Wohnen, Lernen, Feiern: Die Türme schlafen nie

Von: Katrin Fuhrmann
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Zum 50. Geburtstag des OPH kommen ehemalige und jetzige Bewohner zusammen und tauschen sich über die Zeit in den Studententürmen aus: Wolfgang Rüther, Michelle Schüller, Steffen Huppertz, Iris Ketteniss, Moritz Hartl (vorne von links nach rechts), Prof. Michael Heger und Johann Brink. Foto: Andreas Schmitter(4), Michael Jaspers(1), Archiv(1)
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Klein, aber fein: Moritz Hartl ist zufrieden mit seinem zwölf Quadratmeter großen Zimmer. Foto: Andreas Schmitter(4), Michael Jaspers(1), Archiv(1)
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Wer zu Besuch kommt, muss aufpassen, wo er schellt: Jeder Bewohner hat seine eigene Klingel. Foto: Andreas Schmitter(4), Michael Jaspers(1), Archiv(1)
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Die guten Seelen des Wohnheims: Michael Keutgen (Gruppenleiter Wohnanlagen), Uwe Finck, Ludwig Knops, Michael Brich und Joseph Dulich. Foto: Andreas Schmitter(4), Michael Jaspers(1), Archiv(1)

Aachen. Ein kleiner Holztisch steht mitten im Zimmer. Davor ist ein ebenso kleiner Kühlschrank, ein Fernseher, eine Schlafcouch und eine Büchervitrine platziert – alles hat hier seinen wohlbedachten Platz. Nicht ohne Grund, denn das Zimmer von Student Moritz Hartl ist nur zwölf Quadratmeter groß.

Und damit eins von rund 250 weiteren Wohnräumen im Otto-Petersen-Haus (OPH) an der Rütscher Straße. Besonders geräumig ist das Zimmer nicht, und auch die weißen Wände hätte sich der Maschinenbaustudent vermutlich nicht ausgesucht, wenn er die Wahl gehabt hätte. Doch wenn Moritz, der auf der sechsten Etage wohnt, aus dem Fenster guckt, bietet sich ihm ein ganz besonderes Panorama: Er kann die ganze Stadt, samt Dom und Rathaus, überblicken. Auch die familiäre Atmosphäre und der kulturelle Austausch innerhalb des Hauses möchte der 22-jährige Student nicht missen. So wie Moritz geht es vielen der rund 1000 Studenten, die in einem der vier Türme am Fuße des Lousbergs leben.

Einer der Türme in der Obhut des Studenwerks Aachen feiert am Freitag seinen 50. Geburtstag. Am 1. Mai 1965 wurde der erste Mietvertrag im Otto-Petersen-Haus unterschrieben. Die „Geburt“ eines Experiments und gleichzeitig eines Wahrzeichens, wie ehemalige Bewohner diese damalige Neuheit beschreiben. „Der mangelnde Wohnraum für Studenten war schon zu meiner Studentenzeit ein großes Thema. Ich war froh, dass ich damals so schnell ein Zimmer bekommen habe“, erinnert sich Johann Brink, ehemaliger Bewohner des OPH.

Das Wohnen in einem „Turm“ mit so vielen unterschiedlichen Menschen, noch dazu so günstig, sei landesweit eine absolute Innovation gewesen. 80 D-Mark kostete das zwölf Quadratmeter große Zimmer. Wohl wissend, dass sich 16 Studenten sowohl eine Toilette, eine Dusche als auch eine Küche teilen mussten, entschieden sich Johann Brink, Michael Heger und Wolfgang Rüther für das Leben im Studententurm und damit auch für ein Leben fernab von Einsamkeit und Ruhe.

Als die drei jungen Männer vor knapp 50 Jahren ihre kleinen Appartements bezogen, sah es in den Türmen natürlich noch ganz anders aus als heute: Pro Etage gab es bloß ein Telefon, das getreu dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ genutzt wurde. Ebenso gab es anfangs auch nur einen Fernseher. Ausgleich zum Uni Alltag fanden die Studenten in der „Motorbar“ – eine kleine Kneipe, in der die Studenten jeden Mittwoch (auch heute noch) zusammenkamen, tanzten und feierten. Bis in die frühen Morgenstunden amüsierten sich die Studenten, ungeachtet dessen, was am nächsten Tag auf dem Stundenplan stand. „Wir waren damals fast nie im Lernstress, eher im Feierstress“, sagt Heger und schmunzelt.

