Wie Paul Pooetz mit Amigos den Karneval erobert

Von: Robert Esser
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Atemberaubende Auftritte mit der Öcher Version von „Nessun Dorma”: René Brandt alias Paul Pooetz erntet regelmäßig Beifallsstürme auf den Aachener Karnevalsbühnen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der sagenhafte Aufstieg von Paul Potts vom Handy-Verkäufer zum Superstar der Klassik-Szene mit „Nessun Dorma” prägt den Öcher Fastelovvend: René Brandt, Mitglied der 4 Amigos, schmettert im Rahmen der umjubelten Auftritte des grandiosen Mundart-Quartetts regelmäßig seine Version der weltbekannten Klassik-Arie ins Mikrofon - in astreinem Öcher Platt, mit wahnwitziger Präzision, unter dem tosenden Applaus des Publikums.

Der Aachener Karneval hat mit Brandt, „Paul Pooetz” und den 4 Amigos tatsächlich seine ganz eigenen „Superstars” gefunden.

Gibt es schon einen Termin mit Dieter Bohlen zum nächsten Casting von „Deutschland sucht den Superstar”?

Brandt: Nein. Den gibt es nicht. Ich glaube zwar, dass ich gegen einige Recall-Kandidaten durchaus eine Chance hätte - aber ich bin wohl zu alt. Und mein Gesicht scheint mir auch etwas zu faltig.

Haben Sie angesichts Ihres wirklich atemberaubenden Stimmvolumens mal ernsthaft über ein Casting im Fernsehen nachgedacht, bei Bohlen oder anderswo?

Brandt: Nein, darüber habe ich niemals ernsthaft nachgedacht. Ich bin Metallbauer und Schmied. Dabei bleibe ich.

Sie ziehen beim Singen demnach vor, dass das Publikum nicht über Sie, sondern mit Ihnen lacht, wenn Sie mit den Amigos auf der Bühne stehen.

Brandt: Absolut. Vor 13 Jahren sind die 4 Amigos aus der Tropi-Garde im Aachener Ostviertel, also aus dem Pfarrkarneval, hervorgegangen. Bei den Tropis war mein Bruder Uwe damals über viele Jahre General, und ich habe in der Tropi-Kombo 24 Jahre lang Schlagzeug gespielt. Dort im Josefshaus fühlen wir uns immer noch zu Hause. An diesem Wochenende ist Premiere. Das überschneidet sich jedes Jahr mit der Ordensverleihung wider den tierischen Ernst vom Aachener Karnevalsverein. Deswegen hatten wir auf der AKV-Fernsehsitzung auch erst im vergangenen Jahr unser Debüt.

Mit den 4 Amigos haben Sie in den vergangenen Jahren hunderte Auftritte absolviert. Fast immer ernten Sie Standing Ovations. Gab´s für die Amigos auch mal eine bühntechnische Katastrophe? Oder ist das ausgeschlossen?

Brandt: Ausgeschlossen ist das nie. Wir singen live. Aber so genannte Katastrophen gibt es bei uns natürlich auch. Die haben ihren ganz besonderen Charme, manches vergisst man nie. Drei Beispiele: Wir sind mal im Baesweiler Zelt nach der Kölner Karnevalsgröße Guido Cantz aufgetreten. Das ist wie Howard Carpendale nach Robbie Williams. Der halbe Saal stand auf und ging erstmal aufs stille Örtchen, als wir mit unserem Stimmungsprogramm begannen.

Und dann haben wir vor einiger Zeit mal einen ebenso skurrilen Auftritt gehabt: zu einer Kinderkommunionsfeier vor 18 Personen im Wohnzimmer Eiche rustikal. Da braucht man schon Humor. Den braucht man übrigens auch, wenn man mitten auf der Bühne die Hose verliert, die dann um die Fußknöchel hängt. Aber alle hatten ihren Spaß.

In den meisten Sälen ernten Sie schon beim Einmarsch mehr Applaus als die meisten anderen Künstler nach dem Auftritt. Ist das mehr Lust oder mehr Last?

Brandt: Auf jeden Fall mehr Lust! Das ist ein super Gefühl, an so tollen Plätzen wie im Krönungssaal des Rathauses und im großen Saal des Eurogress´ auftreten zu dürfen. Und wenn das Publikum von Anfang so begeistert ist und applaudiert, nimmt einem das natürlich jede Menge Aufregung und Angst bei unserer 30-minütigen Show.

Man hat dann wesentlich weniger Sorgen, dass etwas in die Hose geht. Man ist locker, und die Stimmung schaukelt sich hoch bis zur echten Euphorie auf der Bühne und im Publikum. Ich bin echt total dankbar, dass ich sowas erleben darf. Vor 4000 Menschen auf dem Aachener Markt, vor 400 Menschen in einem Saalbau und vor noch weniger, aber umso mehr begeisterten Leuten im Pfarrkarneval. Da geht einem das Herz auf. Das macht alles einen Wahnsinns-Spaß!

Dabei fußen Ihre Auftritte auf klassischen Öcher Liedern.

Brandt: Wir sind Öcher. Und wir wollen auch auf der Bühne authentisch sein. Ich glaube, das gelingt. Früher haben wir fast ausschließlich traditionelle Mundart-Lieder auf Platt gesungen. Heute kommen mehr und mehr eigene Texte dazu. Über das Gefühl, in Aachen zu leben. Über den Hangeweiher, über Öcher Originale zum Beispiel.

