Winter statt Frühling: Ganz Aachen rutscht

Von: Valerie Barsig, Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Kaum ein Durchkommen: Sogar die Räumfahrzeuge hatten große Probleme im Aachener Schneechaos. Die Glätte an Steigungen machten vor allem Lastwagen das Leben schwer. Es gab zudem viele Unfälle nach diesem heftigen Wintereinbruch im „Vorfrühling“. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Diese Hilfsbereitschaft ist vorbildlich, auch wenn sie an diesem tief verschneiten Morgen zu einer Straßensperrung führt: Weil ein Pkw auf der Eupener Straße gegen 8.15 Uhr in den Graben rutscht, halten andere Autofahrer an, um nach den Insassen zu sehen – allerdings mitten in der Steigung.

Die Folge: Kurz danach kommt keiner mehr weg, und auf der Ausfallstraße im Aachener Süden geht nichts mehr.

Und nicht nur dort. Zigtausende Autofahrer kämpfen sich am Dienstagmorgen in Aachen über teils glatte, teils matschige, teils zugeschneite Straßen durch den Berufsverkehr, der vielerorts zusammenbricht. Lütticher Straße, Schanz, von der Soers hoch nach Berensberg, auf der Trierer Straße, in Eilendorf – vor allem an Steigungen staut es sich oft hinter quer stehenden Lkw. Und häufig kracht es auch. Von Montagabend bis Dienstagnachmittag zählt die Polizei im Stadtgebiet mehr als 50 Unfälle, allesamt enden mit Blechschäden glimpflich. Bis Redaktionsschluss am späten Abend scheppert es in der Städteregion rund 120 Mal.

Busse stark verspätet

Viele Menschen kommen an diesem Tag zu spät zur Arbeit – auch weil der Aseag der Fahrplan verrutscht. „Seit 7 Uhr morgens hatten wir Verspätungen von zum Teil 60 Minuten“, berichtet Aseag-Sprecherin Anne Linden. Unter anderem die Königstraße, die Ahornstraße und die Hüls sind zeitweise für Busse nicht mehr befahrbar, die Linien 12, 22, 25, 30, 33, 35, 43, 55 und 75 müssen umgeleitet werden. Und mancherorts kommen sie gar nicht mehr ans Ziel: In Richtung Lemiers und Orsbach können die Endhaltestellen nicht mehr angesteuert werden.

Dort draußen im äußersten Aachener Westen sitzen auch die hiesigen Wetterfrösche in ihrer neuen Station und ermitteln Wetterwerte, die viele erstaunen, die im Öcher Talkessel mit dem Schnee kämpfen. Gegen Mittag messen sie gerade einmal fünf Zentimeter der weißen Pracht, ein paar Stunden später sind es dann magere sieben Zentimeter. Was möglicherweise daran liegt, dass der Wind die Flocken auf der Orsbacher Ebene einfach an der neuen Wetterwarte vorbei bläst. Denn: „Der Wind ist das Problem. Durch ihn entstehen Schneeverwehungen von 20 bis 50 Zentimetern, je nach Lage“, erklärt Udo ter Horst, Leiter der Station des Deutschen Wetterdienstes. Und sein Kollege Paul Gerhards ergänzt später, dass es in der Stadt an vielen Stellen durchaus mehr Schnee geben könne.

Allerdings. Nicht wenige Anwohner schippen an diesem Tag gefühlte 20 Zentimeter von den Gehwegen vor ihren Häusern, und der Winterdienst beim Aachener Stadtbetrieb spricht von einem – für Aachen – extremen Wetterereignis. „Der Schneefall ist so heftig, dass wir nicht nachkommen“, sagt dessen Chef Dieter Lennartz. „Immer wenn man glaubt, man habe es geschafft, geht es wieder von vorne los.“

250 Mann unterwegs

Sein 250 Mann starkes Team ist am Dienstag seit 4 Uhr morgens mit dem gesamten Fuhrpark und damit 35 Streufahrzeugen unterwegs, um die Dringlichkeitsstufe 1 – die wichtigsten Straßen – befahrbar zu machen. Das sind 550 Kilometer Asphalt, auf die im Tagesverlauf hunderte Tonnen Salz gestreut werden. Doch die gewünschte Wirkung bleibt aus. Das liege an den tiefen Fahrbahntemperaturen, am feinkörnigen Schnee und daran, dass es einfach immer weiter schneit. Nicht jedes Wetterereignis sei beherrschbar, „und heute haben wir so eins“, sagt Lennartz: „Und das Fatale ist, dass wir deshalb aus der Dringlichkeitsstufe 1 einfach nicht herauskommen.“

Dadurch bleiben knapp 900 Straßenkilometer in der Stadt zwangsläufig ungeräumt, weswegen dem Chef des Winterdienstes auch einiges an Kritik entgegenschlägt – und das in teils „unverschämter Art und Weise“, wie er sagt. Lennartz ist darüber „extrem verärgert, weil die Kollegen die ganze Zeit draußen sind und tun und machen“. Er würde sich manchmal etwas mehr Verständnis, Solidarität und Respekt wünschen für die Mitarbeiter, die immer sofort bereit stünden, sagt er.

Denn: „Wir sind doch keine unfähigen Tölpel.“ An der Organisation des Einsatzes gebe es nichts auszusetzen, „aber wir können heute nicht alles schaffen, was die Bürger sich wünschen“, sagt Lennartz, der selber am Dienstag seit 3.30 Uhr im Einsatz ist. Und der auch die ganze Nacht bis zum heutigen Mittwoch auf dem Streuwagen sitzen will. Denn der städtische Winterdienst fährt – weil es immer noch schneit – im Schichtbetrieb rund um die Uhr bis zum Morgen, damit sich das Chaos am Mittwoch nach Möglichkeit in Grenzen hält.

Blitzeis am Wochenende?

Arbeit dürften Dieter Lennartz und seine 250 Mitarbeiter aber auch in den nächsten Tagen noch haben. Das prophezeien jedenfalls die Wetterfrösche in Orsbach. „In den nächsten Tagen hört der Dauerschneefall zwar auf, aber dafür kommen dichtere, kurze Schneeschauer und Graupel“, weiß ter Horst. Und zum Wochenende hin soll es zwar wieder etwas wärmer werden, aber dafür droht etwas, was schippende Anwohner, rutschende Autofahrer und streuende Winterdienstler gar nicht mögen – Blitzeisgefahr.

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