Der Müllschlucker, der in der Anfangszeit für Abfall aller Art zur Entsorgung genutzt wurde, war für den einen oder anderen auch mal die Ablage für noch brennende Zigaretten. Das führte dazu, dass fast wöchentlich die Feuerwehr ausrücken musste. Passiert ist allerdings (zum Glück) nie etwas.

Das Putzen der Küche regelten die Studenten größtenteils unter sich. Das klappte auch meistens nahezu ohne Probleme, wie sich Brink erinnert. „Diejenigen, die etwas liegen ließen oder den Abwasch nicht pünktlich erledigten, mussten 50 Pfenning in die Gemeinschaftskasse zahlen“, sagt der ehemalige Bewohner. Dennoch fühlten sich die jungen Männer wie im Hotel. Doch warum? Jeden Morgen klopfte es um 9 Uhr an der Zimmertür der Studenten. Eine Putzfrau samt Eimer und Besen spazierte herein, ohne Rücksicht auf den eventuellen Zustand der Männer zu nehmen.

„Die Damen kamen einfach herein. Wenn wir noch geschlafen haben, waren sie ganz leise – sie haben aber dennoch ihre Arbeit gemacht“, sagt Brink. Und dass Frauen so einfach in das Wohnhaus spazierten, war seinerzeit recht ungewöhnlich, denn zumindest in den Anfängen waren Damen im Turm tabu. Wohl bemerkt, dass es auch wenig interessierte Studentinnen gab, die im Turm hätten wohnen wollen. „Frauen waren eben keine Techniker“, sind sich die drei Ehemaligen sicher. Erst ab 1971 zogen mehr und mehr Frauen ein.

Iris Ketteniss, die im Mai 1969 als Kind des Hausmeisters im Otto- Petersen-Haus geboren wurde, denkt heute noch an die vielen tollen Momente in den Türmen zurück. „Die Studenten, die an Weihnachten nicht nach Hause fahren konnten, haben immer mit uns gefeiert– ein richtiges „Multi-Kulti-Fest“, sagt die 45-Jährige.

Auch nach vielen Jahren erinnern sich die ehemaligen Bewohner an die prägende und stets aufregende Zeit in den Studententürmen: So hat es vor ein paar Jahren ein Jubiläum der besonderen Art gegeben. „Ein Pärchen, das sich im Turm zunächst kennen und später lieben gelernt hat, feierte ihre Silberhochzeit in ihrem ehemaligen Zimmer“, erzählt Steffen Huppertz, Bewohner des Turms.

Seit jener Zeit hat sich einiges in dem Gebäudekomplex am Stadtrand von Aachen verändert, doch die familiäre Atmosphäre und der kulturelle Austausch innerhalb des Hauses sind bis heute ein Grund, warum sich Studenten für das Leben in einem der Türme interessieren. Der wohl entscheidendste Grund: der Preis. Für das zwölf Quadratmeter große Zimmer zahlen die Studenten 180 Euro.

Geändert hat sich im Grunde nur das „Innenleben“ der Türme: Heute gibt es mehr als eine Dusche pro Etage. Auch der Müllschlucker, das Fotolabor und die Telefonzelle gehören längst der Vergangenheit an. Doch der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft sind geblieben. Zurzeit leben 30 verschiedenen Kulturen in den Türmen. „Bei der Belegung der Zimmer versuchen wir bewusst darauf zu achten, dass die Etagen ‚bunt gemischt‘ sind“, sagt Michelle Schüller, die ebenfalls im Studententurm lebt.

Für Ordnung und Sauberkeit müssen die Studenten, anders als früher, allerdings selbst sorgen, denn generell gilt in den Türmen das Prinzip der Selbstverwaltung. Dafür sind in den vergangenen Jahren zahlreiche weitere Angebote geschaffen wurden: Es gibt eine Sauna, einen Fitnessraum, eine Musik- und Werkzeug AG und sogar einen Brötchenservice, der besonders beliebt ist. In einem Punkt, da sind sich die ehemaligen und jetzigen Bewohner einig: „Man kann nichts heimlich tun, entweder man wird verpetzt, oder irgendjemand bekommt es mit“.

Das weiß auch Moritz Hartl. Wenn er nachts von einer Feier nach Hause kommt, kann er sich sicher sein, dass irgendwo im Turm noch das Licht brennt und ihm jemand einen Kaffee oder ein Brötchen anbietet.

Denn der Turm ist niemals dunkel und sein Innenleben steht niemals still.

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