Wo Flüchtlingshilfe auf Formalitäten trifft

Von: Stephan Mohne
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Zu Fuß ein ziemlich langer Schulweg von der Lombardenstraße (kleines Bild rechts) bis zum Katschhof: Zwei Flüchtlingskinder aus Ghana besuchen jetzt die Domsingschule, weil die näher gelegenen städtischen Grundschulen voll sind. Um die Übernahme der Busfahrkosten für die Kinder gab es allerdings einigen Wirbel. Foto: Andreas Steindl/AZ-Grafik: Günter Herfs

Aachen. Die Familie aus dem afrikanischen Ghana hat in ihrem Leben schon wesentlich Schlimmeres erlebt als das, was sich jetzt in Aachen um sie dreht. Und dennoch ist es zumindest für zwei Kinder der Familie im Grundschulalter nicht ganz unwesentlich, welches Ergebnis bei dieser Posse herauskommt.

Es geht dabei um Busfahrkarten, Mittagessen und Nachmittagsbetreuung für die Kinder – genauer gesagt: um die Kosten für diese Dinge. Die Frage lautete nämlich bis Dienstagnachmittag: Wer übernimmt was? Klingt nicht allzu kompliziert, war es aber. Denn bald schon landete man bei der Suche nach einer Antwort im Dschungel der Richtlinien und bürokratischen Hürden.

Doch der Reihe nach. Schon vor geraumer Zeit hat die Aachener Domsingschule der Stadt angesichts der dramatisch gestiegenen Zahl von Flüchtlingen angeboten, ebenfalls Kinder aus Familien aufnehmen zu wollen, die in Aachen stranden oder aber der Stadt über die Verteilmechanismen des Landes zugewiesen werden. Schließlich sind die Aufnahmekapazitäten an städtischen Grundschulen irgendwann erschöpft. So kam es nun auch. Die Stadt fragte an, ob die Grundschule am Katschhof, deren Träger das Domkapitel ist, jene zwei Kinder aus Ghana aufnehmen könne. Die Schule stimmte umgehend zu. Problem gelöst. Bis Dienstag nicht gelöst waren aber andere Probleme, die sich um diesen Fall ranken.

Da wäre zum Beispiel der Schulweg. Die Kinder wohnen in der städtischen Wohnanlage an der Lombardenstraße. Bis zum Katschhof ist es also ein weiter Schulweg. Also fragte die Domsingschule im Fachbereich Soziales und Integration an, ob die Kinder eine Busfahrkarte bezahlt bekommen. Die Antwort fiel abschlägig aus. Mache man hier eine Ausnahme, würden das auch andere Familien für sich reklamieren. Nur: Während andere Familien sich die Schule selbst aussuchen und somit also auch für einen längeren Schulweg selber verantwortlich sind, war das im Fall der Flüchtlingsfamilie nicht so.

Sie hatte keine Möglichkeit, eine nahe gelegene Schule zu wählen. Die sind nämlich voll. Zudem, so erfuhr man bei der Stadt, handele es sich bei der Domsingschule um eine Privatschule. Und da sei die Stadt für derlei Kosten gar nicht zuständig, sondern der Schulträger. Und das, obwohl die kirchliche Schule hinsichtlich der akuten städtischen Platzprobleme für Flüchtlingskinder helfend eingreift. Die Frage der Kosten stellte sich auch beim schulischen Mittagessen für die Kinder. Das konnte über das „Bildungs- und Teilhabepaket“ geklärt werden.

Offen war hingegen auch die Frage der Nachmittagsbetreuung. Die funktioniert an der Domsingschule anders als an städtischen Grundschulen. Es gibt hier keine OGS, sondern ein tageweise flexibel wählbares Angebot. Je nach Schuljahr haben die Kinder nachmittags auch Unterricht – im ersten noch keinen Tag, in Klasse zwei einen und danach zwei Tage in der Woche. An den anderen Tagen kann man sich aussuchen, ob man die Kinder in der Betreuung lassen will. Pro Tag und Monat zahlt man 16 Euro. In der sonst üblichen OGS staffeln sich die Kosten je nach Einkommen der Eltern von 0 bis 150 Euro pro Monat.

Bis Dienstag versuchte die Domsingschule erfolglos, die Kuh vom Eis zu bekommen. Nach einer Anfrage unserer Zeitung kam dann jedoch Bewegung in die Angelegenheit. Dezernentin Susanne Schwier, bekannt für unbürokratisches Handeln, funkte an ihre Fachleute, da müsse doch wohl eine Lösung drin sein. Gürtler erläuterte, dass die Stadt wie gesagt formal nicht zuständig sei, aber: „Es wird intensiv über eine Lösung nachgedacht.“ Später sollte sich alles zum Guten wenden.

Noch einmal zu den Formalien: Nach Landesrichtlinien würde den beiden Kindern laut Stadt gar keine Busfahrkarte zustehen. Die Entfernung von der Lombardenstraße zum Katschhof ist dafür zu gering. Grundschülern kann man laut diesen Richtlinien einen Schulweg von zwei Kilometern zumuten, bevor die Fahrtkosten übernommen werden. Das Wohnheim in der Lombardenstraße ist laut Routenplaner auf der kürzesten Strecke aber nur 1,9 Kilometer von der Domsingschule entfernt. Allerdings bleibt es auch hier dabei: Aussuchen konnten sich die Kinder diesen Schulweg nicht.

Alle städtischen Bedenken lösten sich dann Dienstagnachmittag in Schall und Rauch auf. Es kam zur großen und für die Domsingschule nicht mehr erwarteten Kehrtwende. Denn nun teilte die Stadtverwaltung mit, das Sozialamt werde alle besagten Kosten über das „Bildungs- und Teilhabepaket“ übernehmen. „Das war für uns ein völlig neuer Fall, bei dem wir erst einmal schauen mussten, wie wir damit umgehen“, so Björn Gürtler.

Irma Wüller, Leiterin der Domsingschule, zeigte sich erleichtert: „Wir sind froh, dass das jetzt so geregelt worden ist.“ Und: „Wir werden gerne angesichts der erschöpften Kapazitäten der Stadt weiterhin Flüchtlingskinder bei uns aufnehmen.“ Bürokratische Hindernisse dürfte es dabei dann wohl nicht mehr geben.

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