YouTube-Star: Der Mann, der Mathe wieder cool macht

Von: Laura Laermann
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Mathe ist an diesem Nachmittag eher Nebensache: Daniel Jung erklärt 70 Studenten und Schülern, worauf es bei der Unternehmensgründung ankommt. Foto: Christian Ewald
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Mathe-Check: Daniel Jung schlägt seinen Fans kein Foto und kein Autogramm ab. Auch im Netz versucht er, stets Kontakt zu seinen Followern über die Sozialen Medien zu halten. Foto: Laura Laermann

Aachen. „Lets rock Mathe“, grölen rund 70 Studenten und Schüler durch den Hörsaal. Ja, richtig gelesen: Mathe. Eines der eher als unbeliebt bekannten Schul- und Studienfächer wird hier lautstark bejubelt. Nun liegt die Vermutung nahe, dass sich hier der Club der Mathe-Nerds trifft. Doch dem ist nicht so.

Sowohl junge Menschen, denen Mathe leicht fällt, als auch diejenigen, für die dieses Fach eine Plage darstellt, sind an diesem Nachmittag in den Hörsaal R140 der RWTH Aachen gekommen, um den Mann kennenzulernen, der Mathe wieder „cool“ macht: Daniel Jung.

Der Mathe-Youtube-Star, der sich selbst eher als Bildungsingenieur sieht, spricht in der Aachener Universität über die Zukunft des Lernens. Mit seinen Mathe-Videos hat er im Netz einen Hype ausgelöst. Fast 300.000 Abonnenten hat er mittlerweile, die sich mit seiner Hilfe Mathematik selbst beibringen. „Mathe ist Lifestyle“, sagt der 36-Jährige voller Überzeugung. „Es ist die Grundlage für alles.“

Etwa 2000 Videos hat er bereits produziert. Von Analysis über lineare Algebra bis hin zur Binominalverteilung ist alles dabei. „Ich hab praktisch schon 90 bis 95 Prozent der Mathematik abgedreht“, sagt Daniel Jung. Die Videos, auf der Internetplattform Youtube nach Schuljahr, Semester oder Themengebiet geordnet, bilden eine Art „Wikipedia für Mathe in Videoform“, wie Jung es nennt.

Der Vorteil der einzelnen Videosequenzen liegt dabei in der Art des Lernens: „Man kann sehr gut individuell lernen und sich das anschauen, was man möchte“, sagt Abiturient Tobias Porschen, der vor allem wegen Daniel Jung selbst hergekommen ist. Anders als in der Schule oder in der Uni gibt es im Netz keinen festen Unterrichtsplan. Ganz im Gegenteil: Das Lernen mit Youtube ist sowohl zeit- und ortsunabhängig als auch mit anderen Lernformen kombinierbar. „Wenn selbst der Tutor nicht mehr weiter weiß, schaut man sich ein Video zum Thema an, und sucht gemeinsam nach der Lösung“, erklärt Daniel Jung.

Außerdem kann ein Video immer wieder abgespielt werden. Eine Vorlesung hingegen findet nur einmal statt. „Ich habe zwar keine Probleme, etwas schnell zu verstehen, aber nach ein paar Stunden lässt meine Konzentration nach“, sagt Josef Mlody, der Maschinenbau studiert. Die Videos hingegen sind mit fünf Minuten vergleichsweise kurz.

Jung will weg vom klassischen Unterricht, weg von der Vorlesung. Seine Vision dreht sich um das digitale Lernen: „Jeder sollte sich zunächst selbst digital Wissen aneignen, und dann kommt man zusammen und vertieft das Gelernte.“ Doch bevor er diese Idee verwirklichen kann, braucht es Zeit und neue Ideen.

An denen arbeitet Daniel Jung bereits akribisch. Er möchte Lernen leichter machen, und dazu vor allem die Digitalisierung nutzen. Ein simples Beispiel, wie dieser Ansatz im Uni-Alltag Anwendung finden kann, sieht für ihn so aus: „Im Idealfall hat ein Student das Skript einer Übungsaufgabe auf seinem Tablet. Dieses könnte mit einem Video verlinkt sein, das er während der Vorlesung aufgenommen hat und die passende Erklärung des Professors liefert.“ Es gebe allerdings keine Non-Plus-Ultra-Lösung, sondern sehr viele individuelle Wege, die sich nach den verschiedenen Bedürfnissen des Einzelnen richten, sagt Daniel Jung.

