Zahlen explodieren: Immer mehr Kinder sind in Not

Von: Stephan Mohneund Thorsten Karbach
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Aachen. Immer mehr Kinder und Jugendliche in Aachen sind in akuten Notlagen. Meist deswegen, weil es in Familien kracht, es zu Gewalt kommt, Familien völlig zerrüttet oder Eltern überfordert sind.

Der neue Bericht des Fachbereichs Kinder und Jugend zu diesem Thema, das von Gesetzes wegen mit der völlig verharmlosenden Überschrift „Hilfen zur Erziehung” überschrieben ist, lässt alle Alarmglocken schrillen. Denn hinter diesen „Hilfen zur Erziehung” stehen traurige Schicksale junger Menschen. Die bereits in den vergangenen Jahren stetig gestiegenen Fallzahlen sind im ersten Halbjahr 2011 enorm geklettert.

Bis zum 31. März wurden der Behörde 251 neue Fälle gemeldet. Im ersten Quartal des Vorjahres waren es noch 186. Bis 20. April stieg die registrierte Fallzahl gar auf 316. Diese Zahl versieht die Verwaltung in ihrem Bericht mit einem Ausrufezeichen. Auf das ganze Jahr hochgerechnet kämen über 1000 Meldungen zusammen. Bislang lag der Höchstwert 2008 bei 890 Fällen.

„Besonders Polizeiberichte über häusliche Gewalt, Unterversorgung beziehungsweise Nichtversorgung von Kleinst- und Kleinkindern sind hier als Grundlage zu nennen”, heißt es erläuternd. In einer solchen Gefahrenlage nimmt die Stadt die Kinder zum Schutz in ihre Obhut.

Stark gestiegen waren die Zahlen auch schon nach Einführung der städtischen „Kindswohl-Hotline”, bei der Verdachtsfälle gemeldet werden können. „Immer wenn es diese schrecklichen Fälle wie Kevin gibt, ist die Öffentlichkeit paralysiert und sehr sensibel für das Befinden von Kindern”, erklärt Brigitte Drews, beim Fachbereich Kinder, Jugend, Schule für die Sozialen Hilfen verantwortlich. Und das sei auch gut so.

„Es ist auch nichts Dramatisches, unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber es ist bei den Betroffenen immer mit Scham besetzt, weswegen wir oftmals auf die Beobachtungen Dritter angewiesen sind, um Schlimmeres frühzeitig zu verhindern”, sagt Fachbereichsleiterin Elke Münich. Ihre Beobachtung: „Glücklicherweise werden wir immer früher mit ins Boot geholt, wenn es Probleme bei der Erziehung gibt.” Vor rund zehn Jahren wurden laut Drews rund 1000 Familien weniger durch das damalige Jugendamt aufgesucht.

Mittlerweile sind nicht weniger als 246 Kinder in Heimen untergebracht. Weit mehr als 100 seelisch kranke Kinder werden stationär betreut, um sie wieder in die Gesellschaft eingliedern zu können. Gestiegen ist auch die Zahl der Kinder, die zusammen mit ihren Müttern in speziellen Gruppen untergebracht werden.

Knapp 60 Fälle sind es hier derzeit. Die Zahl der Pflegekinder ist von zuletzt 258 auf 279 gestiegen. Auch die ambulanten Hilfen in den Familien selber sind von 962 auf 1091 geklettert. Unter dem Strich sind derzeit 2037 Fälle in Bearbeitung. Um das alles zu bewältigen, werden die einzelnen Sozialraumteams mit insgesamt 18 Mitarbeitern verstärkt.

Auch die Kosten in Sachen „Hilfen zur Erziehung” explodieren weiter. Voraussichtlich werden knapp 31,3 Millionen Euro benötigt. Das sind 1,7 Millionen Euro mehr als im Haushalt verankert. Der Fachbereich selber sieht mögliche Einsparpotenziale von bis zu einer halben Million Euro durch verschiedene Maßnahmen. Was dann eher der Tropfen auf den heißen Stein wäre. Als Beispiel für die enormen Kosten nennt die Verwaltung die Unterbringung von Kindern in geschlossenen Einrichtungen, die durch den Familienrichter beschlossen wird, wenn eine Eigen- oder Fremdgefährdung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen vorliegt.

Die Kosten für diese Unterbringungsart liegen bei 320 bis 400 Euro Tagessatz plus Nebenkosten. Derzeit betrifft dies in Aachen acht Kinder und Jugendliche. Um in Teilbereichen gegenzusteuern, wird voraussichtlich im Juni ein Landeskonzept „zur Prävention von Kriminalität im Kinder- und Jugendalter” starten. Polizei und Stadt sollen dabei eng zusammenarbeiten. Dazu soll es ein „Baukastensystem” von Angeboten geben. Allerdings steht der Polizei für die Städteregion gerade einmal eine halbe Million Euro in 2011 und eine Million Euro in 2012 zur Verfügung.
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