Wir vergessen nicht, wo unsere Wurzeln liegen

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Ist seit vielen Jahren beim SV Eilendorf die Schnittstelle zwischen dem Jugend- und Seniorenbereich: Norbert Plum. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man darf schon von positivem Wahnsinn sprechen, wenn man Richtung Halfenstraße blickt. Auf der dortigen Sportanlage ist der SV Eilendorf zuhause. Jener Verein, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, und der im Grund völlig ungeplant erstmals in der Vereinsgeschichte in der Mittelrheinliga spielt – also der höchsten Liga für einen echten Amateurverein überhaupt.

Norbert Plum ist SVer durch und durch, hat in den 80er Jahren selbst in der 1. Mannschaft gespielt, ist seit 20 Jahren im Jugendvorstand, derzeit A-Jugend-Obmann, Schnittstelle zwischen Junioren und Senioren.

Und selbstverständlich ist Norbert Plum häufig auf dem Platz, wenn etwas herzurichten oder zu organisieren ist. Und das ist 2014 ganz besonders oft der Fall. Über Aufstieg, Jugend, Vereinsgeist und die Eilendorfer Euphorie spricht Norbert Plum im heutigen Samstagsinterview.

Haben Sie die letzten Wochen des SV Eilendorf bereits verarbeitet?

Plum: Den entscheidenden Spieltag habe ich ehrlich gesagt als diffuses, fast irreales Erlebnis empfunden. Unser Chance aufzusteigen, lag realistisch bei fünf Prozent. Wir mussten bei einem feststehenden Aufsteiger gewinnen und unser Konkurrent Honnef durfte bei einem feststehenden Absteiger nicht gewinnen.

Die Ergebnisse kamen aber wunschgemäß. Wie haben Sie das auf dem Platz empfunden?

Plum: Ich hatte lange große Angst, dass wir so etwas wie ein ‚Meister der Herzen‘ ohne wirklichen Erfolg würden. Immer wieder kamen SMS – aber nichts wirklich Offizielles. Als dann unser Aufstieg wirklich fest stand, war das auch irgendwie unwirklich: Wir waren in der höchsten Klasse, die ein reiner Amateurverein erreichen kann. Wir waren in die Saison ohne jeden Druck, ohne jede Erwartungshaltung gestartet. Und hatten das mit wirklich begrenzten Mitteln geschafft.

Wie ist der Erfolg zu erklären?

Plum: Wenn man so etwas wie einen Vater des Erfolgs nennen möchte, dann ist das sicher der Trainer der 1. Mannschaft, Achim Rodtheut. Er fügt immer spezielle Charaktere zusammen – von der 4. bis zur 1. Mannschaft. Und er vermittelt auch den Spaß am Fußball. Etwas anderes kommt hinzu: Ich denke, dass wir eine wirklich sympathische Mannschaft haben. Die Jungs spielen nicht nur schönen Fußball, die sind auch noch nett.

Woraus resultiert das?

Plum: Wir werden ständig geerdet. Ich glaube, wir haben gefühlt 15 Jahre Bezirksliga gespielt, waren immer wieder mal am Aufstieg dran und sind dann doch nicht aufgestiegen. Da vergisst man seine Wurzeln nicht. Jetzt sind wir innerhalb kurzer Zeit zwei Mal aufgestiegen

Wie ist es um die Nachwuchssituation in Ihrem Verein bestellt?

Plum: Wir haben 350 Jugendspieler in 28 Mannschaften. Eine Grundregel besagt, dass wir nicht nach dem absoluten Leistungsprinzip arbeiten. Hier sollen alle die Möglichkeit haben zu spielen, auch benachteiligte Kinder und Jugendliche. Deshalb haben wir derzeit auch z.B. vier D-Jugendmannschaften.

Haben Spieler der aktuellen 1. Mannschaft auch Ihre Jugend durchlaufen?

Plum: 70 bis 80 Prozent. Wir haben ein System entwickelt mit Obmännern für bestimmte Jugendbereiche, die die Arbeit koordinieren. So kann die Arbeit von den Bambini bis zu den Senioren optimiert werden. Wir haben im Moment vier Seniorenmannschaften, die sich im Grundsatz aus dem eigenen Nachwuchs rekrutieren.

Und Sie haben keine Angst, dass die weggehen?

