Aachen - Wut und Entsetzen in der Politik über das Ausmaß des Alemannia-Desasters

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Wut und Entsetzen in der Politik über das Ausmaß des Alemannia-Desasters

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Was nun? Auch Alemannia-Klubbo
Was nun? Auch Alemannia-Klubboss Meino Heyen steht im Fokus der Kritik - unter anderem wegen seiner Äußerung über den „Kostenträger Volleyball”. Insgesamt herrschen in der Aachener Politik Wut und Entsetzen über das finanzielle Desaster. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Genau 93.580 Euro sollten am 30. September per Lastschrift vom Konto der „Alemannia Aachen Stadion GmbH” abgebucht werden. So war es vereinbart.

Denn diese Summe sollte die regelmäßige Mietzahlung sein, die Alemannia an die neue „Aachener Stadion Beteiligungs GmbH” (ASB) zahlen sollte. Die städtische Tochtergesellschaft war gegründet worden, nachdem der Stadtrat der Umschuldung der Stadionkredite zugestimmt hatte.

Die ASB soll mit dem eingenommenen Geld die Darlehen zur Stadionfinanzierung bedienen. Doch Alemannia widersprach der Lastschrift. Jetzt fehlt das Geld. Nicht erst seit den öffentlichen Erklärungen von Rechtsanwalt Michael Mönig am Freitag weiß man warum. Alemannia ist pleite, an Mietzahlungen ist nicht zu denken. Und so hängt die Stadt wie die anderen Gläubiger sozusagen am Fliegenfänger. Sie selbst muss jetzt die Kredite bedienen.

Dazu gibt es im städtischen Haushalt eine Rücklage in Höhe von drei Millionen Euro. Am Dienstag muss der Finanzausschuss für den Rest des Jahres aus dieser Rücklage 400.000 Euro als „Über- und außerplanmäßige Aufwendungen” - so nennt sich das im Verwaltungsdeutsch - locker machen. Und weil noch gar nicht abzusehen ist, ob und wann Alemannia überhaupt wieder etwas zahlen kann, soll diese Rücklage aufgestockt werden - möglicherweise um weitere Millionenbeträge. Um wie viel genau, will Kämmerin Annekathrin Grehling bis Dienstag festlegen. Insgesamt beträgt die Höhe des städtischen Kreditanteils in der ASB 18,85 Millionen Euro.

„Stadt wird Schaden nehmen”

Diese konkrete Auswirkung der Alemannia-Pleite auf die Stadt ist allerdings nur ein Aspekt dessen, was am Wochenende auch bei den Aachener Ratsleuten heiß diskutiert wurde. „Was einen aus den Socken haut, ist, dass es hier nach dem Motto geht: Wer nennt die höchste Zahl?”, sagt CDU-Fraktionsschef Harald Baal. Dass bis Ende der Saison ein Fehlbetrag von zwölf Millionen Euro auflaufen würde, hat denn auch die Politik geschockt. Die Rücklage werde jetzt erhöht, weil der Haushalt 2012 besser aussieht als erwartet. Baal unterstreicht aber auch, „dass wir diese Verbesserungen auch anderswo gut brauchen könnten”. Die Stadt werde auf jeden Fall finanziellen Schaden nehmen.

Unstrittig ist laut Baal unterdessen, dass die von Alemannia vor der Ratsentscheidung im März vorgelegten Zahlen falsch gewesen seien. Ob Absicht dahinter gesteckt habe oder „ob da jemand Zahlen nicht addieren konnte”, müsse untersucht werden. Ob die Stadt bei den jetzt schnell benötigten Geldern zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebs irgendwie helfen könnte? „Dazu fehlt mir jegliche Fantasie”, sagt der Fraktionschef. Und wenn er dann höre, dass der Präsident vom „Kostenträger Volleyball” rede, „dann ist klar, dass es bei der Alemannia personell ein nachhaltiges Problem gibt, dass man nicht auf Herrn Kraemer reduzieren kann”. Politik und Verwaltung seien jedenfalls „belogen, betrogen und eiskalt über den Tisch gezogen” worden.

Grünen-Fraktionssprecherin Ulla Griepentrog spricht von „großem Entsetzen” über das Ausmaß des Desasters. Wie OB Marcel Philipp redet sie von „krimineller Energie”, die hinter der Verschleierung der wahren Zahlen gesteckt haben müsse. Alles müsse aufgearbeitet werden - bis zu den Anfängen der Schieflage. 2010 hatte die Politik schon einer Drei-Millionen-Bürgschaft zugestimmt, bevor dann in diesem Frühjahr die Umschuldung als letzter Rettungsanker kam. Nur acht Monate später droht das Alemannia-Schiff zu sinken.

Dementsprechend beschreibt auch SPD-Fraktionssprecher Claus Haase die Stimmung bei den Sozialdemokraten mit einem nicht zitierfähigen Kraftausdruck. Die Situation sei eine Katastrophe. Zu hoffen sei nur, dass Alemannia die Saison zu Ende spielen und dann in der Regionalliga weitermachen könne. Die Stadt könne kein weiteres Geld locker machen. „Mittelfristig werden im Haushalt Einschnitte oder Steuererhöhungen nötig sein, weil die Sozialausgaben weiter steigen.” Da könne man nicht einem Fußballklub weiter unter die Arme greifen, sei er für die Stadt auch noch so wichtig. Fassungslosigkeit herrscht auch bei der FDP, die im März nicht einhellig votierte. „Ich hatte schon damals das Gefühl, dass nicht alle Fakten in allen Bereichen auf dem Tisch liegen, und habe deshalb dagegen gestimmt”, sagt Fraktionsgeschäftsführerin Sigrid Moselage.

Schaffrath kritisiert Linden

Und Fraktionschef Wilhelm Helg, der für die Alemannia-Hilfe votierte, versteht das Verhalten des Ex-Geschäftsführers Frithjof Kraemer nicht: „Wenn einem die Dinge über den Kopf wachsen, kann man den Kopf doch nicht einfach in den Sand stecken.”

Freie-Wähler-Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath nimmt derweil den früheren OB und Alemannia-Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Linden aufs Korn. Dieser hatte in einer Stellungnahme am Freitag gesagt, er wolle sich zur jetzigen Entwicklung nicht äußern, weil er seit zweieinhalb Jahren keine Funktion mehr bei Alemannia bekleide. „Man hat es ja schon lange geahnt oder besser gewusst, dass der ehemalige Aufsichtsratschef Linden alle Verantwortung im Stile der drei Affen von sich weist. Doch der aktuelle Kommentar ist schlicht eine Unverschämtheit.”

Linden sei „eine der zentralen Handlungsfiguren in der gesamten Causa Alemannia” gewesen. Schaffrath: „Auch seine Rolle in der Vergangenheit wird zu gegebener Zeit zu thematisieren sein.” Die jetzige Äußerung sei „ganz einfach feige und wird von den Fans ganz sicher nicht akzeptiert werden”. Das sieht auch Harald Baal ähnlich. Schließlich sei der Stadionneubau der Anfang vom Ende gewesen, „und daran war der damalige OB nicht unmaßgeblich beteiligt. Da kann er jetzt nicht abtauchen.”
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