„Wir waren verrückt nach Theater“: Ein Stück Zeitgeschichte

Von: Kathrin Albrecht
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Sie waren (und sind) verrückt nach Theater: Klaus Schulte und Peter Sardoc (rechts) haben der Nachwelt ein wichtiges Stück Theatergeschichte erhalten. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Das Theater von damals war die ganze eigene Welt einer großen Familie, die an einem Tisch Platz nahm, wenn Mutti Specht ihre ,Kinder‘ zum Essen rief.“ So erinnert sich Stefanie Diefenthal-Stevens, Tochter von Mathias Stevens, langjähriger Bühnenbildner am Aachener Stadttheater, an die Anfangsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ihre Erinnerungen sind gemeinsam mit den Erinnerungen von 40 weiteren Zeitzeugen aus den Anfängen des Aachener Theater- und Kulturlebens im Buch „Wir waren verrückt nach Theater“ (14,80 Euro, Mainz Verlag) zusammengefasst und mit zahlreichen Fotos aus Privatbeständen der Befragten ergänzt.

Zeitzeugen kontaktiert

Die Geschichten zusammengetragen haben Klaus Schulte und Peter Sardo. „Wir waren verrückt nach Theater“ ist das fünfte Buch, das sie zur Geschichte des Aachener Stadttheaters vorlegen. Die Idee zu diesem Buch entstand, als die beiden am Vorgänger „Theater aus Ruinen“ gearbeitet hatten. „Wir haben bei unserer Recherche viel Unterstützung durch die lokalen Medien erhalten“, erzählt Klaus Schulte. „Dadurch haben wir Kontakte zu vielen Zeitzeugen geknüpft, sie sich mit ihren Geschichten bei uns gemeldet haben.“

Zu Wort kommen in dem rund 200 Seiten umfassenden Buch neben dem langjährigen Aachener Theaterkritiker Alfred Beaujean oder Wolfgang Sawallisch, Generalmusikdirektor von 1953 bis 1958, die Menschen, die das Theater direkt nach dem Zweiten Weltkrieg mit aufbauen halfen: Bühnenbildner, Musiker und nicht zuletzt die Theaterbesucher. Diese kamen oft zu Fuß aus den Vororten, um eine Vorstellung oder ein Konzert zu sehen. Gespielt wurde entweder im Foyer des zerstörten Theaters oder auch in einer Turnhalle, die die Technische Hochschule zur Verfügung stellte. Oft mussten sie neben dem Eintrittspreis auch Briketts mitbringen, um während der Vorstellung heizen zu können.

Auch den Kunstschaffenden selbst fehlten die Mittel für aufwendige Produktionen. „Es war viel Idealismus nötig, aber das beflügelte die Fantasie“, so Schulte. Den Aachenern, die in dieser Zeit vielen Entbehrungen ausgesetzt waren, bot das Theater die Möglichkeit, für ein paar Stunden den Alltag zu vergessen. So ist das Buch nicht nur ein Beitrag zur lokalen Kulturgeschichte, die Erzählungen spiegeln auch, was ihnen „ihr“ Theater damals bedeutete. „Damals waren die Menschen wirklich verrückt nach Theater, so seltsam das klingen mag in unserer heutigen satten Zeit“, so Klaus Schulte.

Weder Schulte noch Sardo stammen aus Aachen, die Leidenschaft für das Theater hat beide jedoch früh erfasst. Schulte begann seine Karriere als Schauspieler am Bochumer Schauspielhaus, der in Slowenien geborene Peter Sardo stammt aus einer Theaterfamilie. Seit Mitte der 70er Jahre beschäftigen sich die beiden mit der Geschichte des Aachener Theaters. „Zwischen den Jahren 1848 und 1951 klafft eine Lücke“, erläutert Sardo, „wir sehen unsere Aufgabe darin, diese Lücke zu schließen.“

„Eiserne Zeiten“

Und so arbeiten die beiden bereits an einem neuen Projekt: Unter dem Titel „Eiserne Zeiten“ beleuchten sie die Aachener Kulturgeschichte zu Zeiten des Ersten Weltkrieges. „Aachen war eine Etappen- und Lazarettstadt“, so Klaus Schulte. „Wir möchten zeigen, wie es dennoch gelang, in Zeiten des Mangels und der Rationalisierungen ein kulturelles Leben aufrecht zu erhalten.“

Die gleichnamige Ausstellung ist bestückt mit Fotos aus Privatbeständen der Menschen in der Euregio. Vieles ist zusammengetragen, doch die beiden sind noch auf der Suche nach Berichten und Fotos aus dieser Zeit. „Es ist wichtig, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“, so Klaus Schulte zum Abschluss.

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