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„Wir lassen Wasser in den Saal”: Wie DJ Heinrich die Disco erfand

Von: Robert Esser und Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:
50 Jahre Diskothek
Der ehemalige Discjockey im Scotch Club, Klaus Quirin: 50 Jahre ist es jetzt her, seit aus einem Speiselokal die angeblich weltweit erste Tanzbar mit Discjockey, der Scotch Club, entstand. Foto: dpa

Hamburg/Aachen. Ein 19-jähriger Maulheld, ein erfolgloses Speiselokal und Lale Andersens Platte „Ein Schiff wird kommen”: Mehr brauchte es nicht, um vor genau 50 Jahren den Beruf des Diskjockeys und damit die erste Diskothek der Welt zu erfinden. Und dies nicht etwa in New York oder Berlin, sondern am Aachener Dahmengraben.

Hier gaben sich damals angehende Stars wie Howard Carpendale und Udo Jürgens das Mikrofon in die Hand - und der spätere TV-Moderator Max Schautzer legte Platten auf. „Das wird mich ewig mit Aachen verbinden, deswegen komme ich immer wieder gerne zurück - vor allem zur Ordensverleihung wider den tierischen Ernst beim Aachener Karnevalsverein”, sagt Schautzer. Das passt.

Denn die Gründungsgeschichte der weltweit ersten Diskothek entbehrt nicht eines gewissen Witzes. Und begann doch ziemlich ernst: Der Unternehmer Franzkarl Schwendinger aus Österreich hatte 1959 sein exklusives aber umsatzschwaches Restaurant, den „Scotch Club”, in ein Tanzlokal umgewandelt. Bisher spielten kleine Kapellen in den etablierten Tanzbars, und die Gäste bewegten sich rhythmisch zur Live-Musik. Schwendinger aber hatte eine völlig neue Idee: Die Musik sollte von Schallplatten kommen, die Gäste zu den aus dem Radio bekannten Originaltiteln und Interpreten tanzen. So etwas gab es auf dem ganzen Globus noch nicht, die Diskothek war geboren.

Doch gleich bei der Eröffnungsfeier der neuen und einzigartigen „Jockey Tanz Bar” drohte ein Fiasko. Das einfache Auflegen einer Schallplatte nach der anderen kam bei den Gästen gar nicht gut an. Sie empfanden die Platte als tote Musik, da sie aus anderen Bars die Live-Combos gewöhnt waren.

Zu den Kritikern, die ihrem Unmut lautstark Luft machten, zählte auch Klaus Quirini, einer der drei anwesenden Journalisten. Quirini war als Volontär der NRZ zur Eröffnung eingeladen. Und er war begeisterter Hörer von Radio Luxemburg, dem Sender, bei dem „Schallplatten-Jockeys” die Musik moderierten und ihr Publikum mit lockeren Sprüchen und Späßen unterhielten.

„Ich habe an diesem Abend zum ersten Mal in meinem Leben Whisky getrunken, vielleicht daher meine große Klappe”, erinnert sich der 68-Jährige. Scotch Club”-Besitzer Schwendinger konterte den lauthals schimpfenden Quirini: Wenn er es besser könne als sein „Plattenaufleger”, möge er es bitte selbst versuchen.

Daraufhin griff Klaus Quirini zum Mikrofon, machte seine erste Ansage („Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen”) - und erntete Beifallstürme. Von diesem Zeitpunkt an war er der erste Diskjockey der Welt.

Durch Moderation, interaktive Spiele mit seinem Publikum, Tanzeinlagen und sicheres Gespür für die Wünsche der Gäste belebte er die „tote” Musikkonserve Schallplatte und etablierte die „Jockey Tanz Bar” im Aachener „Scotch Club” dauerhaft als international besuchten Tanztempel.

Auf Drängen seines Vaters legte Klaus Quirini sich den Künstler-namen „Heinrich” zu, den er einem Titel von Trude Herr entlieh. DJ Heinrich arbeitete zunächst fest im „Scotch Club”. Er hieß das erlesene Publikum allabendlich in bis zu 14 verschiedenen Sprachen willkommen, die Begrüßungen hatte er in Lautschrift notiert.

Lange bevor der deutsche Duden den Begriff „Diskothek” Mitte der 60er Jahre aufnahm, war Heinrich der Gute-Laune-Macher, Pausenclown, Ansager, Vortänzer und die Stimmungskanone; kurz gesagt: Entertainer am Plattenteller in der Diskothek „Scotch Club”. Größen der Musikbranche begannen in der „Jockey Tanz Bar” am Dahmengraben ihre Kariere: darunter Peter Maffay, die Rattles und sogar der mehrfache Oscar- und Grammy-Preisträger Giorgio Moroder.