Wie beim Star des Öcher Karnevals in dieser Session, den Sie als Paul Pooetz verkörpern?

Brandt: Genau. Dieser Paul Potts, der es vom Handy-Verkäufer zum Weltstar gebracht hat, imponiert mir. Deswegen habe ich mir gedacht, dass man das auf Öcher Platt auch in der Kaiserstadt machen könnte. Also habe ich einen Text auf Öcher Platt geschrieben und angefangen zu üben. Bei den ersten Proben vergangenes Jahr im Vorfeld der Tropi-Garden-Sitzung standen den Leuten dann tatsächlich die Tränen in den Augen. Das war Gänsehaut pur. Da wusste ich, dass wir was ganz Besonderes auf die Bühne stellen können.

Wie viele Gesangstunden haben Sie genommen, um so viel Volumen in die klassische Stimme geben zu können?

Brandt: Ganz ehrlich: gar keine. Ich weiß, ich kriege einen Ton zum Schwingen. Ich weiß aber echt nicht, warum er schwingt und wie man das gesangstechnisch anstellt. Von der Theorie habe ich keine Ahnung, aber in der Praxis klappt´s.

Aber irgendjemand muss das doch mit Ihnen eingeübt haben.

Brandt: Ich bin Metallbauer und Kunstschmiedemeister. Und mein Chef Michael Hammers, für den ich in Wesseling arbeite, hat eine Gesangsausbildung. Also haben wir beim Schmieden gesungen und geübt.

Das ist doch ein Scherz, oder?

Brandt: Nein. Überhaupt nicht. So war das! Wir haben auch eine ziemlich gute Akustik in der Schmiedehalle. Danach hab´ ich die Nummer dann den Jungs von den Amigos vorgestellt. Die haben gesagt: Du bist bekloppt; genauso machen wir das!

Wie oft schaffen Sie diese „Paul Pooetz”-Nummer?

Brandt: Am vergangenen Samstag zum Beispiel hatten wir vier Auftritte hintereinander.

Ist der Ablauf der Nummer immer gleich?

Brandt: Nein. Mein Bruder Uwe hat ein hervorragendes Gespür dafür, welche Nummer wann passt. Wir variieren das bei vielen Auftritte. Das kommt ganz auf die Uhrzeit, die Stimmung im Saal und den Füllgrad an - in alkoholischer Hinsicht und hinsichtlich der Publikumsgröße.

Kann man zumindest in der Karnevalszeit von den Gagen leben?

Brandt (lacht): Na klar! Wenn man im Bauwagen wohnt und einen ziemlich bescheidenen Lebenswandel hat. Bestimmt! Nein, mal im Ernst: Man kann natürlich nicht von den Gagen leben. Und das wollen wir auch nicht. Für uns ist das einfach ein wunderschönes Hobby, das uns riesigen Spaß macht. Und die Aufwandsentschädigung, die man bekommt, ist wirklich weit weniger wert als der Applaus, diese Woge der Sympathie, die vom Publikum kommt.

Mal ganz abgesehen von den zahllosen Probestunden, für die es natürlich keinen Cent gibt. Das mag sich abgedroschen anhören, ist aber schlichtweg die Wahrheit. Und noch etwas ist wichtig: Wir variieren die Gage nach dem Robin-Hood-Prinzip: Und da reicht die Palette vom kostenlosen Benefiz-Auftritt beim Festival der Oecher Lieder zugunsten der Hilfsaktion „Menschen helfen Menschen” der Aachener Zeitung bis zur Fernsehsitzung des AKV im Eurogress.

Gibt´s das neue Programm der 4 Amigos zur großen Fernsehsitzung des Aachener Karnevalsvereins zum ersten Mal?

Brandt: Nein, Premiere ist auf der Sitzung der Tropi-Garde im Josefshaus - inklusive eines größeren Tanz-Acts, ohne zu viel zu verraten.

Und zwischendurch geht´s zum Auftritt bei der Ordensverleihung wider den tierischen Ernst, der dann am Montag, 20.15 Uhr, in der ARD vor einem Millionenpublikum gezeigt wird?

Brandt: Erstmal ist es entscheidend, dass wir den Saal bei der Ordenssitzung begeistern. Das ist unser Ziel. Und wenn´s gut läuft, wäre es natürlich schön, wenn auch im Fernsehen etwas von der guten Stimmung gezeigt würde. Mal sehen, wie der Endschnitt der Aufzeichnung, die am Montagabend läuft, aussieht. Aber: Wir machen das nicht um jeden Preis. Wenn uns ein Produzent aus München in den Ablauf unserer Nummer hineinpfuschen will, dann spielen wir nicht mit. So ehrlich sind wir dann auch.

Aber lieber ARD als DSDS, oder?

Brandt: DSDS heißt: Die senge doch stronks. Das kann dr Öcher Fastelovvend besser. Und lustiger ist es hier allemal. Wir freuen uns auf die bevorstehenden Höhepunkte der Session 2010.

Ein Audio-Interview mit Paul Pooetz findet sich im Blog 7uhr15.ac.
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