Plum: Die hohe Identifikation durch alle Jugendbereiche bis zu den Senioren ist auch ein Grund fürs Bleiben. In der vergangenen Saison haben wir von 13 A-Jugendlichen sieben in den Kader der 1. Mannschaft übernommen. Und auch der achte Neuzugang, Lukas Heck, hat unsere Jugendmannschaften durchlaufen und kam über Umwege wieder zu seinem Heimatverein.

Anlässlich seines 100. Geburtstages hat der SV als erster Verein der Region ein Sammelalbum mit Bildern aller Spieler herausgegeben. Haben Sie Ihres komplett?

Plum: Es fehlen noch drei Bilder! Dieses Album ist aber so etwas wie ein Symbol für den Stellenwert unseres Vereins für den Stadtteil Eilendorf. Hier sind alle Spieler vom jüngsten Jahrgang 2009 bis zu den über 50-Jährigen in einem Band. Dass der Eilendorfer REWE-Laden sofort als Hauptsponsor bereit stand, spricht für den Stellenwert des SV. Das Orga-Team hat unseren 100. Geburtstag über zwei Jahre vorbereitet und dabei auch immer wieder gespürt, wie sehr wir in Eilendorf verwurzelt sind.

Ist der SV noch so etwas wie ein Dorfverein im besten Sinne?

Plum: Wir veranstalten seit vielen Jahren an Fronleichnam ein Fußballturnier für alle nicht Fußball spielenden Vereine im Ort, mit dem Ziel einen schönen Tag auf unserer Anlage zu verbringen und den Kontakt zu allen Freunden der anderen Ortsvereine zu pflegen. Ich wiederhole mich hier; wir wiesen wo unsere Wurzeln sind.

Haben Sie viele Reaktionen auf den Vereinsgeburtstag?

Plum: Die Resonanz auf unser Jubiläum war bisher überwältigend. Beginnend mit dem Festkommers im April als auch dem Bunten Abend in der Kappertz Hölle im Mai. Des Weiteren erfährt man viele positive Reaktion von Leuten aus Eilendorf, die nicht direkt was mit Fußball zu tun haben, aber sich einfach mit uns freuen.

In der letzten Saison spielten SV und Arminia in einer Klasse – in der kommenden liegen zwei Ligen zwischen den Vereinen. Das muss Sie doch eigentlich mit Genugtuung erfüllen.

Plum: Gar nicht. Die große Rivalität gehört der Vergangenheit an. Uns kann doch nichts Besseres passieren als Lokalduelle mit der Arminia. Einmal haben die 1000 Zuschauer und einmal wir. Das bringt schöne Einnahmen.

Womit wir dann beim Geld wären. Sie kommen ohne aus...

Plum: Ohne Geld geht es auch bei uns im Jugendbereich nicht. Es geht aber nicht um das Zahlen von Spieler bzw. Trainergehältern. Wir versuchen immer, jede Jugendmannschaft von zwei Trainern betreuen zu lassen und bekommen zweimal im Jahr eine Aufwandsentschädigung, für Benzinkosten und ähnliches. Es spricht da doch für sich, dass unser Pfingstturnier hier die Haupteinnahmequelle ist.

Finden Sie hier ausreichend Helfer?

Plum: Wir haben 2013 ein Modell eingeführt, das zugegebenermaßen zunächst kontrovers diskutiert wurde: Der Mitgliedsbeitrag wurde bei den Jugendlichen um 20 Euro pro Saison erhöht, diese 20 Euro werden aber sofort wieder ausgezahlt, sobald die Eltern zwei Stunden beim Pfingstturnier mitgeholfen haben. Der Erfolg hat uns aber Recht gegeben. Das Signal ist bei den Eltern angekommen. Auch die Eltern werden so positiv an den Verein angebunden.

Ist der Verein angesichts von 350 Jugendkickern nicht am Ende der Kapazitäten angelangt?

Plum: Das ist der Fluch der guten Taten. Im Winter sind wir – wenn nur auf dem Kunstrasen trainiert werden kann – am absoluten Limit angelangt. Zum Glück haben wir die Möglichkeit an einigen Tagen in der Woche bei unseren Freunden vom SC Nirm trainieren zu dürfen, wofür wir natürlich sehr dankbar sind. Aber wir wollen und können als e.V. niemanden abweisen.

Aber irgendwann kommen doch die Nachwuchs-Kicker an einen Scheideweg.

