Wo man noch „Herr Wachtmeister“ sagt

Von: Oliver Schmetz
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Bei Wind und Wetter unterwegs in seinem Revier: Hauptkommissar Thomas Klauth ist einer von drei Bezirksbeamten der Polizei, die sich um den Stadtteil Burtscheid kümmern. Foto: Andreas Steindl
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Präsenz zeigen, mit den Geschäftsleuten sprechen: Auch in den Kiosk von Ebubekir Demirhat wurde in diesem Jahr eingebrochen. Foto: Steindl

Burtscheid. Es gibt sie tatsächlich noch, diese Anrede, die man als Städter eigentlich längst in früheren Zeiten und ländlicheren Gefilden verorten würde: „Guten Tag, Herr Wachtmeister!“ Erzählt jedenfalls Thomas Klauth. Der ist zwar streng genommen kein Wachtmeister, sondern Polizeihauptkommissar, aber die Wachtmeisterbegrüßung hört er durchaus oft, berichtet der Beamte beim Rundgang durch Burtscheid.

Und meistens sei das sehr positiv gemeint. Der Mann sagt offenbar die Wahrheit, wie eine ältere Dame kurz darauf mit ihrem freundlichen Gruß belegt: „Guten Tag, Herr W...“

Drei Beamte für Burtscheid

Thomas Klauth ist Bezirksbeamter, er leitet die kleine Wache in der Rhein-Maas-Straße, in der drei Polizisten für Burtscheid zuständig sind. Zu 80 Prozent seien sie aber draußen unterwegs, auf der Straße, im Viertel, erzählt der 56-Jährige. Ein Bezirksbeamter muss nah am Bürger arbeiten, mitten im Leben stehen, ein offenes Ohr haben für die kleinen Sorgen der Menschen und sich auch Zeit nehmen für einen kleinen Plausch ganz ohne kriminalistischen Hintergrund.

Er begleitet Martinszüge und vollzieht Haftbefehle, schaut in Flüchtlingsheimen vorbei und kontrolliert Fahrradfahrer, und oft wird er auch als eine Art Seelsorger gebraucht. „Es gibt viele ältere Menschen, die auch mit persönlichen Problemen zu uns kommen“, sagt Klauth. „Teilweise ist das dann auch aktive Lebenshilfe.“

An diesem frühen Abend, an dem bereits die Dunkelheit über die Burtscheider Fußgängerzone hereingebrochen ist, hat der Bezirksbeamte allerdings einen anderen Auftrag, einen mit kriminalistischem Hintergrund sozusagen.

Denn kurz zuvor hatte die AZ darüber berichtet, dass in der Burtscheider Geschäftswelt nach einer Serie von Einbrüchen und Vandalismusfällen die Angst umgeht. Und dass die BIG, die Burtscheider Interessen-Gemeinschaft, der Polizei vorwerfe, sie tue zu wenig und sei zu selten vor Ort zu sehen.

Der Artikel klebt in einem Kiosk am Burtscheider Markt an der neuen Ladentür – die alte wurde von Einbrechern zertrümmert –, aber Klauth kennt ihn schon. „Wir lesen auch Zeitung“, sagt er schmunzelnd. Gleich nach dem Erscheinen hat er sich mit dem BIG-Vorsitzenden Rolf-Leonhard Haugrund in Verbindung gesetzt und Taten angekündigt.

Mehr Polizeipräsenz am Tage, mehr Streifenfahrten abends und nachts und persönliche Gespräche mit den Geschäftsleuten sollen das Sicherheitsgefühl in Burtscheid stärken – was Haugrund, der zuvor noch hart kritisiert hatte, nun ausdrücklich lobt: „Das ist eine sehr positive Reaktion der Polizei, die wir nicht als selbstverständlich betrachten.“

An diesem frühen Abend nun sucht Thomas Klauth die Gespräche mit den Geschäftsleuten, auch wenn er um diese Zeit gar nicht mehr alle erreichen kann. Rita Geuer beispielsweise, die eine Änderungsschneiderei betreibt – auch sie brauchte kürzlich eine neue Tür –, schließt ihr Geschäft jetzt immer schon, wenn es dunkel wird. Aus Angst. Das könnte sich Kioskbetreiber Ebubekir Demirhat nicht leisten.

Er verkauft bis 22 Uhr Zeitungen und Zigaretten und räumt unumwunden ein, dass es oft „ein mulmiges Gefühl“ ist, wenn er als Letzter durch die dunkle Einkaufsstraße gehen muss. „Ich bin hier aufgewachsen und kenne das eigentlich nicht so“, sagt er, „aber zuletzt ist das mit der Kriminalität hier immer schlimmer geworden.“

Wieder draußen auf der Straße spricht Thomas Klauth von einem „subjektiven“ Unsicherheitsgefühl, das in Burtscheid um sich greife. Im Sommer gab es eine Serie von Raubtaten, bei denen den Opfern die Halsketten weggerissen wurden. Und nun seit Anfang September 14 versuchte und vollendete Geschäftseinbrüche. Natürlich gibt es Stadtteile, in denen die Kriminalität höher ist, die Probleme noch schlimmer sind.

Das weiß in Aachen nicht nur jeder Polizist. Aber das macht die „subjektive“ Angst mancher Burtscheider in ihrem eigentlich so intakten Viertel nicht kleiner. Es ist wie mit dem Schüler, der mit einer Fünf nach Hause kommt und den Eltern sagt, es habe auch Sechsen gegeben. Bringt auch nichts.

Also hört sich Klauth die Sorgen der Leute an und gibt Tipps: Abends am besten nicht alleine den Laden abschließen, nicht alleine die Tageseinnahmen mit sich herumtragen, dunkle Ecken meiden, solche Sachen. Der erfahrene Bezirksbeamte, seit 1976 bei der Polizei, weiß natürlich auch, dass das mit der Polizeipräsenz so eine Sache ist.

„Wir können niemals überall sein“, sagt er. Die drei Beamten in der Burtscheider Wache beispielsweise sind für ein Gebiet zuständig, das auch den Preuswald einschließt. Und die Zahl der Streifenwagen ist im nächtlichen Aachen bisweilen überschaubar. Also weist Klauth die Geschäftsleute auch auf private Sicherheitsmaßnahmen hin und vermittelt den Kontakt zu den Kollegen vom Kommissariat Vorbeugung.

Augenoptiker mit Alarmanlage

Artur Manjurka kann er da nichts mehr erzählen. Der Inhaber von Optik Jordan in der Kapellenstraße hat Bewegungsmelder und eine Alarmanlage einbauen lassen. „Jahrelang ging es auch ohne“, erzählt der Augenoptikermeister. Dann kamen die Einbrecher. „Jetzt gehe ich auf Nummer sicher.“

Das macht auch der Passant, dem Thomas Klauth etwas später an einer düsteren Ecke der Fußgängerzone begegnet. Der schaut nämlich lieber noch einmal hin, identifiziert die Uniform und meckert dann darüber, wie lange er in Burtscheid schon keinen Polizisten mehr gesehen habe.

Der Bezirksbeamte nimmt es mit Humor. Jedem kann man es eben nicht recht machen. Aber begrüßt hat ihn auch der Nörgler: „Guten Tag, Herr Wachtmeister...“

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