Aachen - Wie sehr darf der Dom glänzen?

Wie sehr darf der Dom glänzen?

Von: Thorsten Karbach
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Neuer Glanz: Die Mosaiken nach
Neuer Glanz: Die Mosaiken nach den Entwürfen des venezianischen Fachmannes Salviatis werden von den Experten in der Kuppel des Aachener Domes wieder golden schimmernd gereinigt. Die Denkmalbehörde will dagegen die dunklen Tupfen Schapers (links) bewahren. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die schwarzen Schapertupfen sorgen in diesen Tagen für dunkle Mienen bei Dombaumeister Helmut Maintz und seinem Team. Denn während die Sanierung der Dommosaiken auf die sprichwörtliche Zielgerade einbiegt, könnte die Denkmalschutzbehörde die Handwerker auf den letzten Quadratmetern der Kuppel des 16-Ecks noch einmal ausbremsen.

„Unser Zeitplan wackelt”, muss Maintz deswegen hoch oben auf dem Gerüst in der Kuppel stehend feststellen. Eigentlich soll am 25. Juli mit dem Abbau des Gerüstes begonnen werden. Der müsse auf jeden Fall in den Sommerferien erfolgen, denn nur dann lasse sich der Dom ein paar Tage sperren. Und anschließend wäre der Dom erstmals seit Januar 2007 in seinem Innern frei von Baugerüsten - während außen die Arbeiten weitergehen und die Nikolauskapelle eingerüstet wird.

Doch zunächst gilt es für den Dombaumeister eine im Wortsinne glänzende Meinungsverschiedenheit mit den Denkmalschützern in dem Sakralbau aus der Welt zu schaffen. Streitpunkt sind ein paar dunkle Mosaiksteinchen hoch oben in der Kuppel. Dort ist nämlich die Arbeit von gleich zwei Künstlern zu beobachten. Zunächst hatte der Venezianer Antonio Salviati (verantwortlich schon für St. Pauls in London und die Berliner Siegessäule) den oberen Teil der Kuppel mit den „24 Ältesten” nach Entwürfen des belgischen Architekten Jean-Baptiste Béthune gefertigt.

1880 war das, nachdem man 1969 unter preußischem Diktat begonnen hatte, den alten italienischen Stuck aus dem Dom zu reißen. Salviatis Mosaike sind wahrlich glänzende Meisterwerke, hellgolden schimmern sie nach der ausführlichen Reinigung der vergangenen Monate. Unter ihnen hat von 1896 bis 1902 die Firma Puhl & Wagner den Entwurf des Hannoveraners Hermann Schaper (der auch die Berliner Gedächtniskirche gestaltete) umgesetzt. Und Schaper hat es gerne etwas dunkler. Immer wieder tauchen in seinen goldenen Flächen schwarze Mosaiksteinchen auf, die dem Gesamtbild einen düsteren, demütigeren Eindruck verleihen. Ja, wirkungsvoll sind sie, diese Schapertupfen.

Asphaltlack und Rübenkraut

Während die Rosette, aus der die dicke Kette des Barbarossaleuchters in die Tiefe reicht, in Absprache mit Salviati von Schaper 1902 verändert wurde, gibt es laut Maintz keine Dokumente, die Schapers Eingriffe in die Salviatikunst erlauben. Denn nachdem seine Mosaike fertig waren, ließ der Deutsche die Goldstücke des Italieners mit Asphaltlack bestreichen, gab ihnen schwarze Tupfen, um ein einheitliches Gesamtbild zu erschaffen. Und genau das will Aachens Dombaumeister Helmut Maintz wieder ändern, auch wenn sich die Reinigung vom Asphaltlack schwierig gestaltet, weil sich dieser zwischen Goldfolie und Deckglas gesetzt hat.

Doch auch das meistern die Fachleute mit Wasser und Spiritus, die ansonsten tausende der insgesamt 25 Millionen Mosaiksteinchen wegen Schäden lösen müssen, mit Rübenkraut aufkleben, Mörtel ausbessern und dann wieder in den Mörtel drücken und mit Wasser vom Rübenkraut lösen. Nur gibt es unterschiedliche Ansichten, was nun das historische Bild des Domes ist - der ursprüngliche Salviati-Glanz für die Kuppel-Gloria (findet Maintz) oder die Schaper-Verdunklung (Standpunkt der Denkmalschützer).

Wessen Kunststil ist schützenswerter? „Da werden wir wohl noch mal diskutieren müssen”, sagt Maintz. Dabei gibt es auch so noch genug zu tun. In der Kuppel lassen Risse bis aufs karolingische Mauerwerk blicken, verwitterte Nägel drücken die kleinen Steinchen nach vorne.

Weiter unten, auf dem Boden der Tatsachen gibt es dagegen eine Lösung. Damit die Marmorplatten des Münsters nicht mehr von Kohlendioxid - sprich: dem Atem der Besucher - angegriffen werden, wird eifrig der Gehalt in der Luft gemessen und bei Bedarf durch Gitter ein „Luftwechsel” gestartet. Eine erfreulich luftige Lösung, wenn man den Gegenwind bei der Mosaikensanierung bedenkt.

Straffer Zeitplan: Bis zum 25. Juli sollen die Fachleute mit der Sanierung der Kuppel fertig sein, dann wird das 45 Tonnen Stahl schwere Gerüst abgebaut und der Dom für ein paar Tage nicht zugänglich sein. In Hildesheim wurde für ähnliche Arbeit der Dom ein Jahr gesperrt.
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