Plum: Beim Übergang von Junioren- zum Seniorenbereich ist es für jungen Menschen toll zu sehen, dass sie eine Chance haben. Achim Rodtheut ist ja auch der sportliche Leiter der Jugendabteilung. Jedes Jahr im März führen wir beide Gespräche mit den jungen Spielern, die in den Seniorenbereich wechseln und Achim Rodtheut macht eine klare Ansage: Wo wollen sie hin, wo sieht er die jeweiligen Spieler. Er vermeidet so auch falsche Hoffnungen und sorgt für einen fließenden Übergang der jeweiligen Spieler in die passende Seniorenmannschaft.

Sind Sie an der Grenze des Machbaren angekommen oder kann man den Verein noch weiterentwickeln?

Plum: Wir können uns ständig weiterentwickeln. Es ist unser bestreben, die Qualität der Trainer ständig zu verbessern, wie zum Beispiel durch regelmäßige Trainerteamsitzungen, bei denen fußballspezifische Schwerpunktthemen anhand von Fallbeispielen besprochen werden, weiterhin übernehmen wir die Unkosten bei der Erlangung von Trainerlizenzen und Fortbildungsmaßnahmen. Genauso sind wir bestrebt, unsere Jugendspieler gemäß der Vereinsphilosophie „ Respekt vor Mitspielern, Gegenspielern, Schiedsrichter, Trainer und Zuschauer“ zu sensibilisieren.

Hinsichtlich unserer Jugendabteilung hatten wir vor einigen Jahren die Größenordnung von 200 Jugendspielern im Blick und dachten, das wäre das Ende des Machbaren. Man weiß also nie, wohin es noch geht. Es gibt bei uns zum Beispiel auch den Traum von einer kleinen Tribüne auf der Platzanlage.

Wie ordnen Sie als früherer, erfolgreicher Spieler der 1. Mannschaft das Jahr 2014 ein?

Plum: Das Jahr ist für mich das absolute Highlight, obwohl wir vor 31 Jahren auch in die damalige Verbandsliga aufgestiegen waren. Aber diese Euphorie und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl habe ich noch nicht kennengelernt. Vielleicht weil wir gar nicht mit dem Aufstieg gerechnet hatten.

Und wenn es wieder runter geht?

Plum: Entscheidend ist, dass der Charakter des Vereins erhalten bleibt und Negativerlebnisse verkraftet werden. Wir alle sollten das Jahr in der Mittelrheinliga genießen und vielleicht ergibt es sich, nach dem Pokalspiel im Oktober 2012, ein zweites Mal auf dem Tivoli spielen können. Und mit uns meine ich den ganzen Verein.

Der jetzige Jugendvorstand besteht in dieser Konstellation seit etlichen Jahren und die Zusammenarbeit ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Mein Wunsch ist, dass auch für diesen Bereich weitere junge Leute nachkommen, die uns mal beerben. Am schlimmsten wäre es, wenn das, was aufgebaut wurde, wieder kollabiert. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen werden.

Bitte ein paar Antworten

Norbert Plum, 08.01.57, Familienstand: verheiratet, 2 erwachsene Kinder, Beruf: Dipl.- Ing

1. Worüber können Sie (Tränen) lachen?: Hintergründige Situationskomik

2. Was macht Sie wütend?: Unehrlichkeit und Intrigen

3. Was ertragen Sie nur mit Humor?: Meine eigenen Schwächen und davon gibt es einige

4. Ihr wichtigster Charakterzug?: Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit

5. Ihre liebsten Roman- und Filmhelden?: Giovanni Manzoni in dem Roman Malavita. Tom Hanks in einem meiner Lieblingsfilme Forrest Gump

6. Wofür sind Sie dankbar?: Für meine Familie

7. Welcher Ort in Aachen lädt Sie zum Träumen ein?: Der Hof in Aachen bei einem leckeren Bier vor dem Domkeller.

8. Was würden Sie zuerst ändern, wenn Sie einen Tag in Aachen das Sagen hätten?: Alle Aschenplätze in Kunstrasenplätze zu wandeln und den Ladies in Black eine angemessene Sporthalle zur Verfügung stellen.

9. Wie würden Sie die Aachener charakterisieren?: Einen Aachener bringt nichts aus der Ruhe und Probleme werden meistens mit einem Schuss Humor gelöst.

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