: Am Brander Wall verlaufen bereits Pipelines. Für die neue „Zeelink“-Röhre muss der Wall deshalb untertunnelt werden.

Aachen. Für die Pipelinebauer wäre es so schön einfach gewesen. Denn mit größeren technischen Problemen hätten sie bei ihrer ursprünglich favorisierten Trasse für die neue „Zeelink“-Gasröhre von Lichtenbusch über Verlautenheide zum Niederrhein nicht zu kämpfen gehabt. Das Dumme: Diese Trasse führte schnurstracks durch die Naturschutzgebiete bei Brand.

Und da hatten die Pipeliner von „Open Grid Europe“ (OGE) aus Essen die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn umgehend gab es massiven Widerstand. Vor allem bezüglich der Trassenführung durch die Natur, die sogar schon von der Bezirksregierung im sogenannten „Raumordnungsverfahren“ – in ihm wird die der grobe Verlauf untersucht – gutgeheißen worden war. Widerstand kam von einer flugs gegründeten Bürgerinitiative in Brand, Widerstand kam auch von der Stadt.

Die verwies auf eine deutlich schonendere Alternative entlang der Autobahn 44, wo bereits mehrere Röhren liegen. Und siehe da: OGE schwenkte um und bekundete, dass man diese Variante – die man zuvor bereits verworfen hatte – wählen würde, wenn sie technisch machbar sei. Ist sie, wie sich herausstellte. Den Widerstand scheute der Gasriese derart, dass er sich dafür sogar bereiterklärte, tiefer in die Tasche zu greifen.

Geld spiele keine Rolle, hieß es bei einem Gespräch mit OGE-Verantwortlichen in unserer Redaktion. Und so kommt es nun auch – womit man wieder bei der Rechnung wäre: Die 13,5 Kilometer Pipeline auf Aachener Stadtgebiet werden nicht nur teurer, die Kosten explodieren regelrecht. Auf das „Drei- bis Vierfache“ taxiert OGE-Sprecher Helmut Roloff auf Nachfrage die Mehrausgabe gegenüber der ursprünglichen Vorzugstrasse. Dabei geht es um einen zweistelligen Millionenbetrag,

Das hat mit besagten technischen Herausforderungen zu tun, die OGE nun meistern muss. Die erste davon wartet schon kurz nach dem Start in Lichtenbusch. Denn nach wenigen hundert Metern trifft die Trasse auf die ehemalige Belgier-Kaserne Camp Hitfeld, die von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben seit Jahren wie Sauerbier zum Kauf angeboten wird, die aber niemand haben will – wegen der dort im Boden schlummernden Gifte, deren Entsorgung einen Käufer teuer zu stehen kommen könnte.

OGE umschifft das Gelände größtenteils, aber dann muss die Pipeline doch ein Stück durchs Camp. „Die Altlastenproblematik wird uns beschäftigen“, so Roloff. OGE muss überdies dort einige Gebäuderuinen abreißen lassen. Camp Hitfeld ist deswegen noch ein dickes Fragezeichen in den Kalkulationen.

Schutzzonen werden umgangen

Nächster Knackpunkt: Die Trinkwasserschutzzonen um den „Eicher Stollen“, der an der Lintertstraße liegt. Diese Schutzzonen sollen noch ausgeweitet werden – und die Pipelinebauer müssen einen Bogen um sie schlagen. Dann wird es so richtig knifflig. Die Pipeline muss unter der Autobahn hindurch, denn sonst stünde eine Kleingartenanlage im Weg.

Die Autobahnunterquerung ist noch nicht das Problem, aber auf der anderen Seite steht der Brander Wall, der einst als Lärmschutzriegel aufgeschüttet wurde. An seinen Flanken kann OGE keine Rohre legen, denn da liegen schon mehrere Pipelines. Abtragen kann man den Wall auch nicht. Bleibt nur: unten durch. Auf einer Länge von 470 Metern wird der Wall untertunnelt. Das ist laut OGE technisch enorm aufwendig. Aber machbar.

Dann geht es Richtung Trierer Straße, unter der man auch hindurch muss. Auch das ist eine Herausforderung. Realisiert werden muss das auf der südlichen Autobahnseite, da vis à vis zwar andere Pipelines verlaufen, man dort aber wegen des Neubaus des Polizeipräsidiums und des zwischenzeitlich entstandenen OBI-Markts keine Leitung mehr bauen kann.

Vorbei geht es am Großmarkt und anderen Betrieben im „Erdbeerfeld“. Letztere müssen zeitweise auf ihre Parkplätze verzichten, denn genau auf diesen verläuft der „Arbeitsstreifen“. Die Pipeline muss dann jedoch vor dem Recyclinghof „kapitulieren“ – es geht dort also wieder auf die andere Autobahnseite.

Unter dem Westwall hindurch

Da muss der Westwall passiert werden. Auch da gilt: unten durch – aus Denkmalschutzgründen. Was wenige Meter weiter auch zum Dritten für die A44 gilt, damit man nicht in Konflikt mit den – seit Jahrzehnten nicht realisierten – Planungen für einen neuen Autobahnanschluss kommt. Dann haben die Pipelinebauer das Gröbste hinter sich. Es geht dann noch unter der Von-Coels-Straße außerhalb Eilendorfs hindurch, dann ein Stück durch den Wald (wo eine bestehende Schneise lediglich etwas erweitert werden muss) in Richtung Verlautenheide und dann aus dem Stadtgebiet hinaus.

Dass sich der Essener Konzern den Weg abseits der Naturschutzgebiete Millionen kosten lässt, quittiert Helmut Roloff mit dem Satz: „Wir setzen auf gute Nachbarschaft.“ Vermutlich muss er dabei selber ein wenig schmunzeln. Denn der tatsächliche Grund dürfte ein anderer sein: Der organisierte Widerstand seitens der Bürger und der Stadt hätte dem Mega-Projekt massive Zeitverzögerungen – etwa bei langwierigen Enteignungsverfahren – einbrocken können. Geld hat Open Grid Europe, Zeit aber nicht. Die Pipeline muss nämlich 2021 fertig sein. Koste es, was es wolle.-

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