Aachen - Wo die Leitspur zur gefährlichen Stolperfalle wird

Wo die Leitspur zur gefährlichen Stolperfalle wird

Von: Oliver Schmetz
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Slalomkurs: In der Gartenstraße haben die Straßenbauer einen Parcours abgesteckt, der Blinde vor gefährliche Herausforderungen stellt. Foto: Andreas Steindl
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Gefährliche Stolperfalle: In der Gartenstraße erwartet Blinde wie Jörg-Michael Sachse-Schüler und Blindenhund Sam nun ein Hindernisparcours – inklusive in den Leitstreifen ragende Treppenstufen. Foto: Michael Jaspers
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Willkommen in Schilda: Für einen Sehbehinderten ist ein solcher von etlichen Kellerschächten unterbrochener Leitstreifen eine Stop-and-Go-Strecke. Foto: Andreas Steindl
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Gedankenlosigkeit: Wenn weniger Bürger mit Fahrrädern oder Mülltonnen die Leitstreifen blockierten, wäre Behinderten auch schon geholfen. Foto: Michael Jaspers
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Konfrontationskurs: Caline Strack, Kommission Barrierefreies Bauen, kündigt den Kompromiss mit der Stadtverwaltung in Sachen Leitsystem auf. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Bürgersteig in der Gartenstraße ist ganz frisch gemacht, aber eigentlich kann man die nagelneuen Steine gleich wieder herausreißen. Denn das, was dort auf beiden Straßenseiten als taktiles Leitsystem angelegt worden ist, um Blinden und Sehbehinderten den Alltag zu erleichtern, gleicht einem Hindernisparcours.

Und zwar einem Parcours, bei dem man sich unweigerlich fragt, wie es geschafft werden konnte, auf solch engem Raum so viele gefährliche Stolperfallen unterzubringen. Das fängt damit an, dass der taktile Leitstreifen aus Rippenplatten fast durchgehend unmittelbar an der Häuserkante verlegt ist – und zwar so nah an den Fassaden, dass mehrfach Treppenstufen in den Streifen hineinragen.

Außerdem führt diese Wegführung dazu, dass das Leitsystem ständig durch Kellerschächte unterbrochen wird. Und nicht zuletzt werden an den Häuserwänden oftmals gedankenlos etliche Fahrräder und Mofas, aber auch Mülltonnen abgestellt – allesamt Gegenstände, die Sehbehinderten schmerzhafte Zusammenstöße und Sturzgefahren bescheren können. „Die Situation ist hier hanebüchen“, kommentiert Jörg-Michael Sachse-Schüler die Anordnung auf den frisch sanierten Bürgersteigen. „Ein solches Leitsystem kann ich nicht nutzen, solche Wege meide ich dann.“

Der Mann muss wissen, wovon er spricht, schließlich ist er blind. Sachsen-Schüler engagiert sich ehrenamtlich in der bundesweit agierenden Selbsthilfevereinigung von Sehbehinderten „Pro Retina“ und hat eine klare Meinung zu Leitstreifen, die direkt an der Häuserkante entlang verlegt werden: „Das zeigt anschaulich, wie Blinde und Behinderte in der Gesellschaft an die Seite gedrängt werden.“

Im Idealfall müssten die taktilen Elemente für Blinde und Sehbehinderte mittig auf dem Bürgersteig angebracht werden und am besten auch noch optisch stark kontrastieren. Das weiß auch Caline Strack, die Vorsitzende der Kommission Barrierefreies Bauen in Aachen. Gleichwohl hat ihre Kommission 2009 einem Kompromiss mit der Stadt zugestimmt, der dies für die Altstadt innerhalb des Alleenrings ausschließt – wenn auch nur „zähneknirschend“, wie sie sagt.

„Die Stadtplaner wollen dort keine optischen Kontraste, die für viele Sehbehinderte hilfreich wären. Die Bürgersteige sollen einheitlich grau in grau sein“, sagt Strack. Und innerhalb des Alleenrings dürfen die taktilen Leitstreifen am Rand verlegt werden, aber mindestens 30 bis 60 Zentimeter von den Hauswänden entfernt.

Außerhalb des Alleenrings, wo bekanntlich die Gartenstraße liegt, sollten es dagegen 60 bis 90 Zentimeter Abstand sein – wobei es de facto an manchen Stellen höchstens zehn sind. „Dies entspricht weder dem vereinbarten Standard in Aachen, noch dem Stand der Technik, also sämtlichen Normen oder Richtlinien“, kritisiert Strack.

Dagegen verteidigt Regina Poth, Abteilungsleiterin Straßenbau bei der Stadtverwaltung, die Maßnahme in der Gartenstraße: „Die Bürgersteige sind dort zu schmal, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Es gibt Blinde, es gibt Rollstuhlfahrer, da ist die reine Lehre oft nicht umsetzbar.“ Ähnlich hatte die Stadt zuletzt schon argumentiert, als die Kommission bemängelt hatte, dass vielerorts die Außengastronomie das taktile Leitsystem blockiert. Caline Strack zieht nun Konsequenzen:

„Wir kündigen den Kompromiss mit der Stadt, der bundesweit eine absolute Ausnahme ist, auf und fordern künftig nur noch Leitstreifen in Mittellage“, sagt sie. Und Jörg-Michael Sachse-Schüler wundert sich ohnehin über dieses Problem, das – wie er meint – in anderen Städten keines sei. „Es kann keine Inklusion ohne Barrierefreiheit geben“, sagt er, „aber in dieser Hinsicht ist Aachen so etwas wie das kleine gallische Dorf an der belgischen Grenze.“

Zumindest in der Gartenstraße scheint sich daran nichts zu ändern. Jedenfalls klingt die Stellungnahme der Stadt nicht danach, als sollte das nagelneue Leitsystem, das Blindenvertretern zufolge nutzlos ist, wieder herausgerissen werden.

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