Um herauszufinden, wie diese Bedürfnisse aussehen, tourt der 36-Jährige aktuell durch Deutschland und Österreich. Die Universitäten in München, Berlin, Mannheim oder Wien hat er bereits besucht. Jetzt ist Aachen dran. Jung hält an der RWTH keinen Vortrag, sondern „horscht rein“, wie er sagt. Er fragt die Studenten, wie effektiv sie Vorlesungen empfinden und was ihnen beim Lernen hilft.

Lächeln und Bizeps zeigen

Genau diese persönliche Art des Youtubers scheint seinen Erfolg auszumachen. „Er versucht, den Stoff inspirierend rüberzubringen und dafür zu begeistern“, sagt Maschinenbaustudent Daniel Kemper. „Anders als ein Professor liest er nicht nur Formeln vor, sondern bricht die Mathematik herunter.“ Jung macht Kompliziertes leichter. In seinen Videos witzelt er ein wenig herum, lächelt viel und zeigt zwischendurch auch mal seinen Bizeps: „Ich habe es geschafft, den Mathe-Schmerz zu lösen und Leute durch Prüfungen zu bringen. Das macht sie glücklich.“

Das bestätigen auch die Studenten Tom Wyrwich und Emil Breuer. Den beiden stand der zweite beziehungsweise dritte Prüfungsversuch in „Mathematik I“ bevor – also die letzte Chance vor der Exmatrikulation. „Beim Lernen haben wir uns dann seine Videos angeschaut“. Die Prüfung war bestanden. Foto und Autogramm des Mathe-Idols haben sich die beiden Maschinenbaustudenten bereits geholt. Sie gehörten zu Ersten in der langen Fan-Schlange im Hörsaal, die scheinbar kein Ende nimmt.

Den Kontakt zu seinen Followern sucht der Youtuber aber nicht nur in der Uni. Auch im Netz versucht er, möglichst viel zu kommunizieren. Über Facebook, Instagram, Twitter, Snapchat, Tumblr und natürlich Youtube postet er regelmäßig. „Die Social- Media-Plattformen bieten eine neue Chance“, sagt Jung. „Über das Feedback, das man dort bekommt, entwickeln sich neue Ideen, wie die Bildung der Zukunft aussehen kann.“ Zum Beispiel denkt Jung über ein „Experten-Tool“ nach: „Ich kann nicht 24-Stunden-online sein und alle Fragen der User beantworten.“ Mit einem zentralen Instrument könnten Fragen, die immer wieder gestellt werden, automatisch beantwortet werden.

Service wie diesen sowie die Videos und Hochschulbesuche bietet Daniel Jung kostenlos an. Finanzieren kann er das über Werbung, die vorab in den Videos abgespielt wird, auf die er aber am liebsten verzichten würde. Sein Geld verdient der 36-Jährige mit Vorträgen in Unternehmen über Social Media und als Berater im Bereich Bildung. Außerdem hat er zwei Unternehmen gegründet. Start-ups waren schon immer seine Leidenschaft. Auch sein Lehramtsstudium in Sport und Mathe hat er dafür abgebrochen: „Start-ups sind eine neue Lebensform. Man arbeitet nicht mehr jahrzehntelang in einem Unternehmen.“

Das versucht er auch den 70 Studenten und Schülern im Hörsaal zu vermitteln. Er gibt vor allem Tipps zur Unternehmensgründung. Mathe bleibt an diesem Tag eher Nebensache – oder das, was über allem steht. „Mathematik ist überall das Fundament, egal was ihr macht, es geht um Daten“, erklärt Jung seinem Publikum.

Das haben auch seine großen Vorbilder, der Social-Media-Revolutionär Gary Vaynerchuk und Apple-Gründer Steve Jobs, verstanden. „Es geht nicht darum, der Erste zu sein, sondern eine Idee groß zu machen“, sagt Jung. „Ich hab auch nichts Neues erfunden, sondern Ideen kombiniert“. Oder wie er es in Picassos Worten gerne sagt: „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen.“

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