Aachen - Wo Österreich an die Normandie grenzt

Wo Österreich an die Normandie grenzt

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Freie Fahrt in der kleinen Welt: Modelleisenbahnen aus ganz Europa sind bei der „Eurotrack”-Ausstellung unterwegs.

Aachen. Von seinem ersten Gehalt hat sich der Eisenbahner Wilhelm Rischel seine erste Diesellok gekauft. Die „V36” hat er immer noch. Sie steht zuhause in einer kleinen Vitrine - es handelt sich natürlich um eine Modelleisenbahn. Jahrzehnte ist das her.

Und aus dem Eisenbahner Wilhelm Rischel ist der Modelleisenbahner Wilhelm Rischel geworden. Und der schaut nun mit großen Augen, wie ein belgischer Güterzug vor ihm über die kleinen Gleise rauscht und sich auf die 150 Meter lange Strecke bis zum anderen Ende der Welt macht.

So lang ist die „Eurotrack”-Bahn, das sich windende Herzstück einer Internationalen Ausstellung des Modelleisenbahnclubs Aachen (MEC) im Berufskolleg an der Neuköllner Straße. „Eurotrack”-Ausstellungen gibt es jedes Jahr. Das letzte Mal in Verona.

Weil der Aachener Verein aber 50. Geburtstag feiert, sind Modelleisenbahner aus ganz Europa diesmal in die Kaiserstadt gekommen. Mit Kleintransportern und Anhängern, nicht mit der Eisenbahn. Denn nur so ließen sich ihre Teile der Modelleisenbahnwelt transportieren.

Vorbei am Würstelstand

In Aachen liegt Österreich am Ende dieser Welt. Oder am Anfang, ist alles eine Frage des Blickwinkels. Jedenfalls gehen alle Modelleisenbahnen, die den Pressbacher Bahnhof passieren, in eine große Schleife, erreichen dann direkt wieder den kleinen Bahnhof mit dem Würstelstand und nehmen Fahrt auf in die andere Richtung - in die Normandie. Denn in Aachen grenzt Österreich auch noch an die Normandie.

Fritz Hauschulz zeigt stolz auf die Würstelbude neben dem Bahnhofsgebäude. „Die gibt es wirklich”, sagt er. Er sei schon hunderte Male an ihm vorbeigefahren. Natürlich mit einem Zug. Jetzt passiert den Würstelstand eine Dampflokomotive mit Waggons der Deutschen Bahn. „Klassische Epoche”, sagt der österreichische Fachmann anerkennend. Die klassische Epoche muss etwas Besonderes sein.

Vier Monate haben Hauschulz und die sieben anderen Herren des Wiener Modellbahnclubs an den sieben Modulen für die Aachener Ausstellung gebastelt. „Wo sonst kann man noch seine eigene Welt kreieren?”, sagt Rudolf Windisch und beschleunigt mit dem Trafo einen Personenzug aus der Heimat. „Das ist meiner”, sagt er. In Wien haben sie mal eine Anlage von 125 Metern auf fünf Etagen und mit vier Bahnhöfen konstruiert. „Planung ist alles”, sagt Hauschulz, während Windisch eine Weiche umlegt.

Sieben „Module” haben sie nach Aachen gebracht. Auch das hatten sie so geplant, denn mehr passten nicht in den Anhänger. Die Module ergeben einen naturgetreuen Nachbau des Wiener Vorstadtbahnhofs Pressbach. Rund 10.000 Euro kostet das kleine Österreich etwa, sagt Hauschulz. Davon hätten die acht Modelleisenbahner auch fein in Urlaub fahren können. Wollten sie aber nicht. Sie wollten in Aachen ihre Modelleisenbahn vorführen. Andere Pläne hatten sie nicht.

Deswegen stellt Rudolf Windisch nun auch wieder eine Weiche um und lässt einen niederländischen Personenzug in die Normandie fahren. Von dort geht es nach Ungarn, in die Niederlande, an den Niederrhein -Êdie Modelleisenbahnwelt hat eben ihre ganz eigene Geographie. Und ein Stück Holz in der Mitte.

Der MEC hatte im Vorfeld mit den Teilnehmern alles genau abgestimmt. Die Klubs mussten ein paar Regeln befolgen, etwa den richtigen Abstand der Gleise und die Höhe der Module. „Damit dann auch alles zusammenpasst”, sagt MEC-Vorsitzender Hans Krauth. Doch es passte dann doch nicht. Sie hatten von beiden Enden der Modellbahnwelt - Aachen und Österreich - angefangen und sich in der Mitte um einen guten Meter verpasst. Deswegen das Holzbrett mit ein paar Gleisen in der Mitte. Sonst wäre die Welt entzweit gewesen.

Ist sie nicht und Hans Krauth sagt: „Wir haben versucht eine schöne Anlage aufzubauen. Da können wir zufrieden sein - auch mit dem Besucherzuspruch.” Nur die Modelleisenbahnfreunde aus England konnten nicht zufrieden sein. Sie mussten ihren Besuch in Aachen kurzfristig absagen. Die Transportfirma ging pleite und sie schafften es nicht, ihren Streckenteil nach Aachen zu bringen.

Dort passiert der belgische Güterzug Echterlo. Das liegt in den Niederlanden und zumindest seine Gleise in den Händen von Leo Groeneweg. Der hat die Arme aber gerade vor dem Körper verschränkt, als würde er der Modelllokomotive zeigen wollen, dass sie Pause hat, und er den Trafo so schnell nicht aufdrehen wird. Groeneweg ist geradezu stoisch ruhig, ein Modelleisenbahner dem selten die Gesichtszüge entgleisen. „Ich muss auf einen anderen Zug warten”, sagt er dann. Zusammenstöße habe es in den zwei Tagen Ausstellung nicht gegeben. Dank Männern wie Leo Groeneweg.

Irgendwann ist der Güterzug wieder bei Willi Rischel angekommen. Die Reise vom Pressbacher Würstelstand bis an andere Ende der Welt dauert 40 Minuten.
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