In den USA entstanden die ersten Discos in den Siebzigern, nachdem es in Aachen schon bis zu 42 Diskotheken gab. „Die Amerikaner hätten aus Aachen New Orleans gemacht”, kommentiert Quirini das damalige Mekka der Diskos. Es herrschte Krawattenzwang. Udo Lindenberg und Frank Elstner wurden deswegen laut Quirini nicht eingelassen. „Aus der ganzen Welt besuchten uns Unternehmer oder luden mich zu sich ein, um das Geschäftsmodell der Disco kennenzulernen und zu übernehmen”, erinnert sich DJ Heinrich, der vor der Arbeit für die Zeitung eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte.

„Musik ist Kunst und Unterhaltung, aber auch ein Geschäft”, sagt Quirini. Er interessierte sich von Beginn an für die Welt hinter den Kulissen mit ihren geschäftlichen Zusammenhängen. „Es geht um Geld. Und das verdienen Komponisten, Texter, Arrangeure und die Plattenfirmen. Der Künstler steht am Ende der Kette. Andererseits bleiben gerade die Komponisten oft im Hintergrund und fern des Ruhmes, der ihnen eigentlich gebührt”, analysiert der Diskotheken-Pionier, den es nicht wie viele seiner späteren Kollegen zum Fernsehen zog. Stattdessen widmete er sich den organisatorischen und kaufmännischen Belangen rund um das Geschäft mit der Musik. „Das hat sich halt so ergeben. Und einträglich war es auch”, räumt Quirini ein.

1963 gründete er die Deutsche Discjockey Organisation (DDO), ihm ist es zu verdanken, dass der DJ ein Beruf wurde, so sind die Unterhalter am Plattenspieler der Künstler-Sozialversicherung angeschlossen, da sie eine „geistige Tätigkeit” verrichten.

Die Zeiten haben sich geändert, wie die Musik und die Akteure. 2500 registrierte Tanztempel zählt Deutschland heute. Marianne Limburg führt seit langem mit dem „Himmerich” und dem Aachener „Starfish” die wohl größten Diskotheken der Region. Das Geschäft ist schwieriger geworden: „Die Finanzkrise ist in den Portemonnaies der jungen Leute angekommen. Man gibt weniger aus, geht seltener aus”, sagt sie. Nur mit immerfort neuen Ideen und außergewöhnlichen Events könne man der bundesweiten Diskokrise trotzen.

Davon war man anfangs weit entfernt. Die erste von DJ Heinrich angesagte Platte war Lale Andersens „Ein Schiff wird kommen” und hatte wahrhaft visionären Charakter: Quirini arbeitete für den WDR, den Belgischen Rundfunk und auf einem Schiff, das den Sender „Radio Nordsee” beherbergte. Letzteres war ein Piratensender, der von außerhalb der Drei-Meilen-Zone sendete. Wieder leistete Klaus Quirini Pionierarbeit, indem er eine weltweite Debatte über den freien, nicht staatlichen Rundfunk entfachte.

1970 gründete er die DDU, den Verband Deutscher Diskotheken-unternehmer, 1974 folgte der Verband der Deutschen Musikschaffenden, kurz VDM, dem er bis heute vorsteht. „Wir schufen eine Sozialklammer, die besagt, dass das Gehalt des Discjockeys ebenfalls hoch ist, wenn der Unternehmer einen hohen Umsatz erzielt”, erklärt der Musik-Kaufmann und Fachmann für Urheber- und Leistungsschutzrechte. Einen Teil seiner Tätigkeit beschreibt Quirini in bester „Heinrich”-Manier: „Ich habe 30 Jahre gebraucht, um das Deutsch der GEMA ins Deutsche zu übersetzen.”

Privat höre er gerne Swing und französische Musik, plaudert der Abonnement der Zeitschrift „Metal Hammer”. Und welche Platte legt der erste DJ der Welt am liebsten auf? „Den Titel, zu dem die Gäste am liebsten tanzen, der beim Publikum für Stimmung und damit beim Unternehmer für Umsatz sorgt”, sagt er. Der Aachener „Scotch Club”, die erste Disco der Welt, wurde 1992 geschlossen. An ihn erinnert heute am Dahmengraben nichts mehr.
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